Tanz ist Leichtigkeit und Leiden. Die Konkurrenz ist global, jede Stelle hart umkämpft. Für die Ballerina Isabelle Maia entscheidet ein Vortanzen in München über ihren Kindheitstraum.

Ihre Spitzenschuhe sind eingetanzt. Ihre Haare so weit hochgesteckt, dass man den Schwanenhals sieht. Auf ihrem Trikot prangt ein Zettel. "36" steht darauf. Isabelle Maia, 21 Jahre alt, Balletttänzerin in Dresden, geboren in Rio de Janeiro, ist jetzt eine Nummer.

Sie tritt an die Stange in der Mitte des Großen Ballettsaals des Münchner Nationaltheaters, neben den Flügel. Langsam lässt sie die Fußspitze über den Boden kreisen. Maia beginnt sich zu dehnen. Muskel um Muskel. Sie nimmt nicht wahr, wie sich der Saal mit Menschen füllt. Sie sieht nicht den Ballettmeister Thomas Mayr, der am Jury-Tisch sitzt und über ihr Schicksal entscheiden wird. Sie sieht nicht ihre Konkurrentin Anna Esser, die sich ein paar Meter entfernt dehnt und vor Aufregung zittert. Sie sieht keines der 60 anderen Mädchen, die aus Japan, Italien, der ganzen Welt gekommen sind, zum Vortanzen für eine Stelle im Bayerischen Staatsballett.

In anderthalb Stunden werden hier statt 60 nur noch drei Tänzerinnen stehen. Alle anderen wird die Jury aussortiert haben. Manche ganz am Anfang, noch an der Stange. Manche erst am Ende, nach dem Solo. Alle ohne Begründung. Isabelle Maia kennt die Spielregeln. Sie hat schon ein paar Mal vorgetanzt. Jedes Mal hat sie sich perfekt vorbereitet. Jedes Mal war sie bis zum Schluss dabei. Jedes Mal hat eine andere den Vertrag bekommen.

Die anderen werden in den großen Häusern tanzen. In der Berliner Staatsoper, der Pariser Grand Opera, dem Moskauer Bolschoitheater. Dort schweben sie über die Bühne, werden zur Projektionsfläche. Schöne Körper in schönen Kostümen in schönen Gebäuden.

Ballett ist ein Mythos. Filme wie Black Swan oder Billy Elliott erzählen vom Tänzerdasein als Mischung aus Besessenheit, Konkurrenzkampf und Glamour. Das mag mit der Realität so viel zu tun haben wie ein Rocky-Film mit dem Alltag eines Profiboxers. Doch jeder Mythos wurzelt in der Wirklichkeit. Beim Ballett ist das eine Gesellschaft, die Leistung huldigt, die in Oberfläche verliebt ist, die verspricht, dass jenen die Welt offensteht, die leidenschaftlich ihrer Arbeit nachgehen. Balletttänzer verkörpern diese Werte. Und deren Kehrseite. Etwa, dass Leidenschaft und Leistung oft nicht genügen. Dass Konkurrenz krank machen kann. Dass sich hinter dem Image häufig Einsamkeit versteckt. Ballerina ist ein Beruf, von dem fast jedes Mädchen einmal träumt. Und den in Wirklichkeit kaum ein Mädchen je ergreift.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Die Wirklichkeit beginnt bei Isabelle Maia jeden Morgen um kurz nach sieben, in einem Wohnheim in Dresden. Der Bau ist farblos, gehört zum Studierendenwerk, aber es wohnen auch die Eleven der Semperoper hier. Das sind jene Tänzer, die als eine Art Auszubildende eine Spielzeit lang im Ensemble mitarbeiten, für ein besseres Taschengeld. So wie Isabelle Maia.

In einer Woche wird sie im Großen Ballettsaal in München stehen. Doch heute, an diesem normalen Probentag, schält sie sich aus dem Bett, schaltet ihr Radio ein. Duschen, Haare frisieren, Make-up. Zum Frühstück gibt es Früchte, Müsli und eine Nachricht aus Brasilien. Sergio. Seit fünf Jahren sind sie ein Paar. Seit fast einem Jahr haben sie einander nicht gesehen. Viel Entfernung, wenig Geld. Maia stopft eine Wasserflasche, drei Paar Ballettschuhe und eine Box, gefüllt mit Ei, Fleisch und braunem Reis in ihre Tasche. "Alles hat seinen Preis. Es ist leichter für etwas zu zahlen, das man liebt."

Ihre Liebe entdeckt sie mit sieben Jahren, als sie die Ballettschule ihrer Tante besucht. "Ich hatte nie gedacht, dass das mein Beruf sein könnte", sagt Maia. Eher ein neues Hobby, so wie Schwimmen oder Fußball. All das, was zur bürgerlichen Erziehung der einzigen Tochter eines Rechtsanwalts und einer Ingenieurin gehört. Doch etwas ist anders beim Ballett. Als sie das erste Mal auf einer Bühne steht, ein Solo tanzt, ihre Bewegungen mit der Musik verschmelzen, da weint sie am Ende. Vor Glück.

"Ballett ist meine Art zu fühlen"

"Ballett ist meine Art zu fühlen. Wenn ich traurig bin, gehe ich ins Training und tanze, und meine Seele fliegt, und alles ist gut." Mit 14 wechselt sie auf eine staatliche Ballettschule.

Mit ihren langen schlanken Gliedmaßen, dem runden Puppengesicht und den braunen Augen sieht Maia so aus, wie man sich eine Ballerina vorstellt. Sie bewegt sich auch so. Ihre Trainer erkennen das Talent, fördern sie. Die Tage bestehen aus Tanz und Schule. Manchmal schläft sie auf dem Nachhauseweg im Bus ein. Als sie ihrem Lehrer sagt, dass sie Tänzerin werden will, fragt der: "Und was noch?"

An ihrem 18. Geburtstag kommt sie in Mannheim an. Sie hat ein Stipendium für die Akademie des Tanzes bekommen. Sergio begleitet sie, hilft ihr beim Einrichten ihrer Wohnung. So, wie er ihr auch hilft, als sie danach das Angebot aus Dresden bekommt. Sergio versteht sie. Als die beiden sich kennenlernen, ist er Solotänzer eines Balletts in Rio. Heute studiert er Sport. Er hat aufgegeben, obwohl er es geschafft hatte. Zu wenig Leidenschaft, zu viel Schinderei.

An der Wand von Maias Zimmer hängt ein Herz aus Fotos. Viel Sergio, viel Lachen. Neben den Fotos hängen Karten. Auf einer steht: "Ich will das. Ich kann das. Ich schaffe das." Auf einer anderen: "Dreams don’t work unless you do." Maia schnappt ihre Tasche. Sie muss jetzt los zum Training.