November ist der Monat des Todes. Er beginnt noch feierlich mit Allerheiligen, wird eine Schattierung trauriger zu Allerseelen, dann staatstragend am Volkstrauertag, und er endet lethargisch an dem Sonntag, für den man keinen klingend-verklärenden Namen mehr übrig hatte: am Totensonntag. Die Blätter fallen dazu, dauernd ist es dunkel, aus Kirchen und Konzertsälen vernimmt man dumpf noch das Mozart-Requiem oder auch das Brahms-Requiem. Über dem November steht ein einziger Slogan: Memento mori.

Gedenke, dass du sterben musst. Wem es gelingt, diese Tatsache so lange wie möglich zu verdrängen, der befindet sich in einem beneidenswerten Zustand. Die Verdrängungsfähigkeit muss man deshalb nähren, nicht schwächen. Anstatt Menschen möglichst früh mit dem Siechtum und dem Sterbenmüssen bekannt zu machen, sollte man sie möglichst lange davon fernhalten. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer hat es so formuliert: "Man wird ja nicht handlungsfähiger, wenn man sich ständig irgendwelche Schrecknisse vergegenwärtigt."

Genau das ist aber gerade in Mode. Die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit wird ständig angemahnt. Krankheit und Tod sollen wieder sichtbar werden, heißt es, sollen nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause stattfinden. Möglichst unter Beteiligung von Familie und Freunden. Das eigene Sterben als Gesunder heute schon zu antizipieren gilt als redlich und emotional hochwertig: Von der Patientenverfügung bis zum Text für den Totenzettel und der Liedreihenfolge bei der Beerdigung sollte man am besten alles schon andenken, damit man vorbereitet ist, falls irgendwas passiert. Das Verdrängen der Sterblichkeit hingegen gilt als unredlich und naiv. Dabei ist die Prämisse, die Vergänglichkeit sei in unserer sportiven und dynamischen Gesellschaft nicht sichtbar, schon falsch. Das zeigt sich gerade im Sport: Wer in einem beliebigen öffentlichen Schwimmbad seine Bahnen zieht, muss – besonders unter Wasser – schon beide Augen zudrücken, um den Weg allen Fleisches nicht wahrzunehmen. Jeder Ausdauersportler sieht seine Zeiten auf der gleichen Strecke im Lauf der Jahre schlechter werden: Der Körper ist der natürliche Feind des Überlebens. Deshalb mag Sport ein Sichstemmen gegen den Verfall sein, aber darin ist er sein ganz eigenes Memento mori.

Ist der Tod denn wirklich nicht mehr präsent? Ältere Menschen sind, nach allem, was man hört, dauernd bei Beerdigungen. Gestorben wird immer. Nur nicht mehr so früh, schnell und oft. Das ist ein historischer Sieg, keine Niederlage. Die frühzeitige Beschäftigung mit dem Prozess des Sterbens soll angeblich den Schrecken vor selbigem nehmen können. Es gibt allerdings einen Grund für diesen Schrecken: Sterben ist schrecklich. Es ist die radikalste Infragestellung des selbstbestimmten Subjekts, die Entlarvung der eigenen Freiheit als Illusion. Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter? Besser nicht!

Was ist eigentlich aus dem Satz "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde" geworden? In ihrem Buch "Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" erklärt die Palliativpflegerin Bronnie Ware, welche Gedanken Sterbende in ihren letzten Stunden quälen. Viele wären gerne mutiger im Leben gewesen, hätten lieber weniger gearbeitet und sich dabei erlaubt, glücklicher zu sein. Kein Patient sagt: "Ach, hätte ich mich doch nur schon mit 30 mit meinem Ableben beschäftigt, dann käme ich jetzt besser klar!" Wozu auch die ganze Meditation über eine zukünftige Krebsdiagnose, über Venenkatheter und Magensonde, wenn es so viele Arten des Sterbens gibt, dass es unmöglich ist, sich auch nur auf einen Bruchteil vorzubereiten. Am Ende wird man doch nur von einem Auto umgenietet und die ganze Vorbereitung war umsonst.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die Beschäftigung mit dem Sterben gilt als nobel und mutig. Dabei ist sie ein Dekadenzphänomen, diese Lust am (eigenen) Untergang, wenn einem sonst schon langweilig geworden ist. Der Décadence-Dichter Hugo von Hofmannsthal lässt seinen Protagonisten Claudio im Drama Der Tor und der Tod seitenlang über Todessehnsucht und Lebensekel monologisieren. Claudio beschäftigt sich seit Jahren mit wenig anderem als mit seiner gefühlten Hinfälligkeit. Das Gegenteil von Verdrängung ist Verklärung, könnte man argumentieren, bloß hilft die ganze Vorbereitung Claudio auch nicht. Als der Tod die Bühne betritt, ächzt Claudio nur: "Geh weg! Du bist der Tod. Was willst du hier? Ich fürchte mich. Geh weg! Ich kann nicht schrein." Nachdem der Tod sich vorgestellt hat, konzediert Claudio: "Ich grüße dich, wenngleich beklommen. Doch wozu bist du eigentlich gekommen?" Der Tod antwortet geduldig: "Mein Kommen, Freund, hat stets nur einen Sinn!" Dann beginnt das letzte Gefecht des Claudio. Er, der sich lebenslang mit der Sterblichkeit auseinandergesetzt hat, fängt an, mit dem Tod zu ringen und zu feilschen, um Tage, um Stunden. Er sei nicht reif, er habe gar nicht gelebt, ein wenig länger noch, bitte! Der Tod bleibt unbeeindruckt und hat das elegante letzte Wort: "Noch wollend, schwer von Sehnsucht, halbverzagt, tiefatmend und vom Drang des Lebens warm, doch alle reif, fallt ihr in meinen Arm."

Die Passage zeigt: Die Auseinandersetzung mit dem Tod macht ihn weder erträglicher noch schöner oder schmerzloser. Er lässt sich nicht relativieren, auch nicht durch Antizipation, das liegt in seiner Natur. Deshalb ist Verdrängung eine logische und gesunde Reaktion. Sie muss evolutionsbiologisch sogar sinnvoll sein, sonst hätte sie sich nicht flächendeckend durchgesetzt.

Das heißt keinesfalls, dass man Kranken und Sterbenden nicht zu Hilfe eilen sollte, wo man muss. Trost spenden ist natürlich das zivilisatorische Minimum, ohne das es nicht geht. Man darf nur nicht erwarten, dass das Verharren vor Krankenbetten oder offenen Gräbern irgendeinen Schrecken nähme oder man sich jemals daran gewöhnte. Nicht umsonst hatte die christliche Erbauungsliteratur der Ars moriendi im Spätmittelalter ihre Hochzeit, als die Leute starben wie die Fliegen. Die alltäglich zu besichtigende Sterblichkeit hat schon damals eher erschreckt. Wieso sollte es heute anders sein? Wenn man es ob dieses Schreckens in der Konsequenz statt mit dem edlen Memento mori lieber mit dem profanen Carpe diem hält, dann ist das völlig in Ordnung und vor allem: sehr menschlich.