In den USA soll auf Homöopathie-Präparaten künftig stehen: "Achtung, keine nachgewiesene Wirkung". Dagny Lüdemann, Wissen-Ressortleiterin von ZEIT ONLINE fordert das in ihrem Kommentar (hier nachzulesen) auch für Deutschland. Viele Leser schreiben uns dazu: Aber was ist mit dem Placebo-Effekt? Schließlich haben Studien gezeigt, dass homöopathische Mittel den durchaus haben können. Stimmt. Passend dazu schreibt Autor Max Lebsanft hier in ZEIT Doctor, wie uns ein bisschen Selbstbetrug gesünder macht:

Bei Heuschnupfen und anderen akuten Wehwehchen vertraut Karin Meissner auf die Heilkraft der Akupunktur – obwohl die Ärztin genau weiß, dass die Nadeln selbst nicht viel bewirken. "Als Wissenschaftlerin ist mir klar, dass diese Methode wahrscheinlich keinen großen spezifischen Effekt hat", sagt sie. "Aber das stört mich nicht: Ich nutze den Placebo-Effekt."

Mit dem Phänomen, dass selbst wirkstofflose Pillen und beliebig gesetzte Nadeln Symptome lindern können, kennt sich Meissner bestens aus. Am Institut für Medizinische Psychologie an der Universität München hat sie sich mit der Frage beschäftigt, ob die Akupunktur besser wirkt als eine Scheinbehandlung. In Kontrollversuchen werden die Nadeln nicht nach den Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) auf angeblichen Energiemeridianen platziert, sondern zufällig auf der Haut verteilt. Das Ergebnis: Es besteht praktisch kein Unterschied. "Es wirkt vor allem der Placebo-Effekt", erklärt Meissner. Das heißt, die Wirkung beruht nicht nur auf dem Therapeutikum, sondern auf der Erwartungshaltung des Patienten und auf den Umständen, in denen Pillen, Nadeln oder Infusionslösungen eingesetzt werden.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Obwohl die Ärztin das weiß, ist sie ein Fan der Akupunktur geblieben – vor allem wegen der besonderen Begleitumstände der Behandlung. Die Ruhe und Geborgenheit der Praxis. Der Optimismus der Therapeutin, die sich geduldig anhört, unter welchen Beschwerden ihre Patienten leiden. Der leichte Schmerz beim Setzen der Nadeln, der sich schnell in ein wohliges Körpergefühl verwandelt. All das lässt ihre Beschwerden regelmäßig verschwinden.

Was Karin Meissner da macht, ist eine kleine Revolution. Lange Zeit lag der Placebo-Effekt vor allem in der Hand der Ärzte: Sie verabreichten Patienten gelegentlich wirkstofflose Pillen in dem Wissen, dass diese durch die reine Erwartung manchmal ebenso gut wirken wie echte Medikamente. Die Bundesärztekammer sprach sich sogar in einer Stellungnahme dafür aus, dass Mediziner den Effekt gezielt fördern sollten. Aber nicht nur Ärzte können diese Kraft nutzen, auch Patienten können den Placebo-Effekt für sich einspannen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Die Grundlage dafür lieferte der US-Amerikaner Ted Kaptchuk, Medizinprofessor an der Harvard Medical School in Boston. In einer Studie aus dem Jahr 2010 verabreichte er Placebo-Pillen an Patienten, die unter dem Reizdarmsyndrom litten (Public Library of Science: Kaptchuk et al.,2010). Das Entscheidende daran: Den Probanden teilten die Wissenschaftler vorher mit, dass er sie mit einem Scheinmedikament behandele. Außerdem erklärte er ihnen, die Tablette wirkten allein durch das Ritual ihrer Einnahme. Tatsächlich schnitt die Gruppe, die das Placebo erhielt, im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne Behandlung signifikant besser ab. Kaptchuk hatte den offenen Placebo-Effekt entdeckt. Für den Erfolg von Scheinmedikamenten ist es also nicht zwingend nötig, dass man sie für echt hält – solange man davon überzeugt ist, dass sie helfen. Für den Patienten bedeutet das: Er kann die Sache selbst in die Hand nehmen.

Der erste Schritt zum Do-it-yourself-Placebo klingt banal, ist aber essenziell: Man sollte sich von seinem Arzt möglichst genau beschreiben lassen, was die Therapie im besten Fall bewirken kann. "Der Patient muss den Sinn einer Therapie verstehen", sagt die Neurologin Ulrike Bingel, die an der Universitätsklinik Essen den Placebo-Effekt erforscht. Oft seien Patienten schlecht informiert. Aus Sicht der Placebo-Forschung eine verschenkte Chance.

Die Heilserwartung ist einer der zentralen Punkte, die beeinflussen, ob die Therapie erfolgreich ist oder misslingt. In Untersuchungen mit dem Opioid Remifentanil hat Bingel nachgewiesen, dass positive Erwartungen den schmerzstillenden Effekt verdoppeln können. Umgekehrt können negative Erwartungen die Wirkung fast völlig ausschalten. Ähnliche Phänomene wurden in Studien auch für Präparate belegt, die auf die Abwehrkräfte und das Herz-Kreislauf-System wirken. In ihrem Buch Heilung von innen schlägt die amerikanische Medizinerin Jo Marchant vor, innere Bilder zu erzeugen, sich die Verbesserung der Beschwerden ganz konkret vorzustellen. Wie die Wunde langsam verheilt oder wie man nach dem Abklingen der Knieschmerzen endlich wieder befreit laufen geht.