Ich werde nicht älter als 25. Satz von Ella, den sie ständig wiederholte.

Zum ersten Mal sagte sie ihn mit sechs. Bald darauf sperrte sie sich aus Trotz in ihr Zimmer, verkündete: Ich sterbe jetzt, lehnte sich aus dem Fenster, hing am Sims, ihr Vater schlug die Tür mit einer Axt ein, zog Ella hoch, drei Wochen Hausarrest. Mama, ich werde nicht älter als 25. Werd erst mal zehn, sagte Mama.

Ich wählte 25, weil mir die Zahl gefiel, sagt Ella.

Dieser Satz, ich werde nicht älter als 25, war das Erste, was ich über Ella wusste, sagt ihr Kinderpsychiater. Ich fand es eher beruhigend, dachte: Dann haben wir ja noch Zeit.

Ella war 16, als sie zu ihm kam.

Mit 17 schnitt sie sich in die Pulsadern. Mit 23 schluckte sie ihre Antidepressiva mit Alkohol runter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Ella wurde 25.

Toll, sagten die Eltern, toll, Ella, du lebst. Und Ella dachte, nichts ist toll, es war, als habe sie etwas nicht geschafft.

Vor einem Jahr wollte sie, dass einfach alles aufhört, sie nahm ein Tau, ging zur Kellertreppe, hängte sich auf. Als die Luft knapper wurde, wurde es ihr zu gruselig, und sie friemelte sich wieder heraus.

Die Fantasie, dass sie vorzeitig aus dem Leben scheidet, gerade das hat Ella am Leben gehalten, sagt ihr Psychiater.

Hmm, sagt Ella, da habe ich nie so drüber nachgedacht.

Ella ist 27, jetzt.

Es ist nicht lange her, ein Tag im Februar, da sagte ihr Psychiater: Ich weiß nicht, ob sie es diesmal überlebt.

Wie entsteht Vertrauen zwischen zwei Menschen, die sich nie woanders treffen als in seinem Büro und die über nichts anderes reden als über das Leben von ihr? Wie entsteht Vertrauen zwischen dem Psychiater Michael Schulte-Markwort und seiner Patientin Ella, wenn neben Nähe immer Distanz bleiben muss?

Ella: Als wir uns kennenlernten, war ich volle Kanne auf Krawall. Ich dachte, jeder will mir was Böses: Eltern, Schüler, Lehrer, Therapeut.

Michael Schulte-Markwort: Eine Kollegin bat mich, zu übernehmen, weil sie große Angst um Ellas Leben hatte, dass sie nicht älter wird als 25.

Ella: Ich war davon überzeugt! Ich ging damals einige Monate auf ein Internat, wo ich mich einer Gothic-Gruppe anschloss, drei Jungs und ich. Zuvor war ich immer der Klassenclown, dann sah ich ein dunkles Loch: Geil, spring ich rein. Wir lasen Nietzsche und Schopenhauer und verglichen unsere Ritzer: Liest du, wenn du dich ritzt, hörst du Musik, bist du alleine oder unter der Dusche? Ah, okay, probier ich mal. Als ob wir uns darüber unterhielten, welcher Nagellack der beste ist. Vor dem Unterricht hatten wir immer eine Versammlung in der Turnhalle, an einem Morgen sahen wir: Einer aus meiner Gruppe hatte sich dort aufgehängt. Ich bin komplett ausgetickt, hab Ecstasy geschmissen, gekifft. Meine Therapeutin war mit mir völlig überfordert. Ich saß eine Stunde bei ihr im Zimmer und sah mich an der Gardinenstange hängen. Wie eine Vision: Die ganze Zeit baumelten meine Füße herum.

Schulte-Markwort: Wenn man einen Patienten übernimmt, macht es ungeheuren Druck. Ich koch ja auch nur mit Wasser.

Auszug aus dem Medikationsverlauf

27.02.06. Rp. 48 Tbl. Remergil 15 mg

13.03.06 Remergil hat nicht geholfen Rp. 20 Tbl. Zoloft 50 mg

19.04.06 unter 25 mg Zoloft/d sehr guter Erfolg! Deutlich affektstabilisiert, Eltern sehr zufrieden

18.05.06 weiter etwas Gewichtsverlust, affektiv relativ gut, am letzten So. Ritzen

Ella: Für mich war das bei Ihnen ein Pflichttermin, wie Schule. Ich dachte, meine Eltern und Sie sind gegen mich, Sie wollen mich in die Klinik wegstecken. Ich erinnere mich, dass ich immer so dasaß: (Ella verschränkt die Arme) Alles scheiße, alles kacke.

Schulte-Markwort: So habe ich es nicht in Erinnerung. Die Stunden waren gefüllt, nicht nur durch meine Fragen.

Ich weiß, dass ich anfangs distanzierter wirke, als ich mich fühle.

Ella: Ich muss ja sagen, ich fand Sie am Anfang richtig doof. Ich flennte, und Sie, mit Zettel und Stift: Hmm, hmm. Ja, also was wir machen können ... Ich fragte mich: Berührt Sie das nicht? Ich gab Ihnen einen Spitznamen: The Machine. Weil Sie auf das, was ich sagte, keine Emotion zeigten, nur eine Antwort ausspuckten: Blob.