Viele Kaufentscheidungen fällen wir im Vertrauen auf unsere Erfahrung

1. Was kann ich mir leisten?

Geld verdienen ist nicht einfach, aber es auszugeben: noch schwieriger. Das findet jedenfalls Steffen L. aus Schleswig-Holstein. L. ist studierter Informatiker, er arbeitet im mittleren Management eines IT-Dienstleisters, es ist ein gut bezahlter Job. Gerade hat sich der Mittvierziger ein Auto gekauft. Keinen VW Golf – wie eigentlich mal geplant –, sondern einen Audi A4. Auch nicht mit Serien-, sondern mit Sonderausstattung. Die Türen, die sich automatisch entriegeln, der Kofferraum, der sich automatisch öffnet: nicht nötig, aber nett. Auf seinem Grundstück hat L. nicht nur die defekte Mauer im Garten reparieren lassen, wie er es eigentlich vorhatte, sondern die Terrasse und das Eingangspodest gleich mit erneuert. Und wenn er und seine Frau einkaufen, dann achten sie auf Qualität. Fleisch etwa holen sie beim Metzger, auch wenn es mehr kostet als im Supermarkt. Trotzdem ist jeden Monat Geld übrig: "Die Kohle muss raus", sagt L., "aber ich kann gar nicht so viel konsumieren, wie ich müsste."

Auch wenn Steffen L. hat, was andere Menschen ein Luxusproblem nennen würden: Die Ursachen dafür stellen nicht nur ihn vor Herausforderungen. Die Zinsen sind extrem niedrig, weswegen es sich kaum noch lohnt, Geld wie gewohnt auf Sparkonten zu parken. Aktienkurse erscheinen aufgeblasen, weswegen viele Anleger auch an der Börse zurückhaltend bleiben. Zugleich zieht die Inflation langsam wieder an, weswegen es attraktiver wird, Geld heute auszugeben, als es bis morgen zu verwahren. Erst recht, wenn dieser Tage das Land in den üblichen vorweihnachtlichen Shoppingrausch verfällt. So verschieben sich die Maßstäbe, an denen man sich gemeinhin beim Geldausgeben orientiert. Und auch wenn die Konsumforscher der GfK gerade einen leichten Rückgang beim Konsumklima beobachtet haben, ist die Stimmung seit 2011 fast kontinuierlich besser geworden.

Steffen L. kann sich zwar auch manches nicht leisten. Spaziert man mit ihm durch die Hamburger Innenstadt, dann deutet er zum Beispiel auf die Schaufensterscheibe des Geschäfts von Tesla. Dessen Elektroautos waren ihm dann doch zu teuer. Und trotzdem kauft er sich Dinge, auf die er vor einigen Jahren wohl verzichtet hätte, und er finanziert sie sogar teilweise per Kredit, obwohl er auch bar bezahlen könnte, sein neues Auto etwa.

Darlehen können eine Falle sein: Sind die Zinsen hoch, ermöglichen sie, dass man sich heute etwas leisten kann, morgen dafür aber auf umso mehr verzichten muss. Doch bei niedrigen Zinsen und steigenden Preisen gilt diese Verzichtsgleichung nicht mehr.

Wie aber entscheiden wir, was wir uns leisten können und was nicht? Wie legen wir fest, ob noch Geld da ist für einen neuen Anzug, das Dinner beim Italiener oder den automatischen Flaschenöffner, der anschließend im Schrank herumsteht?

Dieser Artikel stammt aus dem Geld-Magazin der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

"Stimmt der Preis, ist in den meisten Fällen nicht entscheidend, wie viel Geld wir im Portemonnaie oder auf dem Konto haben", sagt Tobias Vogel, der am Lehrstuhl für Konsumentenpsychologie der Uni Mannheim forscht. "Wir legen vielmehr mentale Konten an, auf die wir einzelne Ausgaben buchen." Ein leckeres Mittagessen? Geht, wenn auf dem Konto für Restaurantbesuche noch etwas übrig ist. Die neue Kamera? Ist drin, wenn das Technikkonto noch nicht überzogen ist.

Das Konzept der mentalen Konten geht auf den renommierten amerikanischen Verhaltensökonomen Richard Thaler zurück. Wie viel Geld auf jedem Konto zur Verfügung steht, ist danach weniger eine Frage bewussten Entscheidens als eine Sache der Gewohnheit. Nach einer Weile weiß man, wie viele neue Klamotten jeden Monat ins Budget passen oder wie oft eine Taxifahrt drin ist. "Schwieriger wird es, wenn die Erfahrung fehlt", sagt der Konsumpsychologe Tobias Vogel. "Wer etwa ein Haus kauft oder eine Hochzeitsfeier plant, muss sein Budget gründlicher kalkulieren und überlegen, wo das Geld anschließend fehlt."

Wenig Spielraum haben dabei Verbraucher mit einem niedrigen Einkommen. Das belegt eine Studie des Sozio-oekonomischen Panels des DIW Berlin. Danach geben Haushalte mit einem sehr geringen Einkommen einen fast doppelt so hohen Anteil ihres Geldes für Lebensmittel aus wie Haushalte mit hohem Einkommen. Ähnlich ist es bei den Ausgaben fürs eigene Dach überm Kopf. Umgekehrt können arme Haushalte nur einen halb so hohen Anteil ihres Einkommens für Mobilität und Freizeit lockermachen wie jene, die vergleichsweise viel Geld verdienen.

Wer bei seinen Ausgaben genauer kalkulieren muss oder möchte, der kann sich mit einem Haushaltsbuch behelfen. Eine Vielzahl von Apps fürs Handy erleichtern heute, was früher mit reichlich Papierkram verbunden war: Kostenlos zu haben ist zum Beispiel der VSB Haushaltsplaner des VerbraucherService Bayern. Die Apps Mein Haushaltsbuch, Meine Ausgaben, MoneyControl und You Need A Budget bieten im Wesentlichen ähnliche Funktionen, unterscheiden sich vor allem in der Bedienung und kosten in der unbeschränkten Version ein paar Euro.

Die Haushaltsbücher ersparen allerdings eine wichtige Frage nicht, die sich Steffen L. nach seinem Autokauf gestellt hat: "Alter Schwede, brauchst du die ganzen Extras wirklich?" Das Auto hat er zwar behalten, aber seitdem schon auf manchen Kauf verzichtet, den er sich finanziell durchaus hätte leisten können, eine Drohne zum Beispiel oder ein neues iPad. Und er ist der freiwilligen Feuerwehr beigetreten, um etwas zurückzugeben, wie er sagt, und zu verhindern, dass andere Menschen ihr Hab und Gut verlieren. Das erde ihn, sagt L. – ein Gefühl, das man für kein Geld der Welt kaufen kann.

Jens Tönnesmann

Anmerkung: Auf Bitten des Protagonisten wurde sein Name für die Online-Ausgabe des Artikels abgekürzt (red).