Es ist noch nicht so lange her, da saß Christian Streich im Park des Ebneter Schlosses unweit des Schwarzwaldstadions im Breisgau. Zwischen Buchsbaumhecken und Blumenbeeten nahm er an einer Podiumsveranstaltung teil und gab vor rund 100 Zuhörern Einblicke in die Lebensphilosophie, die seine Arbeit als Trainer des SC Freiburg bestimmt.

Ehrlichkeit sei, "wie in einer Familie", Grundlage seines Handelns, auch wenn die manchmal schmerzhaft sei. Natürlich mache er den Fußballspielern einen Traum kaputt, wenn er ihnen sage, dass es mit der Profikarriere nichts werde. Nur fünf Prozent der Schüler schaffen den Sprung in den Profikader. Es bringe nichts, sie in den Himmel zu loben. Und dann folgt so ein typischer Streich-Satz: "Die gehen mit 15 zum DFB-Trainingslager nach Abu Dhabi ins Fünfsternehotel mit goldenen Wasserhähnen, sind ständig unterwegs, haben aber selbst noch nichts geschafft, außer im Flugzeug zu sitzen." Absurd findet er das.

Der SC Freiburg ist neben RB Leipzig der zweite Aufsteiger in dieser Saison, und beide Emporkömmlinge spielen erfolgreich. Konkurriert Leipzig mit den Bayern an der Spitze, hält sich Freiburg unter den zehn besten Teams – und das bei einem Gesamtmarktwert des Kaders von rund 46 Millionen Euro. Leipzig verfügt über doppelt so viel und die Bayern über das Zwölffache. Der Erfolg Leipzigs lässt sich mit der Erfahrung Ralf Rangnicks erklären und mit dem Investment des Finanziers Dietrich Mateschitz. Aber woraus zieht eigentlich Freiburg seine Stärke?

Die Fans, die vor jedem Heimspiel vorbei an der Brauerei Ganter die Dreisam hochradeln oder mit der Straßenbahn Linie eins Richtung Littenweiler fahren; Studenten, Ärzte und Maurer, dozieren nicht über Pressing, Laufleistung oder Kurzpassspiel, sie erzählen von diesem Gefühl, nach Hause zu kommen in ihr Stadion, "unser Wohnzimmer mit Ausblick" nennen sie das. Sie verbinden Prinzipien mit ihrem Verein, jene, die für jedes intakte Zusammenleben gelten. Erstens: Wer Schwäche zeigt, wird nicht aufgegeben. Ein Trainer bleibt selbst dann, wenn der Verein absteigt. Zweitens: Jeder ist gleichwertig, keiner wird bevorzugt. Es gibt in Freiburg keine Stars. Drittens: Wer zur Familie gehört, hat Vorrang vor Außenstehenden. Der Club kauft weniger Spieler ein als die meisten anderen, setzt auf den eigenen Nachwuchs. Auch der Trainer kommt aus den eigenen Reihen. Viertens: Es wird nicht geschauspielert und nicht gelogen. Echt sein ist angesagt. Fünftens: Emotionen sind erwünscht, wer über die Stränge schlägt, dem wird verziehen.

Es ist schon fast beängstigend, wie sehr der Trainer Christian Streich all diese Wesenszüge in sich vereint und nach außen verkörpert. Selbst wenn seine Mannschaft in Führung liegt, zuckt und gestikuliert er an der Seitenlinie. Der Körper vibriert bei jedem Zweikampf seiner Spieler. Nach dem Schlusspfiff, während der Pressekonferenz, sitzt er jedoch völlig in sich versunken da, wortkarg. Streich beherrscht den Wechsel zwischen himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt innerhalb von wenigen Sekunden. Hinzu kommt sein kehllautiger, strenger alemannischer Dialekt. Er versucht er gar nicht, sich zu verstellen. Der Metzgersohn besuchte die Hauptschule, das Abitur holte er nach und durchlief anschließend ein Lehramtsstudium. Streich gibt gerne den Antihelden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Er wurde Deutscher Meister mit Freiburgs A-Junioren und belegte als Bundesligatrainer 2013 im Ranking Platz zwei hinter Jupp Heynckes und vor Jürgen Klopp. Doch von Karriere will er nichts wissen. Als er jüngst von der Badischen Zeitung scherzhaft gefragt wurde, ob er sich eine zweite Karriere als Bundespräsident vorstellen könne, antwortete Streich: "E zweite Karriere gibt’s nit, weil i hab gar kei erschte Karriere. Ich hab e Läba." Er hält den Karrieristen vor, aus Ehrgeiz ihr Leben zu verfehlen. Er selbst habe nie Karrierepläne geschmiedet. Warum nicht? Aus Angst, der Plan könne schiefgehen, sagt er. Streich ist ein Angstgetriebener. Es ist die Furcht vor dem Absturz. Bodenständigkeit ist ein Mittel dagegen, so sehen das viele in der Region, in der er arbeitet.Er hat mit sich gerungen, von der Freiburger Fußballschule in den Profibereich zu wechseln.

Fünf Jahre lang trainiert er nun die erste Mannschaft und legt trotzdem noch Wert darauf, sich von all den Karrieristen und Planwirtschaftlern, die vor allem bei Mitaufsteiger RB Leipzig zu finden seien, zu unterscheiden. "Der Brausehersteller lockt mit viel Geld und klärt alles", sagt Streich. "Die zahlen 8.000 Euro und nehmen die Eltern, die vielleicht 1.600 verdienen, mit ins Paket." Es gehe nur "ums Geld und den ganzen Scheiß". Damit meint er goldene Wasserhähne, Ruhm, Verlockungen, Illusionen. Leipzig verspreche Träume, ihm gehe es um Perspektive. "Was ist denn das für ein Zustand, wenn der Sohn mit 16 das Fünffache vom Vater verdient?", fragt Streich. Viele Jugendliche seien Opfer ihrer ehrgeizigen Eltern, die stolz im Stadion säßen, wenn der Junge auf dem Platz stehe. Im Vordergrund müsse jedoch die Beziehung stehen und die Entwicklung, und Beziehung heiße Erziehung. Einer der Jungen, die er vor dem erfolgs- und prestigeorientiertem Umfeld schützen wollte, heißt Joshua Kimmich. Als der Junge zwölf war, klopften seine Eltern aus Rottweil beim SC an. Laut Chef-Scout Klemens Hartenbach habe man Kimmich drei Stunden Fahrt dreimal die Woche ersparen wollen. Kimmich ging zum VfB Stuttgart – heute ist er Bayern-München-Star und Nationalspieler.