Nina Petri, 53, eine vielseitige Künstlerin. Bühne, Fernsehen, Hörbuch. Und natürlich die große Leinwand. Für "Lola rennt" und "Bin ich schön?" erhielt sie den Deutschen Filmpreis. Auch ihr Auftritt beim Interview: eine tolle Szene. Ottensen, elf Uhr, die Wohnungstür geht auf. Da steht sie, barfuß, im Schlafanzug.

DIE ZEIT: Frau Petri, wann waren Sie das letzte Mal beim Arbeitsamt?

Nina Petri: Im Frühjahr. Da endete meine Theatertournee, ich habe mich arbeitslos gemeldet, das erste Mal seit langer Zeit. Ich kenne das ja, ich habe eine Amts-Vergangenheit, mit Sozialamt und jeden Cent umdrehen.

ZEIT: Fällt so ein Gang dann leichter?

Petri: Überhaupt nicht. Ich hatte eine unheimliche Abneigung gegen den Besuch. Ich hatte keine Not, aber ich war fest davon überzeugt, dass ich es jetzt zum ersten Mal in meinem Leben schaffe, Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben. Für Schauspieler ist das kompliziert. Es kommt darauf an, wie viele Tage man in den vergangenen Jahren fest engagiert war, damit man Geld bekommt.

ZEIT: Hat es geklappt?

Petri: Nein, leider nicht. Es fehlten mir verdammte 20 Tage. Es braucht dir nur einer zu fehlen, und schon bist du weg vom Fenster. Dabei hatte ich eine Theatertournee, dann habe ich drei Monate in Bad Hersfeld gespielt. Ich hatte eine Serie, die mich über einen größeren Zeitraum abgesichert hat. Diese Angestelltenregeln sind völliger Quatsch. Warum bin ich fest angestellt, wenn ich Theater mache, aber Freiberufler bei Hörbüchern oder Lesungen? Weil ich bei Film oder Theater "weisungsgebunden" bin, so lautet der Passus, weil ein Regisseur mir vorschreibt: Du gehst jetzt von rechts nach links. Ansonsten kann ich machen, was ich will .

ZEIT: Was tun Sie, wenn Sie kein Arbeitslosengeld bekommen?

Petri: Ich versuche immer, genug Geld für drei Monate zurückzulegen, das funktioniert. Manche Kollegen sind entsetzt: Was? Du weißt nicht, was in drei Monaten ist? Oh Gott, oh Gott. Aber ich finde das toll. Selbst mit dieser immer wiederkehrenden Existenzangst.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Hat man Sie an der Schauspielschule auf diese Angst vorbereitet?

Petri: Auf der Schauspielschule lernt man, dass man am Theater landet und dann mit einem Zweijahresvertrag in der Tasche wie ein Vagabund durchs Land zieht. Ich wollte das auch. Aber ich habe diese Verträge nie bekommen.

ZEIT: Woran lag das?

Petri: Keine Ahnung. Ein Produzent hat mir im Suff mal verraten, dass ich "den Glamour-Faktor" nicht habe, was auch immer das heißt. Heute ist mir das egal. Ich bin lieber ich selbst.

ZEIT: Statt mit dem Theater wurden Sie 1989 mit der TV-Reihe Rote Erde berühmt.

Petri: Ich wollte gar nicht zum Fernsehen. Im Anschluss habe ich direkt einen großen Packen Bewerbungen an Theater geschickt. Aber da schlug mir eine unglaubliche Arroganz entgegen.

ZEIT: Warum?

Petri: Fernsehen hatte damals ein schlechtes Image. Es hieß, das sei keine Kunst. Als Schauspielerin im Fernsehen sei man nur eine Hure, richtige Schauspieler gingen auf die Theaterbühne. Ich wurde meist nicht mal zum Vorsprechen eingeladen. Einmal sagte ein Intendant zu mir: Was wollen Sie hier? Gehen Sie wieder zum Fernsehen, da können Sie mehr verdienen. Das war es dann.

ZEIT: Was haben Sie beim Fernsehen verdient?

