DIE ZEIT: Herr Butter, Sie erforschen seit Jahren Verschwörungstheorien. Wie oft begegnen Sie selbst Menschen, bei denen Sie das Gefühl haben: Die leben in einer Parallelwelt?

Michael Butter: Das passiert ständig. Wann immer ich einen Vortrag über dieses Thema halte, tauchen Leute auf, die meinen, dass die Mondlandung im Fernsehstudio nachgestellt wurde, dass 9/11 von der amerikanischen Regierung inszeniert wurde oder es einen geheimen Plan gibt zur Übernahme Deutschlands durch den Islam.

ZEIT: Nimmt die Verbreitung dieser Theorien zu?

Butter: Auf jeden Fall sind sie durch das Internet und die sozialen Medien sichtbarer geworden. Wer in den siebziger oder achtziger Jahren nicht an die Mondlandung glaubte, gehörte zu einer kleinen Subkultur. Deren Vertreter lasen seltsame Bücher, verfassten Leserbriefe, die niemand druckte, und trafen sich einmal im Jahr in irgendeinem Hinterzimmer.

ZEIT: Nun treffen sie sich jeden Tag im Netz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Butter: Genau, dank des Internets wird die Subkultur öffentlich, und ihre Anhänger haben nicht mehr das Gefühl, zu einer kleinen Minderheit zu gehören. Gleichzeitig entsteht plötzlich ein Deutungsangebot für andere, die danach suchen. Wir erleben eine Fragmentierung von Öffentlichkeit. Und in manchen dieser Teilöffentlichkeiten haben Verschwörungstheorien einen hohen Status.

ZEIT: Wie viele Menschen glauben heute an eine Verschwörungstheorie?

Butter: In den USA hängen Umfragen zufolge die Hälfte der Bürger mindestens einer Verschwörungstheorie an. Die Anhänger von Donald Trump sind dafür offenbar besonders anfällig, wie eine Umfrage der Washington Post im Vorwahlkampf zeigte. Zum Beispiel waren viele überzeugt, dass Barack Obama nicht in den USA geboren wurde.

ZEIT: Sind die Deutschen genauso anfällig wie die Amerikaner?

Butter: Ich glaube nicht. Die amerikanische Medienlandschaft ist schon länger viel extremer polarisiert als jene in Deutschland, wo die öffentlich-rechtlichen Sender eine ausgewogenere Berichterstattung garantieren. Außerdem ist es hierzulande nicht so verbreitet, dass man nur einen einzigen Sender sieht, so wie in den USA. Wenn Sie dort nur Fox News schauen, leben Sie in einer völlig anderen Welt als jemand, der CNN schaut. Das sind dann die berühmten Filterblasen, in denen man nur noch hört, was einem genehm ist.

ZEIT: Die existieren aber auch hierzulande.

Butter: Das stimmt. Der Kopp Verlag, der in der Nähe von Tübingen sitzt und viele verschwörungstheoretische Schriften herausgibt, führte lange ein Nischendasein. Heute verkauft er Zigtausende von Büchern. Oder nehmen Sie das Magazin Compact, das Sie an fast jedem Bahnhofskiosk bekommen.

ZEIT: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorie und Populismus? Donald Trump hatte ja auch behauptet, Hillary Clinton plane gemeinsam mit dem Großkapital heimlich das Ende der Souveränität der USA. Ist das populistisch oder verschwörerisch?

Butter: Da gibt es eine große Überlappung. Sowohl unter den Anhängern von Trump als auch in der deutschen Pegida-Bewegung oder der AfD sind Verschwörungstheorien weit verbreitet. Der Populist behauptet ja: "Die Eliten repräsentieren die Bevölkerung nicht mehr." Und von da aus ist es nur ein kleiner Schritt zu der Annahme: "Die Eliten kümmern sich nicht um uns, weil sie anderen Herren dienen."

ZEIT: Zum Beispiel den Juden, dem Kapital, den Illuminaten ...

Butter: ... irgendeiner Gruppe im Hintergrund jedenfalls, die heimlich alles plant und steuert. So lautet das übliche Narrativ der Verschwörung: Nichts ist, wie es scheint.

ZEIT: Der eine glaubt an einen Plan zur "Umvolkung" Deutschlands, der Zweite fürchtet die schleichende Islamisierung, und der Dritte meint vielleicht nur, die Politik sei gegenüber islamischen Gruppen zu willfährig. Wo hört politische Meinung auf, wo fängt Verschwörungstheorie an?

Butter: Tatsächlich sind die Grenzen fließend. Das machen sich Populisten zunutze, indem sie gnadenlos simplifizieren. Statt anzuerkennen, dass es viele verschiedene Interessen gibt, bringen sie alles in das Schema "Wir gegen die". Positionen, die sich de facto unterscheiden, werden damit an einem Pol gebündelt. Am Ende marschieren unterschiedlichste Menschen unter demselben Slogan. Das macht den Populismus so gefährlich.

ZEIT: Kann man sagen, wer für Verschwörungstheorien besonders anfällig ist?