Jim Jarmusch hat nie aufgehört, nach der Escape-Taste zu suchen. Wie kommt man raus: aus der Kulturindustrie, der Warenökonomie, der formierten Gesellschaft? Als der Regisseur seine Laufbahn begann, in den frühen Achtzigern, war das Independent-Kino noch jung und frisch; Filmhelden konnten in den Straßen von New York (Permanent Vacation) oder den brackigen Landschaften des amerikanischen Südens (Down By Law) dahindriften und sogar verloren gehen. Heute ist der Sumpf der Gegenkultur ausgetrocknet, Google weiß immer, wo wir sind, und die Figur des Aussteigers ist in der "Feelgood-Komödie" sesshaft geworden, wie kürzlich Viggo Mortensen als intellektueller Althippie in Captain Fantastic.

Jim Jarmusch selbst flüchtete sich aus diesem Dilemma über die Jahre immer wieder in Variationen verschiedenster Filmgenres – den Western, den Samurai-Film und den Thriller, wo traditionell viele Einzelgänger unterwegs sind. Zuletzt, in Only Lovers Left Alive, wählte er Figuren aus dem Repertoire des Horrorkinos: unsterbliche Vampire, die altmodischen Hobbys nachgingen – Lieben, Lesen, analoge Musik – und nichts mehr scheuten als das Licht der Konsummoderne und ihren "fucking zombie shit". Mit Paterson hat Jarmusch es sich richtig schwer gemacht: Das ist ein Film ohne Hinterausgang, der im Hellen unter ganz normalen Menschen spielt – Arbeitern, Hausfrauen, Schulkindern. Leuten, die auf den ersten Blick keine Geheimnisse haben und deren Leben nicht mal auf der Realismus-Skala besonders interessant erscheint.

Die Szenen organisieren sich um eine ebenso paradoxe wie alltägliche Zeiterfahrung, ein Leben, das so getaktet ist durch notwendige Verrichtungen, Arbeit, Essen, Schlafen, dass es alle Form zu verlieren scheint. Der junge Busfahrer Paterson wacht eine Woche lang, von Montag bis Montag, jeden Morgen von selbst an der Seite derselben Frau um etwa dieselbe Zeit auf. Sie kann noch liegen bleiben, er macht sich mit der Lunchbox auf den Weg zur Arbeit. Die Stadt, durch die er chauffiert, Paterson in New Jersey, wirkt heruntergekommen, hat aber ihren Platz auf der literarischen Landkarte der USA: Der Lyriker William Carlos Williams ist hier geboren und hat in den Fünfzigern einen großen Gedichtzyklus über sie verfasst, in einem wilden, aber zuweilen reportagehaft beobachtenden Stil.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Jim Jarmuschs Protagonist trägt nicht zufällig den Namen der Stadt und des Paterson-Zyklus. Zum einen fallen auch bei Williams Mann und Stadt in eins, zum anderen kommt in diesem Film jedes bemerkenswerte Detail mindestens zweimal vor: Es geht darum, sich einen Reim auf etwas zu machen. Zum anderen ist Paterson nicht nur Busfahrer. In seinen Pausen, etwa auf der Bank vor dem Postkartenmotiv der "Great Falls" – so groß sind die nicht, aber Paterson-Stadt hat keine Sehenswürdigkeiten zu verschenken –, verwandelt er eigene Beobachtungen in trügerisch schlichte Gedichte. Je länger der Film seinem stillen Helden folgt, desto mehr schärft sich der Blick für die Variationen im Immergleichen, für ein Muster, das sich über die Alltagstätigkeiten schiebt. Alle Menschen in Patersons Umgebung haben einen ähnlichen kreativen Antrieb. Im Waschsalon übt ein Schwarzer einen Rap, im Bus gibt es immer eine Geschichte zu erzählen, der Tresenmann der Bar, in der Paterson allabendlich ein Bier trinkt, stellt Dokumente aus der Historie der Stadt hinterm Tresen zusammen, und ein Stammgast inszeniert seine Beziehungsnöte als Melodram. Selbst die charaktervolle Bulldogge Marvin, zu der Paterson ein distanziertes Verhältnis hat, teilt das allgemeine Bedürfnis, sich auszudrücken, eine "Struktur" zu etablieren: Tag für Tag huscht sie aus dem Haus und schubst den Briefkasten in Schräglage, sodass Paterson ihn wieder aufrichten muss – jeder nach seinen Möglichkeiten, könnte man sagen.