Petri: So viel wie nie wieder in meinem Leben. Gefühlt zumindest. Ich hatte die weibliche Hauptrolle, 52 Drehtage! 50.000 Mark habe ich verdient. Ich dachte, ich bin megareich, von jetzt an trinke ich nur noch Champagner und esse Kaviar.

ZEIT: Aus welchen Verhältnissen kamen Sie?

Petri: Bis ich dieses Geld verdient habe, war ich arm. Sozialamt. Ich habe vom Existenzminimum gelebt. Ich hatte nur Sperrmüll zu Hause, geschenkte Möbel.

ZEIT: Was haben Sie sich gegönnt von Ihrer ersten Gage?

Petri: Eine eigene, neue, richtig teure Matratze. Bis dahin hatte ich nur auf gebrauchten WG-Matratzen geschlafen.

ZEIT: Was haben Sie in guten Jahren verdient, was in schlechten?

Petri: Zahlen nennen finde ich blöd. Ich habe früh gelernt, von wenig zu leben. Das ist mir bis heute nicht abhandengekommen. Ich kann auf all das hier verzichten (schwenkt mit der Hand durch den Raum). Ich hatte in Bochum nicht mal ein Badezimmer, aber ich konnte in der Schauspielschule duschen. Oder eben Katzenwäsche am Waschbecken. Es gab keine Heizung, für die Kohleöfen hatte ich kein Geld. Manchmal habe ich den Gasherd angemacht, um zu heizen, oder einen Elektroradiator. Für diese Kosten musste ich Ende des Jahres meinen Dispokredit ausreizen. Die erste Wohnung mit eigenem Bad wusste ich dann viel mehr zu schätzen. Ich weiß noch, wie sich das Gefühl einstellte: Jetzt kann ich von meinem Beruf leben.

"Die Schauspieler im Rentenalter, die ich kenne, arbeiten alle noch"

ZEIT: Wann war das?

Petri: Anfang der Neunziger, als ich meinen damaligen Mann kennengelernt habe. Er war relativ mittellos. Ich sagte damals: Schatz, kein Problem, ich kriege das hin. Ein tolles Gefühl. Wir konnten in seine Heimat Brasilien reisen, ich sorgte für uns. Bis ich schwanger wurde. Ich war noch nicht mal kugelrund, da wurden die Engagements zurückgezogen. Von da an kriegte ich keine Arbeit mehr. Im null Komma nichts war ich wieder ganz unten. Wir mussten Sozialhilfe beantragen.

ZEIT: Ein Tiefpunkt.

Petri: Ich hatte mir mit Anfang 20 eine kleine Lebensversicherung angeschafft, 3.000 Mark für meine Rente. Das Amt wollte, dass wir von diesem Ersparten leben. Ich stand – hochschwanger mit Zwillingen – vor dem Beamten beim Sozialamt in Köln und bettelte: Das können Sie doch nicht machen, das ist meine einzige Altersvorsorge, bitte, lassen Sie mir die! Er sagte: "Wir sind großzügig, Sie können Ihr Erspartes behalten, aber sehen Sie zu, dass Sie wieder arbeiten, sobald die Kinder da sind. Und die Wohnung zahlen wir nicht, aus der müssen Sie raus, am besten sofort." Ich habe nur noch gebrüllt. Vor Empörung, vor Entsetzen. Die mussten den Notarzt holen, ich bin ins Krankenhaus mit einem Nervenzusammenbruch. Ich bin froh, dass ich in dem Moment nicht bewaffnet war .

ZEIT: Wie sind Sie klargekommen?

Petri: Es war nicht einfach damals: schwarzer Mann, weiße Frau, die auch noch behauptet, Schauspielerin zu sein. So eine Plauze, schwanger mit Zwillingen. Und dann geh mal los und finde eine Wohnung in Köln. Wir sind schließlich gegen den Willen meines Mannes nach Hamburg gezogen, in das Haus, in dem meine Mutter wohnte. Das hat vieles leichter gemacht.

ZEIT: Wann haben Sie wieder Geld verdient?

