Das Vorspiel zum europäischen Drama des kommenden Jahres begann mit einer Überraschung: Der ehemalige Premierminister François Fillon siegte haushoch im ersten Durchgang der offenen Primärwahlen, mit denen Frankreichs konservative Partei ("Die Republikaner") ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im Mai 2017 bestimmen will. Das Ergebnis erhellte blitzartig, was diese Rechte ausmacht – und wo ihre Schwächen liegen.

Die sind beunruhigend, und das geht ganz Europa etwas an. Denn sie könnten bewirken, dass Marine Le Pen vom Front National (FN) entgegen aller bisherigen Gewissheit im kommenden Jahr Präsidentin wird.

Dann wäre das vereinte Europa zerbrochen. Und Deutschland sehr allein.

Mehr als vier Millionen Franzosen stimmten am vergangenen Sonntag ab, beileibe nicht nur Parteimitglieder; es durfte mitmachen, wer sich zu den "republikanischen Werten der Rechten und der Mitte" sowie für einen Regierungswechsel bekannte und zwei Euro zahlte. Es beteiligten sich auch linke Gegner von Nicolas Sarkozy, sie beeinflussten die Abstimmung aber nur wenig. Sie votierten für den moderaten Alain Juppé, der über die Partei hinaus die politische Mitte ansprechen will. Fillon dagegen wandte sich ausschließlich an die republikanische Basis – und übertrumpfte Juppé mit beinahe 16 Prozent Vorsprung. Am kommenden Sonntag gehen die beiden in die Stichwahl.

Wer aber ist diese Wählerschaft, die sich am Sonntag gezeigt hat, und welches Gewicht wird sie in die Waagschale werfen – jetzt, wo es auch im europäischen Interesse nichts Wichtigeres gibt, als den anscheinend unaufhaltsamen Aufstieg Le Pens doch noch abzuwenden?

François Fillon - Frankreich wählt den konservativen Antipopulisten Nach seinem Überraschungssieg bei der Vorwahl der Konservativen gilt der Ex-Premierminister Fillon als Favorit für die Präsidentschaftskandidatur. Er steht für einen wirtschaftsliberalen Kurs. © Foto: Christophe Archambault/dpa

Die Teilnahme an der Vorwahl war am geringsten in den Arbeitergegenden und am höchsten dort, wo das Bürgertum wohnt, Fillons Basis: typischerweise Leute gesetzten Alters mit etwas Vermögen, intakter Familie, katholisch, vorzugsweise in der Provinz. Also Menschen wie Fillon selbst, 62-jährig, Sohn eines Notars, aufgewachsen in einer Kleinstadt. Autoritär ging es in der sechsköpfigen Familie der Fillons zu, und die Kinder gingen – wie es sich gehörte – bei den Jesuiten zur Schule. Auch der Habitus Fillons entspricht dem Ideal des konservativen Bürgertums: korrekte Kleidung, gepflegte Sprache, Belesenheit, Ernsthaftigkeit, Fleiß, Prinzipientreue, Unbestechlichkeit, Loyalität und Abscheu vor dem Kult ums Geld, um Promis und den Luxus, wie ihn der große Verlierer der Primärwahl zur Schau stellte, der ehemalige Präsident Sarkozy.

Fillon will die auf kleinen und mittleren Unternehmen lastende Staatsbürokratie abbauen, die Vermögenssteuer und die 35-Stunden-Woche abschaffen, was den wirtschaftlichen Interessen seiner bourgeoisen Klientel entspricht. Wichtiger noch: Die gesellschaftspolitischen Themen des Gewinners – Familienpolitik, Geschichtsunterricht, Islam – spiegeln das Weltbild des altkonservativen Milieus wider, das zu den Fundamenten des Landes gehört. Unterstützt wurde Fillon von Vertretern jener traditionskatholischen Bewegung, die seit einigen Jahren Massendemonstrationen gegen Schwulenrechte auf die Straßen bringt. Im Wettbewerb mit Juppé, wer von beiden katholischer sei (auch das ist bemerkenswert im angeblich laizistischen Frankreich), wirkt er authentischer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Schließlich gewann Fillon wohl auch deshalb, weil er sich mitnichten um die politische Mitte oder gar um enttäuschte Linke schert. Von jeher – genauer: seit der Französischen Revolution – bevorzugt das politische Frankreich die Spaltung in zwei feindliche Lager und schätzt vermittelnde Positionen gering.

Zwischenergebnis: Indem sie für Fillon votierte, feierte die bürgerliche Rechte ihre Identität.

Als politische Strömung steht sie in der Tradition Charles de Gaulles. Sie wendet sich gegen europäische Supranationalität (legendär ist dessen Ausspruch, aus hart gekochten Eiern mache man kein Omelett); Fillon selbst hatte beim Referendum 1992 gegen den Vertrag von Maastricht gestimmt. Die gaullistische Tradition hält an dem Anspruch fest, dass Frankreich ein besonderes geopolitisches Gewicht zukomme. Es zu bewahren, dazu dienen Wirtschaftspolitik, Atomrüstung sowie bei Gelegenheit diplomatische Annäherungen an Russland – Fillon beispielsweise fordert die Zusammenarbeit mit Assad und Putin, um den IS zu bekämpfen. Eine restriktive Immigrationspolitik kommt hinzu, zugleich jedoch zieht diese gaullistische Rechte eine scharfe Grenze zum Rechtsextremismus, wie er in Frankreich in unterschiedlichen Formen seit etwa 150 Jahren existiert.