"Ich brauche dieses Europa": Daniel Erdmann, geboren 1973 © Dirk Bleiker

Wenn es eine Liste der Stars des aktuellen deutschen Jazz gäbe, dann stünde der Name Daniel Erdmann auf einem der vorderen Plätze. Der Saxofonist ist ein klassischer hidden champion, sein Gesicht findet man nicht in den Illustrierten. Unter Musikern ist er, der zwischen den Polen Tradition, Improvisation und Offenheit seine Bahn zieht, ein sehr geschätzter Kollege. Einer, der mit seinen Trios und Quartetten höchstes Niveau garantiert. Ballads & Barricades, das zweite Album seines Trios Das Kapital, das zu den aufregendsten Bands des letzten Jahrzehnts zählt, wurde mit einem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik gewürdigt.

Er ist ein viel beschäftigter Musiker, der mittlerweile weit über das angestammte Feld des Jazz, über Kaschemmen, Clubs und Konzerthallen hinaus wirkt. Als wir miteinander telefonieren, hat er gerade eine Solo-Performance in einer Ausstellung in Nevers gespielt, irgendwo in der französischen Provinz, und steht noch unter dem Eindruck der Bilder, die den Ersten Weltkrieg zum Thema hatten.

"Wir können nur hoffen, dass wir nicht wieder in so etwas hineingeraten", sagt er. "Nächstes Jahr sind Wahlen in Frankreich und in Deutschland, und so wie man im Moment Artikel über die amerikanischen Jazzmusiker liest, die sich wieder politisch positionieren, könnten wir auch wieder an den Punkt kommen, wo wir gezwungen sind, uns politisch zu engagieren."

Auf dem Album A Short Moment of Zero G seiner jüngsten Band Velvet Revolution gibt es politisch klingende Titel. Mit dem eher zarten, kammermusikalischen Zugriff, der die Musik des Trios charakterisiert, spielen Erdmann, der Violinist Théo Ceccaldi und der Vibrafonist Jim Hart die Komposition Swing für Europa: "Das ist ein kleines Statement: ›Ich bin dafür. Ich brauche dieses Europa.‹"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Komplizierter wirkt der Titel Quand j’étais petit je rêvais d’être pauvre, es sei das Zitat eines aus Kamerun stammenden Freundes: "Als ich klein war, habe ich geträumt, arm zu sein." Es öffnen sich Welten von Armut und Perspektivlosigkeit, die Folgen des Kolonialismus färben auf das Musikstück ab.

"Die Melodie ist eigentlich ganz einfach", erklärt der Saxofonist. "Sie ist auf diesen Satz draufgeschrieben und wird nur immer wieder wiederholt. Es gibt praktisch keine melodische Entwicklung, und dadurch bekommt das Stück etwas Trancehaftes."

Daniel Erdmann, geboren im Oktober 1973 in Wolfsburg, ist einer aus der Zwischengeneration. Zu spät für den modernen Jazz der Sechziger; auch den Krawall des Punk und die Föhnfrisuren der Achtziger hat er verpasst. Zu jung, zu weiß, zu deutsch, zu aufgehoben. Kein Ort für frühzeitiges musikalisches coming of age, nirgends.

Mit zwölf zog er mit seinen Eltern für drei Jahre nach Washington. Die erste Frage dort war: Spielst du ein Instrument? Die zweite: Hast du Lust, in der Big Band mitzuspielen? Er nickte zweimal – so kommt man zum Jazz. In den USA lernte er die swingende Phrasierung, Blue Notes und flexible Tonbildung, improvisieren.

Zehn Jahre später studiert er Jazz in Berlin, im Osten, an der Hochschule für Musik Hanns Eisler, wo der Jazz weniger amerikanisch gedacht wird als im Westen der Stadt. In Hörweite des Berliner Free Jazz wird der Saxofonist bald zu einer wichtigen Gestalt in der sprunghaft wachsenden Szene. Erste eigene Bands, erste eigene Produktionen, durchzogen von seinem Mitteilungsdrang und einem Geist knarziger Spielfreude, druckvoll und mitreißend, manchmal majestätisch in den Melodielinien, meist jedoch scheppernd dissonant und fast schon asketisch karg, was harmonische Reize angeht.

Vor fünfzehn Jahren kam Erdmann über ein Stipendium nach Paris, und heute ist er dort tragfähig vernetzt. Er tauchte in die lokale Szene ein, begegnete Musikern aus den einstigen Kolonialgebieten, machte überraschende Erfahrungen. "Ich habe sehr viel mit Afrikanern gespielt, mit einer Band kam ich bis nach Mali. Paris ist eine gute Schule, ich habe sehr viel gelernt", kommentiert er den Effekt dieser dritten Ausbildungsstation nach Washington und Berlin.

Mittlerweile lebt er in Reims, hundert Kilometer von Paris entfernt, und baut dort Das Atelier auf, einen Arbeitsraum, in dem er sich der Zusammenarbeit mit Dichtern, Malern und Filmemachern zuwendet. Von Stadt und Region unterstützt, kann er Projekte verwirklichen, die den üblichen musikalischen Rahmen überschreiten.