Petri: Die ganze Branche wusste, dass ich schwanger war, nur ein Casting-Agent hatte das nicht mitbekommen. Er hat mir eine Rolle in einer Serie angeboten, eine, die ich unter anderen Umständen nie angenommen hätte. Ich habe Mann und Kinder zum Dreh mitgebracht und die Babys in den Drehpausen gestillt, alle drei bis vier Stunden.

ZEIT: Ihre Ehe ist in die Brüche gegangen, Sie waren dann allein mit den Kindern.

Petri: Ich hatte bedauerlicherweise einen Mann geheiratet, der sich niemals dafür verantwortlich gefühlt hat, für seine Kinder zu sorgen. Ich musste also arbeiten. Meine Mutter war die größte Hilfe und bezahlte die Babysitter. Das Anstrengendste aber war, das ganze Paket zu tragen. Es durfte ja niemand davon wissen.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Petri: Man darf als Schauspieler nicht zeigen, dass es eigentlich schon gar nicht mehr geht. Ich musste ausstrahlen: Mir geht es Bombe, alles prima. Das hat mir am meisten zugesetzt. Heute sind meine Kinder 22 Jahre alt, so langsam arbeiten wir diese Zeit auf. Vor ihnen konnte ich die Geldsorgen nicht verbergen. Sie waren toll, haben das alles mitgetragen, wenn auch unfreiwillig.

ZEIT: Einer Studie zufolge verdient ein Großteil der deutschen Schauspieler zwischen 20.000 und 30.000 Euro brutto im Jahr. Der Glamour, der rote Teppich – alles Fassade?

Petri: Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist. Man redet ja nicht über Geld, in unserem Job schon gar nicht. Heute verdiene ich zum Glück weitaus mehr. Ich lebe von der Prominenz, die ich mir als junger Mensch aufgebaut habe.

ZEIT: Maria Furtwängler soll laut Bild-Zeitung 220.000 Euro pro Tatort kriegen.

Petri: Ist das so? 220.000? Was macht man mit dem ganzen Geld?

ZEIT: Neidisch?

Petri: Nicht auf das Geld. Ich würde aber gern mehr spielen. Ich finde es doof, dass andere die Rollen kriegen, die ich gern spielen möchte.

ZEIT: Womit verdienen Sie am meisten?

Petri: Mit öffentlichen Lesungen und Hörbüchern. Das ist mein hauptsächlicher Broterwerb. Dieses Jahr hatte ich dazu zwölf Drehtage fürs deutsche Fernsehen, sieben davon waren sogar gut bezahlt .

ZEIT: Andere Kollegen verdienen sich mit Sendungen wie Das perfekte Promi-Dinner Geld hinzu.

Petri: Ich mache inzwischen Sachen, von denen ich vor 20 Jahren noch gesagt habe: Oh Gott, oh Gott. Aber Promi-Dinner, Dschungelcamp nie. Ich halte mich persönlich auch nicht für interessant genug für diese Art von Öffentlichkeit.

ZEIT: Machen Sie sich heute noch Sorgen, wie Sie im Alter über die Runden kommen?

Petri: Die Schauspieler im Rentenalter, die ich kenne, arbeiten alle noch. Ich kann mir auch nicht vorstellen, gar nicht mehr zu arbeiten. Ich muss. Meine Töchter bekommen von mir jeden Monat Unterhalt, solange sie studieren. Ich bin aber sehr glücklich, dass sie nicht meinen Karriereweg einschlagen wollen. Da ist mir was gelungen.

ZEIT: Haben Sie Ihre Berufswahl je bereut?

Petri: Mit Mitte 30 habe ich gedacht, so kann es nicht weitergehen, dieses ständige Warten auf neue Rollen. Aber das Einzige, was mich sonst noch interessiert hätte, wären Archäologie und Linguistik gewesen.

ZEIT: Was macht man denn damit?

Petri: Eben.

Anmerkung der Redaktion: Die erste Frage dieses Interview lautete ursprünglich "Wann waren Sie das letzte Mal beim Jobcenter?". Zuständig für die Schauspierin Nina Petri war allerdings das Arbeitsamt. Wir haben diesen Fehler korrigiert und bitten ihn zu entschuldigen.