DIE ZEIT: Herr Hacke, Sie beschäftigen sich seit Langem mit dem FC Bayern. Am Freitag soll Uli Hoeneß, der ein Jahr und acht Monate wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis verbracht hat, erneut zum Präsidenten gewählt werden. Warum kommt der Verein nicht ohne ihn aus?

Axel Hacke: Ich finde es erst einmal gut, dass er seine Strafe – weitgehend – abgesessen hat. Er hat das Geld bezahlt. Das ist durch. Und ich glaube, dass Hoeneß immer die Seele und das Herz des Vereins gewesen ist. Gute Geschäfte macht der Verein auch ohne ihn. Aber dieses Hoeneß-Gefühl hat dem Verein in den vergangenen Jahren gefehlt.

ZEIT: Herr Stoiber, Sie waren Ministerpräsident Bayerns, sitzen im Aufsichtsrat des FC Bayern, ein Freund von Uli Hoeneß sind Sie auch. Was bedeutet seine Rückkehr für Sie?

Edmund Stoiber: Der Fußball steckt in einem Veränderungsprozess. Wir müssen uns fragen: Sind die von Investoren finanzierten Vereine wie Paris Saint-Germain die Zukunft? Oder ist Fußball auch möglich mit einer Familie, in einem Umfeld wie bei den Bayern? Bei uns haben die Mitglieder eine viel höhere Bedeutung als anderswo. Der Slogan "In der Welt zu Hause, in München und Bayern daheim" spielt bei der Rückkehr von Uli Hoeneß eine wichtige Rolle. 95 Prozent der Fans erwarten ihn freudig. Das wissen wir aus Umfragen.

Hacke: Wissen Sie, was mir beim FC Bayern schon immer gefallen hat? Anders als bei anderen großen Vereinen, die von arabischen Geldgebern, spanischen Bauunternehmern oder, wie jetzt in Mailand, chinesischen Finanziers leben, haben ehemalige Spieler wie Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer oder Karl-Heinz Rummenigge den Club zu dem gemacht, was er heute ist.

Stoiber: Leider ist eine ganze Generation als Erben dieser großen Spieler im Verein ausgefallen: Zum Beispiel sind Oliver Kahn, Mehmet Scholl oder Thomas Helmer hervorragende Kommentatoren. In nicht allzu ferner Zukunft sollen auch wieder Spieler ran und den Verein in der Führung prägen.

ZEIT: An wen denken Sie?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Stoiber: An Menschen, die mit dem Herzen Bayern sind, Lahm, Müller oder Neuer, den ich immer als gelernten Bayern bezeichne. Philipp Lahm könnte als Erster ein Enkel von Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer werden.

ZEIT: Nicht jeder ist dem FC Bayern so zugewandt wie Sie beide …

Stoiber: Gefühlt ist halb Deutschland gegen uns.

ZEIT: Herr Hacke, spüren Sie im Publikum Abneigung, wenn Sie außerhalb Bayerns aus Ihrem Fußballbuch vorlesen?

Hacke: O ja, ich habe zum Beispiel bei einer Lesung in Stuttgart das Grummeln im Publikum gespürt, wenn ich Textpassagen vorlas, in denen ich den Verein positiv beschreibe. Auch bei den anschließenden Fragen von Zuhörern setzte sich, sagen wir mal, eine gewisse Feindseligkeit durch.

ZEIT: Woher kommt das?

Hacke: Ich kann mir das nur mit Neid erklären. Hoeneß ist immer offen in alle Konflikte gegangen, und er ist jemand, dem man auch offen etwas entgegnen kann. Deswegen ist er natürlich nicht so wahnsinnig beliebt bei anderen Clubs. Aber man muss auch fragen dürfen: Warum spielt der VfB Stuttgart in der zweiten Liga? Warum steckt der HSV in einer solchen Misere? Erfolg hatten die früher auch, großen sogar. Und an Geld fehlt es in diesen Städten nicht.

ZEIT: Mit Uli Hoeneß wäre das nicht passiert?

Hacke: Das würde ich so sagen.

ZEIT: Gibt es einen deutschen Club, den Hoeneß nicht managen könnte?

Hacke: Werder Bremen.