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Seit Wochen redet die Türkei über einen Fauxpas im Fernsehen. Es geht um Die Madonna im Pelzmantel, eines der Hauptwerke des großen türkischen Schriftstellers Sabahattin Ali, der 1948 ermordet wurde. Dieser auch ins Deutsche übersetzte Roman steht noch heute auf der Bestsellerliste. Jetzt soll er verfilmt werden.

Als kürzlich in einer TV-Show darüber gesprochen wurde, sagte eine Moderatorin: "Ich habe das Buch gelesen. Madonnas Liebesleben könnte für das Publikum von Interesse sein." Als der zweite Moderator den Fauxpas bemerkte und daran erinnerte, dass das Buch bereits 1943 geschrieben wurde, riss sie sich noch weiter rein: "Gab es denn Madonna damals schon?". Vielleicht sollte man die Sache mit einem Lächeln abtun, doch sie verweist auf ein tieferes Problem. Einer aktuellen Studie zufolge liest ein Drittel der Menschen in der Türkei keine Bücher. Und ein Teil derer, die sich als Leser bezeichnen, dürften Leute wie die Moderatorin sein, die angab, "Madonnas Buch" gelesen zu haben. Im Gegensatz zu Deutschland mit seinen rund 10.000 Bibliotheken gibt es in der Türkei mit seiner annähernd gleich großen Einwohnerzahl nur 1.150. Bei der Anzahl der Kaffeehäuser ist die Türkei dagegen um Längen voraus.

Bücherferne hat nichts mit Genetik zu tun, sie hat viele Gründe, von einem Bildungssystem, das auf Auswendiglernen setzt, bis hin zu den Buchpreisen. Der Hauptgrund aber liegt in der Büchergegnerschaft der politischen Machthaber während der letzten fünfzig Jahre.

Nach dem Militärputsch von 1980 führte das staatliche Fernsehen konfiszierte Bücher gemeinsam mit konfiszierten Waffen vor. Zahlreiche Altersgenossen von mir, die damals studierten, waren aus Angst gezwungen, ihre Bücher zu verbrennen. Nicht nur lesen, auch schreiben war gefährlich. Nach jedem Putsch wurden die besten Autoren der Türkei inhaftiert, ihre Bücher beschlagnahmt und zensiert. Es entstand ein Klima, in dem es als sicherer galt, sich von Büchern fernzuhalten. Dieses Klima pflegt auch Erdoğan, wenn er sagt, Bücher seien manchmal gefährlicher als Bomben. Nach dem Umsturzversuch vom 15. Juli wurden in der Universitätsbibliothek der Schwarzmeerstadt Samsun Bücher von Gülen verbrannt, der für den Putsch verantwortlich gemacht wird. Es ist nicht verkehrt zu sagen, der Ort mit der höchsten Alphabetisierungsrate in der Türkei sei derzeit der Campus genannte Gefängniskomplex von Silivri, wo die politischen Häftlinge einsitzen. 150 Journalisten und Schriftsteller sind inhaftiert. 30 Verlage wurden geschlossen, weil sie angeblich eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Dies sind die Umstände, unter denen letzte Woche die Istanbuler Buchmesse eröffnet wurde. Ehrengast ist in diesem Jahr Deutschland. Bei der Eröffnung beschränkte sich Maria Böhmer, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, darauf, an die schwierigen Zeiten in der deutschen Geschichte zu erinnern und auf die Bedeutung der Meinungsfreiheit hinzuweisen. Fahri Aral, der zweite Vorsitzende des türkischen Verlegerverbands, war mutiger: "Unsere Lage ist schlimmer noch als nach dem Militärputsch von 1980. Die Meinungsfreiheit wird mit Füßen getreten."

Bücher und Zeitungen können Gesellschaften spalten oder einen. Darum ist die Solidarität freiheitlich denkender Autoren und Journalisten so wichtig. Diese Kolumne ist ein Beispiel länderübergreifender Solidarität. Ich wünsche mir aber, dass noch mehr geschieht, dass zwischen der Türkei und Deutschland eine Brücke aus Büchern gebaut wird. Sonst, so scheint es, wird wohl die Geisteshaltung der "Generation Madonna" die Zukunft übernehmen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe