Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Als Pfarrerin hat man das natürliche Ziel, Menschen für Gott zu interessieren. Dazu gehört, den Menschen das Beten wieder näherzubringen. Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden lerne ich daher das Vaterunser – das ist sozusagen die Basisversion des Betens und trägt durch alle Lebenssituationen.

Dann gibt es natürlich auch Orte, die zum Beten einladen. Kirchen gehören dazu. Die meisten katholischen Kirchen stehen für Menschen, die beten wollen, erfreulicherweise offen. Für unsere Kirche kann man sich den Schlüssel ausleihen – in der Videothek schräg gegenüber. Eine Videothek hat sehr günstige Öffnungszeiten, der Besitzer ist katholischer Christ und unterstützt uns gerne – das ist gelebte Ökumene! So können sich auch Menschen, die nach einem nervenzehrenden Actionfilm oder einem berührenden Drama Erholung brauchen, nach Rückgabe der DVD in unserer Kirche erholen. Nicht wenige Menschen behaupten, sie könnten am besten in der freien Natur beten. Ich kenne das auch, beim Joggen bete ich regelmäßig, ein Jesuit hat mir einmal dazu geraten, und ich kann das nur jedem wärmstens ans Herz oder besser an die Laufschuhe legen. Auch ein schöner Sonnenuntergang kann einem das Herz öffnen und ein dankbares Gebet entlocken.

Darüber hinaus hat nach wie vor das Sprichwort "Not lehrt beten" seine tiefe Wahrheit. Nach Terroranschlägen ist unsere Kirche deutlich besser besucht, die Leute suchen einen Ort, an dem sie sich sammeln, Kraft schöpfen und neu orientieren können. Das geht nach solchen Ereignissen wirklich besser in einer Kirche als im Wald. Finde ich jedenfalls. Ja, und dann gibt es noch Orte, die lehren einen das Beten, obwohl das nicht unbedingt der ursprünglichen Absicht des Architekten entspricht. Ein solcher Ort ist für mich eine bestimmte nordhessische Autobahnraststätte.

Ich besuchte sie am späten Abend, kurz nachdem deren Fastfood-Restaurant geschlossen hatte. Durch verschlungene Wege, umwabert vom Geruch nach nicht ganz frischem Fett, irrte ich auf der Suche nach dem stillen Örtchen durch die Raststätte. Von Ferne erblickte ich eine einsame Gestalt, die den Boden wischte. Quietschend bewegte sich die Schranke zum WC, dort dämmerte das Licht und erhellte nur knapp die Kabinen, die teilweise verschlossen waren, obwohl offenbar außer mir niemand im Raum war.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Auf dem Rückweg verirrte ich mich wieder und landete an der geschlossenen Tür zum Motel des Etablissements, schließlich fand ich nur mäßig erleichtert den Weg nach draußen. Zurück am Auto stellte ich fest, dass mein Mann fatalerweise auch den Entschluss gefasst hatte, diesen Ort aufzusuchen, sodass ich auf dem einsamen Parkplatz neben dem verschlossenen Auto auf ihn warten musste. Ich bin eigentlich nicht ängstlich, aber als er – endlich – zurückkam (er hatte sich, genau wie ich, verlaufen), habe ich tatsächlich ein aufrichtiges Dankgebet gesprochen. Die meisten Actionfilme sind schlappe Langweiler gegen einen leibhaftigen WC-Gang in dieser nordhessischen Raststätte, die ich an dieser Stelle ausdrücklich für eingefleischte Atheisten empfehlen möchte. Nach 22 Uhr jedenfalls. Dieser Ort lehrt beten.