Eines der großen Bücher unserer Zeit heißt Soumission. Unterwerfung. In seinem Lehrstück schildert Michel Houellebecq, wie sich Frankreich allmählich dem Islamismus unterwirft. Ein bisschen Feigheit hier, eine plötzliche neue Einsicht da, Brücken werden gebaut zwischen der aufsteigenden neuen, der irgendwie so frischen Macht und dem eigenen, müde gewordenen Denken, das Anormale wird normalisiert und dann selbst zur Norm. Schließlich entdeckt die Hauptperson des Romans, welche Vorzüge die Mehrehe hat.

Ja, so kann es gehen.

Die Versuchsanordnung in Houellebecqs Buch ist insofern unrealistisch, als dass der Islam in Frankreich schon zahlenmäßig viel zu schwach ist, um einen solchen Wechsel herbeizuführen. Doch die Mechanismen der Unterwerfung sind allgemeingültig, gerade vollziehen sie sich vor aller Augen, live, in Farbe und in hohem Tempo.

Derzeit wird Amerikas Demokratie toxisch, genauer: Ihre sich schon seit Jahren vollziehende Selbstvergiftung ist seit der Machtübernahme von Donald Trump nicht mehr zu übersehen. Natürlich wird der Trumpismus nicht so gefährlich und ideologisch werden wie der radikalisierte Islamismus, andererseits ist ein US-Präsident mächtiger als alle Muslime zusammen. Was also machen diejenigen mit diesem regime change, die ihr Leben und Denken auf die demokratische und moralische Überlegenheit der USA gegründet haben? Wie verhalten sich umgekehrt die Anti-Amerikaner, nun, da gewissermaßen ein Anti-Amerikaner, jedenfalls ein Feind des US-Systems, an die Macht kommt? Und was machen Europäer, die glauben, ohne die USA werde der alte Kontinent demokratisch instabil, jetzt, da die USA demokratisch instabil werden?

Tatsächlich verläuft seit der fatalen Wahl gerade vieles – zumal in Europa, besonders in Deutschland – nach dem Muster von Houellebecqs Buch, die Unterwerfung ist in vollem Gange, und sie ist sehr kreativ. Argumentationsnot macht offenbar erfinderisch. Das Spektrum reicht von Alles-halb-so-schlimm über Nur-wenn-es-schlimmer-wird-wird-es-besser bis zu Hauptsache-er-baut-Autobahnen. Auf die Wege zur gesichtswahrenden Anpassung machen sich Linke und Rechte, Atlantiker und Anti-Amerikaner. Wer das alles sieht, der staunt. Und lernt.

Fünf Idealtypen der Unterwerfung unter die neue Herrschaft lassen sich erkennen.

Der Atlantiker

Besonders tragisch ist der Machtwechsel für die deutschen Atlantiker, also jene in Clubs und Thinktanks organisierten Außenpolitiker, Journalisten und Berater, die immer gedacht haben, dass die USA der letztliche, wenn nicht einzige Garant sind für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit. Nun, da Amerikas System bis auf Weiteres außer Betrieb ist und eine bestenfalls zwielichtige Figur an der Macht, stehen sie an einem Scheideweg: Entweder sie geben ihren Glauben an die amerikanische Suprematie, an die Legitimität des Washingtoner Führungsanspruchs auf – oder sie beginnen ihre demokratischen Werte aufzuweichen. Letzteres geschieht bereits hier und da. So nannte kürzlich ein besonders eingefleischter Atlantiker Donald Trump, der einen konsequent rassistischen, sexistischen und verfassungsfeindlichen Wahlkampf geführt hat, "atemberaubend unorthodox". Schon werden also demokratische und zivilisatorische Standards zu einer Orthodoxie erklärt, gegen die aufzubegehren mindestens interessant ist, wenn nicht gar überfällig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Das Gros der Atlantiker hat sich allerdings erst mal auf die These verlegt, dass alles halb so schlimm komme, weil ja die berühmten Checks and Balances des amerikanischen Systems bald greifen würden.

Dieses Argument zeugt von einer fast schon trumpistischen Kühnheit. Wo doch genau dieselben Anhänger und Kenner des Amerikanismus vorher erklärt hatten, dass wegen der berühmten Checks and Balances so einer wie Trump niemals Kandidat werden könne, geschweige denn – Präsident.

Die ersten Äußerungen des frisch Gewählten kamen der Halb-so-schlimm-Fraktion zupass, der Bär war nach dem Verspeisen der Bienenwabe nämlich zufrieden und freundlich. Sogleich wurde das mehrtägige Unterlassen unkontrollierter oder hetzerischer Äußerungen zu typisch amerikanischer Professionalität stilisiert, während die europäischen Staatschefs sich einen Tadel dafür einhandelten, dass sie den neuen Präsidenten an ein paar Prinzipien erinnerten.

US-Wahl - Trump spricht ohne Beleg von Wahlbetrug Der künftige US-Präsident Donald Trump zweifelt das Wahlergebnis von Anfang November an und spricht von "illegal abgegebenen Stimmen". Beweise nennt er nicht. © Foto: Carlo Allegri/Reuters