Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Mein Name ist Angela Merkel, und ich will es noch einmal wissen. Wenn man sich wie ich schon auf ein Leben nach dem Kanzlerinnenamt gefreut hat und dann noch einmal antritt, geht das nur, sofern man sich auch neue Ziele setzt. Ehrgeizige Ziele, damit unsere Gesellschaft noch lebenswerter wird.

Natürlich, ich könnte defensiv sein und sagen, dass ich die Herausforderung durch die Populisten abwehren will. Aber das reicht eben nicht. Es kann nicht darum gehen, nun anbiedernde Politik für die Minderheit der AfD-Wähler zu machen. Das wäre weder wirksam gegenüber dieser Gruppe noch gerecht gegenüber allen anderen.

Tatsächlich müssen wir die Begeisterungsfähigen in der Gesellschaft begeistern. Und wir müssen dafür sorgen, dass die Enttäuschten neue, bessere Erfahrungen machen und auf diese Weise wieder zu Optimisten in eigener Sache und in Sachen unseres Landes werden, egal wo sie als Wähler stehen.

Machen wir uns nichts vor, liebe Freunde, manche von uns sind zu Recht enttäuscht von der Wirtschaft. Sie haben sich angestrengt, sind engagierte Bürger, und doch sind Wachstum und Wohlstand an ihnen vorbeigezogen. Es gibt sie, die Arbeitnehmer in der Mitte unserer Gesellschaft, die seit zwei Jahrzehnten ihre Kaufkraft nicht steigern und kein Vermögen aufbauen können. Es gibt sie, die Ärmeren, die beobachten müssen, wie ihre Kinder entgegen allen Hoffnungen das Schicksal der Eltern teilen. Sie glauben uns Politikern nicht mehr, wenn wir von der Chancengleichheit in Deutschland reden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Und es kommt ja noch etwas hinzu, ich habe es in den vergangenen Wochen schon angesprochen: die Digitalisierung. Ich werde ja immer mal wieder verspottet, weil mir das Internet angeblich fremd sei. Tatsächlich sind die Herausforderungen durch vernetzte Computer und intelligente, selbstlernende Programme, die auf der Suche nach mehr Effizienz große Datenmengen durchpflügen, vielen von uns unheimlich.

Das ist auch kein Wunder. Schließlich handelt es sich, wie das heute heißt, um eine "disruptive" technische Entwicklung mit tief greifenden Veränderungen unserer Gesellschaft, vergleichbar nur mit der Industrialisierung oder der Erfindung des Buchdrucks. Und viele Menschen fragen sich: Wo ist mein Platz in dieser Welt?

Bundestagswahl - Die Raute hat ausgedient Der Wahlkampf 2017 wird für Merkel schwierig – und deshalb will sie ihn anders angehen. Zeit für eine neue Gestik, jenseits der Merkel-Raute.