Wenn am Ende der Hamburger Hafen lahmgelegt ist und HHLA und Eurogate Kurzarbeit anmelden, weil die Containerfrachter nicht mehr durchkommen – dann werden die Hamburger mit Verbitterung an diese Tage im November 2016 zurückdenken, als man vielleicht noch etwas hätte tun können.

Klingt alarmistisch? Es muss nicht zum Schlimmsten kommen, aber die aktuelle Lage ist schlimm genug: Es könne "nicht in Gänze ausgeschlossen werden", heißt es in der maßgeblichen Untersuchung, dass die "sichere Erreichbarkeit des Hamburger Hafens für Seeschiffe mindestens temporär gefährdet" werde. Nein, es geht nicht um die Elbvertiefung, sondern um einen Umweltskandal im fernen Tschechien.

Das Stichwort ist PCB. PCB wie "Polychlorierte Biphenyle". PCB waren einmal Bestandteil aller möglichen Produkte, etwa von Leuchtstoffröhren oder Haushaltsgeräten, sie lagern sich im menschlichen oder tierischen Körper an und verursachen chronische Erkrankungen. Seit Anfang dieses Jahrhunderts dürfen sie nicht mehr hergestellt werden. Zuvor aber wurde im tschechischen Ústí nad Labem, in Deutschland auch bekannt als Aussig, eine Eisenbahnbrücke mit PCB-haltiger Farbe gestrichen. Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde der Lack der Brücke saniert und die alte Farbe abgeschliffen. Seither liegt sie im Schlick unter der Brücke und wandert mit dem Elbstrom in Richtung Hamburg.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wie schlimm ist das? In der Hamburger Umweltbehörde ist von einer der größten europäischen Umweltkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte die Rede, einem Ereignis also, das mit dem Sandoz-Chemieunfall bei Basel in den 1980er Jahren oder der Rotschlammflut in Ungarn vor sechs Jahren vergleichbar wäre.

In Hamburg gilt Schlick weniger als Gesundheitsgefahr denn als Verkehrshindernis, das sich allerdings nur beseitigen lässt, wenn der Schlamm nicht zu giftig ist. Zu viel PCB im Sediment bedeutet, dass dieses weder in der Nordsee noch irgendwo sonst ins Wasser gekippt werden darf. Millionen Tonnen von Schlick kann man aber auch nicht an Land lagern und womöglich reinigen. Er müsste also in der Elbe bleiben, die damit weiter verschlicken würde – ein Albtraum für die Hafenwirtschaft.

Grob geschätzt 100 Kilo PCB sind in die Elbe gelangt, das ist genug, um ungefähr ein Drittel der Schlammmenge zu verseuchen, die in Hamburg jährlich abgebaggert wird. In Sachsen wurden Sedimentproben genommen, die mehr als 200-mal so viel PCB enthalten, wie der Hamburger Schlick maximal enthalten darf. Die Hamburger können nur hoffen, dass die Ankunft des Gifts sich über viele Jahre verteilt und dass möglichst viel davon rechtzeitig geborgen wird.

Bekannt ist dieses Problem seit eineinhalb Jahren. Im April 2015 fanden die Brückenarbeiten statt, und wenig später fiel an einer Messstelle im sächsischen Schmilka der enorme Anstieg der PCB-Belastung auf. Dabei hatten die Elbanrainer noch Glück. Weder im Frühjahr noch im Spätsommer des vergangenen Jahres traten die für diese Jahreszeiten typischen Hochwasser infolge von Schneeschmelze oder regenreichen Tagen ein. Ein Elbhochwasser würde das Gift über Hunderte von Kilometern verteilen, nicht nur im Flussbett, sondern auch in den Überschwemmungsgebieten der Elbe. Zu bergen wäre dann nichts mehr.

Die gute Nachricht ist, dass die Tschechen nun immerhin bereit sind, ein fast eineinhalb Jahre altes Angebot aus Hamburg zu prüfen, das jedenfalls gab eine Sprecherin des Prager Umweltministeriums in der vergangenen Woche bekannt. Liebend gerne würden die Hamburger sich an den Sanierungskosten beteiligen, wenn nur das Gift rechtzeitig geborgen würde. Bislang hatten die Tschechen das Problem geleugnet oder auf eigene noch laufende Untersuchungen verwiesen.