Frage: Herr Shakine, die Figuren in Ihrer Ausstellung sehen alle gleich aus. Warum?

Eran Shakine: Die Leute fragen mich immer: Wer ist der Jude, der Christ, der Muslim? Ich will aber nicht, dass man das erkennt. Deshalb habe ich auf religiöse Symbole verzichtet. Man soll nicht die Unterschiede zwischen meinen Figuren sehen, sondern nur das, was sie verbindet: Sie sind Menschen.

Frage: Aber Menschen sind unterschiedlich. Gleichheit ist ein Wunschtraum.

Shakine: Das heißt aber nicht, dass man sie ständig mit Labels versehen darf. Etikettierungen sind ein Verbrechen. Wenn man Menschen mit Labels versieht, dann redet man nicht mehr mit ihnen. Dann spricht nur noch der Kopf, nicht das Herz.

Frage: Warum machen wir es dann so gerne?

Shakine: Weil wir damit Ordnung in die Welt bringen wollen. Aber die Welt hat keine Ordnung. Und es ist nicht unsere Aufgabe, das zu ändern. Ständig versuchen wir, es uns leicht zu machen.

Frage: Das ist eine menschliche Eigenschaft.

Shakine: Das Leben ist aber nicht leicht. Ich glaube auch nicht, dass es der menschlichen Natur entspricht, andere Menschen in Gruppen einzuordnen. Kleine Kinder machen das nicht.

Frage: Wieso tun die Erwachsenen es dann?

Shakine: Das System hat ihnen beigebracht, auf diese Weise zu denken. Das ist der Grund, warum es für Trump so leicht war, Menschen mit Labels zu versehen. Die Wähler waren schon die ganze Zeit innerlich bereit dafür.

Frage: Wen meinen Sie mit dem "System"?

Shakine: Es sind alle, die Einfluss haben, etwa die Schule und die Medien. Sie bringen uns bei, alles einzuordnen und schön in Schubladen zu packen. Wir lassen uns sagen, wer zur Gruppe gehört und wer der Feind ist. Das ist schon seit biblischen Zeiten so. Es wiederholt sich wieder und wieder und wieder.

Frage: Sie klingen traurig.

Shakine: Ich schlage mich schon mein ganzes Leben damit herum. Es fällt den Menschen so leicht zu sagen: "Oh, er ist ein Jude. Also muss er eine sehr lange Nase und Hörner aufhaben. Er ist der Böse."

Frage: Menschen scheinen ein Bedürfnis nach Feindbildern zu haben.

Shakine: Wir möchten alle einer Gruppe angehören. Gleichzeitig wollen wir besonders sein. Und wir wollen, dass andere uns anerkennen. Das führt dazu, dass wir uns beeinflussen lassen, dass wir Feindbilder akzeptieren. Und am Ende landen wir dann selbst in einer Schublade. Meine Aufgabe ist es, kleine Löcher in die Schubladen zu bohren, damit wir wieder rauslinsen können. Das ist mein Antrieb.

Frage: Sie haben fünf Kriege erlebt. Wie hat Sie das geprägt?

Shakine: Ich bin zu dem Schluss gekommen: Es ist nicht die Lösung, der Stärkere sein zu wollen. Die Lösung ist, auf sein eigenes Gefühl zu hören. Das ist anfangs schwer, aber wenn man es einmal geschafft hat, ändert es den Blick auf die Welt. Das kann innerhalb von Sekunden geschehen.

Frage: Ihren ersten Krieg haben Sie als Kind erlebt.

Shakine: Den Sechstagekrieg. Als kleines Kind versteht man die Gefahr nicht. Alles ist wie ein Spiel. Die ganze Nachbarschaft sucht gemeinsam Schutz, und man denkt: Oh, toll! Alle Kinder sind zusammen! Alle Nachbarn!

Frage: Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Shakine: Am letzten oder vorletzten Tag des Krieges kam mein Vater, ein Armeefotograf, nach Hause. Er hat uns in einen alten Volkswagen gepackt – meine Mutter, meinen Bruder, unseren kleinen Hund und mich. Wir sind zur Westbank gefahren, nach Hebron. Er war sich absolut sicher, dass Israel diese Orte zurückgeben würde. Die Reise war eine erhebende Erfahrung.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Frage: Inwiefern?

Shakine: Die Leute dort waren sehr nett zu uns. Sie haben uns gegrüßt, mit uns gesprochen. Sie haben uns behandelt wie Freunde. Wir sind immer wieder dorthin zurückgekehrt. Heute sind viele dieser Orte gefährlich für einen Israeli. Es ist undenkbar, dass ich dorthin gehe und einfach mit einem Freund Hummus esse. Das tut schrecklich weh.

Frage: Wie gehen Sie damit um?

Shakine: Ich versuche, die Menschen wenigstens durch meine Kunst zu erreichen. Demonstrationen meide ich, weil dort immer jemand ist, der die Menge manipuliert. Ich habe Freunde, die nach Gaza gehen, um dort etwas zu bewirken. Das tue ich nicht. Manchmal fühle ich mich schlecht deswegen. Das ist die traurige Wahrheit.

Frage: In Israel ist die Gefahr alltäglich.

Shakine: Vor einigen Jahren gingen Raketen auf Tel Aviv nieder. Ich war damals hier. Ich habe meine Kinder zur Schule gefahren und plötzlich waren über uns Raketen. Ich habe an der Straßenseite gestoppt und wir haben Schutz im Graben gesucht. Wir haben die Raketen betrachtet, als wären sie ein Feuerwerk. Natürlich weiß man, was passiert, wenn sie einen treffen. Aber man versucht es als Teil seines Lebens anzunehmen. Egal, wie viele Versicherungen wir abschließen: Das Leben ist nicht sicher. Sicherheit ist eine Illusion.