Ein Fall für sich ist Patersons aus dem Iran stammende Frau Laura, die beständig das Haus umdekoriert, Vorhänge, Kleider oder Küchlein mit Ornamenten überzieht und plötzlich eine Gitarre ordert, sie könnte ja Countrysängerin werden. Liefert Patersons Lyrik dem Film den Sound, so beschert Laura ihm eine vitale Optik, auch sie voller Alliterationen und Korrespondenzen – auffällige Kameramanöver sind nicht nötig. Und während der bisher als Vollblut-Hipster und neurotischer Star Wars-Schurke bekannte Adam Driver eine dieser vordergründig heruntergedimmten, aber von innen glühenden Jarmusch-Figuren gibt, wirkt Golshifteh Farahanis Laura ganz nach außen gekehrt. Ob er ein verkannter Künstler ist, weiß man nicht recht (immerhin wurden seine Gedichte von dem real existierenden Autor Ron Padgett geschrieben). Sie ist jedenfalls eine Dilettantin.

Tatsächlich ist die Unterscheidung hier aber die falsche, der Film jedenfalls trifft sie nicht. Was Jarmusch neuerdings umzutreiben scheint, ist die Poesie des Alltagshandelns: der Dilettantismus als legitime und reputierliche Form, der Welt individuell Sinn zu entreißen. Die Vampire in Only Lovers Left Alive waren Dilettanten im ursprünglichen Sinn, im Stil des 18. und 19. Jahrhunderts – von Arbeit freigesetzte, aristokratische Existenzen, die sich ernsthaft mit einem Themengebiet beschäftigen, für das sie nicht wirklich ausgebildet sind. Die mit Jobs und Hypotheken geschlagenen Bewohner des modernen Paterson arbeiten auf kleinerer Flamme. Sie gehen dem nach, was Claude Lévi-Strauss und Michel de Certeau als bricolage bezeichnet haben: eine Art Bastel- und Reparaturarbeit an den präfabrizierten Angeboten der Konsumgesellschaft, der Versuch, den Dingen, von den Kulturwaren bis zur Infrastruktur der Städte, einen wirklichen Gebrauchswert und eine eigene Deutung zu geben.

Vielleicht sieht das nach einem Arrangement mit den Verhältnissen aus . Aber Jarmusch misst die Menschen an ihren Möglichkeiten. Und innerhalb des kleinen Kosmos, aus dem seine Figuren vielleicht nie herausfinden werden, stiftet die bricolage Beziehungen. Über ihren Hobbys und Marotten kommen in Paterson Paare und Passanten, Kollegen und Nachbarn miteinander ins Gespräch – und überwinden wie nebenbei alle möglichen Grenzen, ethnische, nationale, solche des Alters und Geschlechts. Eine schöne Stimmung der Akzeptanz und des Miteinander liegt über dem Film, ein rührender Humanismus – völlig quer zu dem Prozess der Entsolidarisierung, der in den USA, und nicht nur dort, gerade wieder einen Kulminationspunkt erreicht hat. Vielleicht, scheint Jarmusch mit der ihm eigenen zenhaften Gelassenheit zu sagen, müssen wir überhaupt erst einmal wieder hineinfinden in so etwas wie eine Gesellschaft. Insofern ist das Leben in dem am Ende doch ganz fiktiven Paterson, das der Regisseur aus Literatur und Folklore, Musik, Malerei und Cupcakes zusammengefrickelt hat, nicht das schlechteste.