Bis vor Kurzem traf Hannelore Conradt, 70, die meisten ihrer Freunde auf dem Friedhof. Nicht, weil die alle tot wären – Gott bewahre. Wohl aber, weil es für ihre lebendigen Bekannten und sie, Frau Conradt, in dem kleinen Örtchen Deersheim im Harz bislang keinen anderen Treffpunkt gab. Man ging auf den Friedhof, sagt Frau Conradt, und da waren oft auch die anderen.

Das hat sich jetzt, endlich, geändert. In Deersheim, einem Ort irgendwo in der sachsen-anhaltischen Provinz, nicht weit vom niedersächsischen Goslar, gibt es jetzt auch einen kleinen Dorfladen. Endlich wieder, nach Jahren. Die Deersheimer, das ist das Besondere an diesem Laden, haben eine Genossenschaft gegründet und ihn selbst eröffnet. Das gab es noch nicht so oft in Sachsen-Anhalt, vielleicht auch noch nie.

Deersheim ist das, was man früher Zonenrandlage nannte. Ein Dorf mit 798 Einwohnern in einer beinahe vergessenen Gegend, einer Gegend, aus der viele wegziehen. Aber die Deersheimer sind kein Volk, das akzeptieren würde, dass ein Friedhof der einzige Platz sein soll, an dem man sich treffen kann.

Der Freitag vergangener Woche: der Tag, an dem der Dorfladen endlich eröffnet. In jenem Gebäude, das früher der Bullenstall war. Gleich gegenüber vom Kindergarten Abenteuerland; da, wo jemand eine Pikachu-Figur an den Stromkasten gemalt hat. Im alten Bullenstall ist der Wahnsinn los. Elf Mädchen mit Cowboyhüten tanzen, der Schützenverein 1884 e. V. macht sein Aufgebot, Omis und Opis – manche mit Rollatoren – stehen erwartungsvoll im Saal. Es sind nicht alle Deersheimer da, aber vielleicht alle wichtigen. Außerdem zwei Bodyguards, die einen Ministerpräsidenten bewachen. Denn auch Reiner Haseloff ist angereist, Sachsen-Anhalts Regierungschef. Was macht er hier? Widerstand leisten. Widerstand gegen die Landflucht. Sein Sachsen-Anhalt ist ein Bundesland der sterbenden Dörfer, 20 Prozent seiner Einwohner droht dieses Bundesland in den nächsten 15 Jahren zu verlieren. Der Dorfladen ist Deersheims Waffe im Kampf gegen die demografische Entwicklung, gegen die Verzweiflung auf dem Dorf. Deswegen ist Reiner Haseloff gekommen. Und deshalb hält er jetzt eine Rede.

"Der Dorfladen ist ein Entwicklungsimpuls, der den Ort nicht nur zusammenschweißt, sondern auch neue Zukunftsperspektiven eröffnet", sagt Reiner Haseloff. Das soll Mut machen, das beweisen die Worte Zukunft und Perspektive.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 49 vom 24.11.2016.

Schon früher hatte es in Deersheim einen kleinen Laden gegeben, er trug den Namen PUG, aber niemand in Deersheim kann sagen, wofür diese drei Buchstaben stehen. Der PUG lief nicht gut, er war ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten, er hielt durch bis 2012. Dann machte er zu. Ebenso der Friseurladen, und einen Arzt hat es in Deersheim sowieso nie gegeben. "Alte und Behinderte mussten ohne Einkaufsladen im Dorf immer darauf hoffen, dass sie jemand mitnimmt oder ihnen etwas nach Hause bringt", sagt Hannelore Conradt, die Frau, die sich früher immer auf dem Friedhof mit anderen traf. "Junge Leute", sagt Frau Conradt noch, "gehen zum Studieren in die Stadt, kaum einer kehrt zurück."

An einem Abend vor drei Jahren dann luden die Deersheimer sich Leute aus Barmen in Nordrhein-Westfalen ein. Im Dorfkrug, der Deersheimer Kneipe, berichteten die Leute aus Barmen über ihren kleinen Laden, den sie dort betreiben. Unter den Zuhörern war auch Arnd Müller, 54, der einen Heizungs- und Sanitärbetrieb besitzt. "Die haben erklärt, wie viel die Leute pro Jahr für Lebensmittel ausgeben, wie oft in ihrem Dorfladen eingekauft wird und wie sich das rechnet", sagt Müller. Am Ende des Vortrags seien die meisten Zuhörer auseinandergestoben. Nur einige wenige, darunter er, seien sitzen geblieben und hätten sich die Köpfe heiß geredet, wie sie einen ähnlichen Laden aufbauen könnten. Sie wurden die Gründungsmitglieder der Dorfladengenossenschaft. Inzwischen sind ihr 125 Bürger beigetreten.

"In anderen Dörfern wird immer nur gemeckert. Alles passt ihnen nicht, aber in Deersheim wird losgelegt", sagt Arnd Müller. Die größte Schwierigkeit für ihn und die anderen Deersheimer war, das Geld aufzutreiben. Müller stellte sich an den Wochenenden auf den Markt, um Äpfel und Saft zu verkaufen. Das Geld ging an die Genossenschaft. Auch der Biogeflügelhof spendete 5.000 Euro, der Dorfkrug noch mal 2.500 Euro. In manchen Familien wurden zu runden Geburtstagen Beträge bis 500 Euro eingesammelt und an die Dorfladen-Genossenschaft gegeben. Dazu kamen noch die Anteile der Genossenschaftsmitglieder, mindestens 50 Euro pro Person. Und Arnd Müller installierte zum Selbstkostenpreis Heizung und Sanitärbereich im alten Bullenstall. Ein riesiger Batzen Geld kam schließlich noch vom Bundesamt für Ernährung und Landwirtschaft. Die Ministerialbeamten haben Deersheim als Leuchtturmprojekt erkannt. Sie finanzierten den Dorfladen mit 150.000 Euro. Tja, und dann dauerte es immer noch Monate, bis der Dorfladen endlich eröffnen konnte. Bis endlich päckchenweise Melitta-Kaffee sich in den Regalen stapelte. Nutella-Gläser in Zweierreihe, Rotkäppchen-Sekt, Toastbrot, Gut-und-Günstig-Kakao. Monate, bis endlich die vier Verkäuferinnen eingestellt waren, die jetzt hier arbeiten, und bis endlich auch das kleine Café-Eck und der "Mehrfachnutzungsraum" für Renten- und Gesundheitsberatungsstunden eingerichtet waren. Bis also endlich der große Eröffnungstag kam, der Tag mit dem Ministerpräsidenten.