Es ist eine sentimentale Vorstellung, dass man im Auto irgendwie zu sich findet, während man dem Leben immer weiter davonfährt. Im Film heißt dieses Genre Roadmovie, in der Literatur neuerdings auch in Deutschland Roadnovel, und man kann nicht sagen, dass ein Ende in Sicht wäre. Kaum eine Buchsaison vergeht, in der sich eine Romanfigur nicht hinter ein Lenkrad eines vorzugsweise alten Autos setzt und mit jedem gefahrenen Kilometer, jeder versäumten Autobahnabfahrt allgemach erkennt, dass die daheim zurückgelassene Existenz eigentlich eine traurige Geschichte ist. Inmitten dieser neueren Asphaltromantik fahren nun vier Männer vor, drei Dünne und ein Dicker, und parken etwas schief mit einem viel zu kleinen Wagen. Von drinnen hört man nur dröhnendes Gelächter. Damit wäre die Handlung des Romans Die trunkene Fahrt grob umrissen.

Sein Autor ist der Berliner Albrecht Selge. Vor fünf Jahren wurde er für sein Debüt Wach mehrfach ausgezeichnet. Darin spazierte der Einkaufszentrumsmanager August durch die Berliner Nacht, in der man nicht, wie sonst in der jüngeren deutschen Literatur üblich, mit Kaputtheitsremmidemmi versorgt wurde. Stattdessen hörte die Zeit auf zu existieren. Das Unbedeutende wurde bedeutsam, die Schlaflosigkeit zur Weltanschauung. Selge war mit Wach ein unaufdringlich eleganter Roman gelungen, der seinen Witz nicht herausprustete, sondern fein dosierte, weswegen es zunächst etwas befremdlich ist, wie verschwenderisch der 1975 geborene Schriftsteller nun mit dem Humorüberschuss umgeht, auf den man in der Trunkenen Fahrt trifft.

Ein Roman in Haha-Dur: Treffen sich ein Musikkritiker, ein Pianist, ein Jurastudent und ein einbeiniger Österreicher und durchqueren 1989 Südtirol mit einem Fiat Panda, dieser Blechkiste, in die man am besten nur ausreichend lebensversichert einsteigt. Die Insassen heißen Zwantulla, Hibiscus, Perger und Gasser und sind auf dem Weg zu einem gewissen Professor Kumm, was aber im Wesentlichen keine Rolle spielt. Ein Roman der zwei Geschwindigkeiten, als stream of consciousness geschrieben. Nicht der 30-PS-Motor ihres rostigen Gefährts scheint die vier über Berg und Tal voranzutreiben, sondern ihr Geplapper, als benötigten sie kein Benzin, sondern nur einen unerschöpflichen Sack voller Hölzchen und Stöckchen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Man merkt es schnell: Selge interessiert sich hier weniger für eine sich vollendende Handlung als für den Spaß am gehobenen Unsinn, am Bildungsdünkelkalauer, an der Feier des Schwadronierens. Südtirol indessen: eine touristische Enttäuschung. Die Kirchen sind geschlossen, die Südtiroler Sensationen bestehen aus Speck, Käse, Parkplätzen, Ställen, Klobesuchen und ausgestopften Tieren. Der Fiat Panda wird unterdessen zum Salon, in dem die Fahrgemeinschaft Bonbons lutscht (Granatapfel und Ananas) und bei geschlossenem Fenster qualmt, weil großer Geist bekanntermaßen empfindlich gegen Zugluft ist.

Es geht um Waldsterben, Kant, Kafka, Moby Dick, Thomas Bernhard, Franz Liszt, endlose Sommerferien in Italien, die Pedalverachtung heutiger Pianisten, tironische Noten, die Farbenblindheit von Habichten und um Bach, Bach und Bach. Manches ist historisch korrekt, manches dahererfundener Quatsch und stets leicht neben der Spur: Gadamer? Ein Käsephilosoph! Moby Dick? Ein Kinderbuch! Und immer so fort. Zwantulla, der Kritiker und so etwas wie die Hauptfigur, schläft zwischendurch immer mal wieder ein. Wenn er aufwacht, plappern die anderen noch immer, latinisieren und französeln und rauchen. Selges Parodien von handfester Intellektuellenkonversation produzieren liebenswert blödelnde Pointen wie "Hinter jedem großen Mann steht ein Kind, das nicht Klavier üben will". Den hochtrabenden Perückenton kann Selge ebenso genau persiflieren wie die angetüterten Austriazismen, die der Fahrer Gasser von sich gibt. Und oft geht es im Panda so beschwipst hoch her, dass man vor lauter Gelächter vergisst, wie kunstvoll und musikalisch diese skurrile Reise komponiert ist.

Der Schriftsteller Albrecht Selge © Reza Jan Mansouri

Albrecht Selge selbst ist ein Kenner der klassischen Musik. Abseits der gelehrten Munterkeit, die seine Figuren verbreiten, versöhnt er hier kunstvoll die Musik mit der Literatur. Es ist nicht nur tatsächlich ein sehr komischer, sondern auch ein hochmelodiöser Roman. Seine vier Figuren ähneln einem Streichquartett mit wechselnden Rollen. Selge setzt wiederkehrende Leitmotive, die das Aus- und Abschweifende, das Assoziative vieler Stellen wieder zusammenführen – in Form von nahezu wortgleichen Passagen über Obstbrände. Wie eine Fuge hat er die Polyphonie der vier arrangiert. Eine Stimme setzt ein Thema, eine andere greift es wieder auf, es gibt Engführungen, Umkehrungen und Kontrapunkte, manchmal nur ein "Puh" – das man als Leser an manchen Stellen selbst leider rufen möchte, wenn es etwas zu heinzrühmannhaft zugeht und der Witz sich etwas leerläuft auf dem Weg von Pointe zu Pointe, vom Hihi zum Haha. Allerdings: Kammermusik im Fiat Panda, wann gab es das schon? Oder wie es Selges Pianist Perger bei nahezu jeder Gelegenheit sagt: Ist ja doll.

Albrecht Selge: Die trunkene Fahrt. Rowohlt Verlag Berlin, Berlin 2016; 288 S., 19,95 €, als E-Book 16,99 €