Als ich im Jahr 2006 aus den USA in die Schweiz zog, suchte ich mir eine Wohnung ganz in der Nähe der Altstadt von Baden, weil ich von meinem Balkon genau das sehen konnte, was ich von der Schweiz erwartete: rote Geranien, die aus den Blumenkistchen an jahrhundertealten Gebäuden wucherten, einen mittelalterlichen Glockenturm, und – here’s what really sold it – eine Burgruine. Tatsächlich, die Aussicht aus meiner Schweizer Wohnung entsprach perfekt meiner naiven amerikanischen Vorstellung der Schweiz: eine altertümliche, aus der Zeit gefallene Fantasiewelt, in der moderne Leute wie ich in die Ferien gehen. Ja, ich gebe zu, als ich die Aussicht sah, waren meine ersten Worte zu meinem amerikanischen Ehemann: "It’s just like Disney World."

Ding, dong.

Die Schweiz, genauer gesagt der Stadtturm von Baden, schien mir etwas sagen zu wollen: Hey, amerikanische Fremde – wir Schweizer sind weit entfernt davon, in der Zeit stillzustehen, wir bewegen uns in präzisen Viertelstunden-Intervallen vorwärts. Oh, und wir erinnern dich jede Viertelstunde daran, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Ding, dong.

Whatever, dachte ich. Ich brauche Käse und Schokolade. Also machte ich mich auf, über die Straße in den Manor. Die Lebensmittelabteilung, Manor Food, war im Untergeschoss, und ich fand sie, weil ich das Wort "food" lesen könnte. Das war ein Sieg, und die Lebensmittelabteilung enttäuschte kein Schweiz-Klischee einer shoppenden Amerikanerin: Da standen eine Regalreihe nur mit Käse, eine nur mit Schokolade.

Später lernte ich, dass die Schweizer auch andere Dinge essen, und wenn ich länger, als es ein Touristenvisum erlaubt, in der Schweiz bleiben sollte, würde auch ich andere Dinge essen müssen. Langsam, Cervelat für Cervelat, lernte ich. Ich lernte, den Fahrplan mit den tatsächlichen Abfahrtszeiten der Züge zu vergleichen, und kriegte Herzflimmern, wenn diese nicht auf die Sekunde übereinstimmten. Ich lernte, meiner Schweizer Nachbarin meine Gartenarbeit zu überlassen, weil ich niemals ihre Standards im Jäten und Staudenstutzen erreichen würde. Ich lernte, leiser zu sprechen. Und ich lernte, weniger zu lächeln.

Ich merkte bald, dass die Schweiz überhaupt nicht Disney World ist. Sie ist ein richtiges Land, in dem eine Amerikanerin mit einem Masterabschluss in Kommunikation kaum einen Telefonanruf machen konnte. Ein Ort, an dem ich in einer Sprache angestellt und in einer anderen entlassen wurde. Ein Ort, an dem es keinen Small Talk gibt – dafür Wörter wie Aufenthaltskategorien von Drittstaatsangehörigen.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Manchmal, an besonders unglücklichen Tagen, wenn ich mich wieder mal als Ausländerin in einem Land fühlte, das Ausländer nicht besonders mag – wie zum Beispiel an dem Tag, an dem ich die Hand hob, als Frau Speaker einen Raum voller eben erst arbeitslos gewordener Leute fragte, ob irgendjemand es lieber hätte, wenn sie Hochdeutsch statt Schweizerdeutsch sprechen würde –, an so einem Tag also ging ich zurück in meine Wohnung, schloss die Tür, atmete tief durch und zog mir meine Disney-World-Aussicht rein.

Ding, dong.

Der Reiseautor Rick Steve wurde kürzlich in einer Zeitung zitiert: "Orlando ist für Leute, die nicht mit der Realität umgehen können."

Ding, dong.

Während meiner achteinhalb Jahre in der Schweiz erlebte ich vor allem Realität. Aber erst als ich Ende 2014 in die USA zurückkehrte, verstand ich, wie wunderbar diese Schweizer Realität eigentlich war.