So ungefähr stellt man sich den glücklichen Professor vor: auf ein Lebenswerk zurückblickend und noch immer ganz gefangen von seinen Ideen, inmitten einer Schar erfolgreicher Schüler, das Gelehrtenhaupt von weißen Löckchen umstrahlt wie von einer leuchtenden Aureole. Hans J. Langer sprüht vor Einfällen und schwer entzifferbaren Anspielungen, ein linder Wahn umgibt ihn wie ein goldenes Wölkchen, könnte man in Abwandlung eines berühmten Satzes des Dichters Joseph Roth sagen. Naivität wäre aber nicht das rechte Wort. Das feine Lächeln, das amüsierte Innehalten verraten Ironie, Sarkasmus auch, denn natürlich gab es Rückschläge, Feinde, Intrigen, Rettungen in letzter Minute, und etwas Glück gehört selbstverständlich zu allen bahnbrechenden Neuerungen hinzu, oder nicht? Man könnte dem Physiker stundenlang zuhören, der an der TU München über Lasertechnik promovierte und beim Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching am Fusionsreaktor begann.

Hans J. Langer ist aber kein Professor, er ist Unternehmer. Seine Schüler sind Tochterfirmen und Beteiligungen an Start-ups, seine Ideen und Forschungen haben ihm nicht den Nobelpreis, sondern vor allem mit zwei seiner Unternehmen die Marktführerschaft gebracht. Scanlab in Puchheim, das kleinere, entwickelt Lasersysteme, deren bisher unerreichte Genauigkeit in der Positionierung den eigentlichen Kern von Langers Erfindungen ausmacht. EOS in Krailling, das größere, wendet diese Technologie auf sogenannte 3-D-Drucker an, die computergesteuert aus Metallpulvern hochkomplexe Bauteile entstehen lassen.

Um die Bedeutung von EOS zu ermessen, muss man sich klarmachen, das seine schärfsten deutschen Konkurrenten, SLM Solutions in Lübeck und Concept Laser in Lichtenfels, beide mit Lizenzen von EOS arbeiten. Als der USKonzern General Electric kürzlich mit mehr als einer halben Milliarde Euro um eine der vergleichsweise kleinen Firmen warb (und schließlich Concept Laser kaufen konnte), ging es dem US-Giganten auch darum, sich den Zugriff auf die Langersche Technologie zu sichern. Warum? EOS hatte für die Triebwerkssparte von General Electric eine Brennerdüse entwickelt, die den Treibstoffbedarf deutlich senkte, sich aber in dieser Form nur mit EOS-Anlagen herstellen ließ.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Wer heute jammert, digitale Fortschrittstechnologien seien nur mehr in den USA zu Hause, kennt die deutsche Wirtschaft schlecht. Hans J. Langer ist sicher einer der erfolgreichsten, aber beileibe nicht der einzig erfolgreiche Mittelstandsunternehmer, der sich an der Spitze der digitalen Technik behauptet und amerikanische Konkurrenten aussticht. Das zeigte sich schon kurz nach Gründung von EOS im Jahre 1989, als sich BMW gegen schon bestellte kalifornische Produkte entschied und für Maschinen von EOS – die übrigens daraufhin erst, und dann in Windeseile, gebaut werden mussten.

Damals ging es noch nicht darum, hochbelastbare Teile aus Metall herzustellen, sondern nach einem üblichen, Stereolithografie genannten Verfahren Designmodelle aus Kunststoff für die Entwurfsabteilung von BMW zu fertigen oder schon vorhandene Modelle mit dem Laser zu scannen und in eine Computerdatei zu verwandeln. Das konnten viele, aber, wie sich zeigte, niemand so genau wie Hans J. Langer. Denn die Genauigkeit zu verlangen und die Maße auf den Hundertstel- oder Tausendstelmillimeter im Computer zu skalieren ist nur das eine – der Laser muss den Vorgaben auch folgen können. Hier bewährte sich, was Langer am Fusionsreaktor des Garchinger Max-Planck-Instituts erprobt hatte: einen Laserstrahl, der dort zum Messen des Fusionsgeschehens eingesetzt wurde, mit einer ganz neuen Präzision zu steuern. Unnachahmlich ist der Gesichtsausdruck, eine Mischung von Amüsiertheit und Bestürzung, mit der Langer die Bitte um eine Erklärung dieser Technik quittiert. Nicht dass er sich vor dem Ausplaudern eines Geschäftsgeheimnisses fürchtete, er sorgt sich mehr um das intellektuelle Aufnahmevermögen seines laienhaften Gesprächspartners.

Und natürlich – was wir gemeinhin unter 3-D-Druckern verstehen, ist kaum mehr als ein vages Missverständnis. Die wackligen Hobbygeräte für den Heimcomputer, die Kunststofffäden von einer Trommel abrollen, schmelzen und mit einer Düse schichtweise auftragen, um eine, sagen wir mal, lustige Schachfigur entstehen zu lassen, haben nur das Prinzip mit den Industriemaschinen gemeinsam. 3-D-Druck ist höchstens als Metapher zu verstehen, gedruckt wird hier gar nicht. Und neu ist die computergestützte Fertigung von dreidimensionalen Produkten auch nicht; mit einer Zeichnung aus einem CAD-Programm konnte man früher schon Fräs- oder Drehmaschinen füttern, die aus einem Rohling per Computerprogramm das entsprechende Teil herausschnitzten, das heißt natürlich: herausdrehten oder -frästen.

Neu ist, dass Material nicht abgetragen, sondern hinzugefügt wird – deshalb spricht man von einem "additiven" Verfahren. Das Additive ist die Revolution, nicht die vage Analogie zu einem Drucker. Wenn man für die alten, "subtraktiven" Maschinen etwas entwarf, musste man stets mitbedenken, was sie aus einem Rohling überhaupt durch Bohren, Drehen und Fräsen herausformen konnten. Selbst das Gießen unterlag ärgerlichen Beschränkungen. Der additiven Fertigung sind dagegen kaum Grenzen gesetzt, man kann sogar ineinandergeschachtelte Teile, auch später drehbare, einschließlich der Achsen und Zahnräder, herstellen. Die Freiheitsgrade des Entwerfens sind exponenziell gestiegen.