In Zeiten, da die Wartesäle überfüllt sind mit Heimatvertriebenen, da gar nicht weit von hier lange Flüchtlingstrecks im winterlichen Nebel durch die Landschaft ziehen, in dieser ziemlich entheimateten Zeit, da macht es wahrscheinlich ganz besonders Sinn, sich wieder auf die eigene Heimat zu berufen.

Das tun auch die beiden Herren, die in knapp zwei Wochen zum Staatsoberhaupt gewählt werden wollen. Viele Monate tingelten sie landauf, landab, suchten, häufig in zünftige Tracht gewandet, Volksfeste und Kirtage heim, stets die geistige Lederhose im Marschgepäck. Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer, der Grüne und der Populist, schwärmten in höchsten Tönen von der Pracht heimatlicher Panoramen, gelobten diese ihre Heimat intakt zu bewahren, warben dafür, ihrer Fürsorge diese Heimat anzuvertrauen. So unterschiedlich die Ansichten beider Kandidaten auch sein mögen, eines war ihnen gemein: Heimat muss sein!

Heimat, teure Heimat, welch schönes Wort. Doch was so einfach und so naheliegend klingt, taugt als Begriff nicht viel. Vielmehr lädt die blumige Vokabel geradezu zu Missverständnissen ein. Es ist eine jener Metaphern, die vielen vieles bedeutet, und jedermann, der unter Verwendung dieser Wortschabracke Wahrheit, Tiefe oder patriotischen Gemeinschaftssinn predigen will, verschanzt sich bloß hinter einer sprachlichen Nebelwand, weil er nicht sagen will oder nicht sagen kann, was er tatsächlich meint. Heimat ist nämlich stets das, was sich dazu erklären lässt.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Heimat" klingt ungleich erhabener, wenn die Heimat mit der sehnsuchtsschweren Stimme einer Paula Wessely beschworen wird; und mitunter ordinär, wenn die Heimat aus den Scheunentoren eines heimatlichen Musikantenstadls johlt. Es gibt Heimatland und Heimatstadt, es gibt aber auch die geistige Heimat – und bereits an diesem Punkt scheiden sich die Geister: Ist es ein geografischer, ist es ein ideeller Begriff, oder lässt sich beides unter einen Hut, meinetwegen auch unter einen Tirolerhut bringen? Kann jemand heimatverbunden sein, der sich in keiner geistigen Heimat zu Hause weiß, und darf, entgegengesetzt, jemand als heimattreu angesehen werden, der sich auf kein territoriales Daheim beschränken lassen will, sondern sich lediglich einer geistigen Heimat verbunden fühlt, die allerdings von Demarkationslinien und Grenzpatrouillen unbehelligt bleibt, da ein freier Geist eines solchen Heimatschutzes nicht bedarf? Kann es etwa sein, dass Gedankenfreiheit und Heimatgesinnung in Widerspruch zueinander stehen, einander sogar ausschließen? Derart ließe sich der Heimatfaden so lange weiterspinnen, bis er sich gänzlich zu einem gordischen Knäuel verknotet hätte. Und so gelangte man schon frühzeitig zu dem Ergebnis dieses Gedankenexperiments: Heimat ist ein Begriff, den anzuwenden man nur erfahrenen Praktikern der Chaos-Theorie empfehlen sollte.

Wie meist im Fall großer Begriffsverwirrung erweist sich auch eine Rückfrage bei den Geisteswissenschaften als nicht sonderlich hilfreich. "Will man nicht verallgemeinernd Heimat als Raum und Zeit der ersten positiven sozialen Erfahrung definieren", verweigert man also der Heimat ein mütterliches Wesen, so meinen beispielsweise die beiden deutschen Kultursoziologen Georg Seeßlen und Bernt Kling, "so muss man wohl konstatieren, dass es Heimat, also den sozialen und natürlichen Raum, in dem der Mensch mit seinen Lebensbedingungen in Harmonie lebt, in der modernen Industriegesellschaft gar nicht gibt. Die Sehnsucht nach Heimat ist die Sehnsucht nach einem tatsächlich eigenen Leben. Heimat ist demnach nicht, wo der Mensch herkommt, Heimat ist, wo er hinwill."

Mehr noch, so lehrte etwa Ernst Bloch, Heimat, "etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war", sei in Wahrheit eine Kategorie der Philosophie der Hoffnung. Derweil die Menschheit überall noch in ihrer "Vorgeschichte" verharre, halte sie die "Utopie vom Umbau der Welt in Heimat" im Auge. Doch welche Heimatpartei kann garantieren, dass dieser milde Zukunftstraum nicht eines Tages in dystopischer Finsternis erwacht?

Bundespräsidentschaftswahl - Hofer und van der Bellen im TV-Duell Der Präsidentschaftskandidat Alexander van der Bellen warf Norbert Hofer vor, leichtfertig mit der Vorstellung eines EU-Austritts Österreichs umzugehen. Am 4. Dezember findet die Präsidentschaftswahl statt.

Jede Heimat schließt das Paradigma der Heimatlosigkeit mit ein

Heimat ist der Ausgangspunkt zu einer Vexierdefinition: Entdecke jeder darin, was er mag. Zum Unglück aller Heimatmacher lässt sich das Verwirrspiel auch soziologisch nicht auflösen. Vielmehr entsteht der Verdacht, dass das, was sie so heimatlieb haben, nur ein Konstrukt ist, Produkt eines normierten gesellschaftlichen Gefühlshaushaltes. Jedes Individuum erwirbt im Lauf seines Lebens, ließe sich im Fachjargon sagen, ein privates Heimatgefühl, das in der sozialen Gemeinsamkeit durch Sozialisationszwang und Identifizierungsdruck verallgemeinert und vergesellschaftet wird. Heimat mithin als Uniform oder besser gesagt: als Trachtenanzug des kollektiven Bewusstseins.

Heimat ist eine Metapher, die vielen vieles bedeutet. Eine allgemeingültige und unwidersprochene Definition von Heimat gibt es nicht. Der Begriff Heimat, so wie er sich im deutschen Sprachraum festgesetzt hat, kommt beispielsweise mit dieser Bedeutungsaura in anderen Kulturkreisen nicht vor: homeland, country, nation oder patria meinen anderes. Heimat bildet eine gedankliche Klammer, die auseinanderdriftende Identitäten aneinander fesseln soll. Im kulturellen Vergleich sieht man, dass trotz der sprachlichen Verwirrungen, viele Gemeinsamkeiten in Bezug auf Sehnsüchte, Mythen oder Wunschvorstellungen bestehen.