Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

"Sie wollte da hin, ich eigentlich nicht", sagt mein Freund, als ich ihn im Krankenhaus besuche. "Sie ist Schweizerin, vielleicht hat sie gar keine Angst davor. Ich war schon in Sachsenhausen, Ravensbrück, in Yad Vashem und in der Wannseevilla. Ich wollte mir das nicht noch einmal antun. Aber wie sagt man als Deutscher einer Schweizerin, dass man da nicht hinwill, weil es einem nicht guttut. Also bin ich mitgefahren nach Auschwitz und hab mir eine Lungenentzündung geholt. Grelle Sonne, aber ein eisiger Ostwind. Offenes Gelände, zugige Ecken. Ich wollte mich schützen, gegen die Kälte und gegen diese – Kontamination. Hab den Kragen hochgeschlagen, hab mich innerlich zugemacht. Ich hab mir gesagt: Recherchiere das Konzept, schau dir an, wie die Polen diesen Teil ihrer Geschichte sehen. Mir fielen auch gleich die dreisprachigen Schrifttafeln auf: Polnisch, Englisch, Hebräisch. Deutsch kommt hier nur als Tätersprache vor. Auf solche museumspädagogischen Details wollte ich achten. Auf die anderen Besucher wollte ich achten, die hielten das ja auch aus. An die jungen Leute aus Schweden wollte ich mich halten, die gingen so unbeschwert unter diesem Schreckenstor durch. Aber dann kamen sie schweigend, mit ernsten Gesichtern aus der Tür, hinter der meine Schweizerin gerade verschwunden war. Nun musste ich da auch rein. Und nichts half mir gegen die Fingernagelspuren an den Wänden der Gaskammer, die Gesichter der jungen Männer vor dem Erschießungskommando. Ich konnte nicht mehr so zugeknöpft da durchgehen, hab meinen Selbstschutz aufgegeben und die ganze verfluchte Kontamination von Auschwitz-Birkenau an mich rangelassen. Nun lieg ich hier, selbst verschuldet, und weiß nicht, was ich davon halten soll."

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

– "Diese Massen an Besuchern aus aller Welt, die da unbeschwert hinein- und belastet wieder hinausgehen – vielleicht leisten sie, auch du, so etwas wie eine allmähliche Dekontamination. Wie geht es denn deiner Schweizerin?" – "Besser als mir jedenfalls. Sie hatte auf der Hinfahrt Blumen gekauft. Ich fand das ziemlich unpassend, irgendwie naiv. Sie hat sich, wie soll ich sagen, vernünftig verhalten, während ich da mit offenem Mantel und nassen Augen im Ostwind herumstand. Ich war dem ausgeliefert, sie wusste sich zu helfen, hat ihre Blumen auf dem Trittbrett eines dieser Viehwaggons der Deutschen Reichsbahn abgelegt. Wäre mir nie eingefallen." – "Sie hat es sich nicht zu schwer gemacht." – "Sie hat sich einen Andachtsort gefunden und eine Geste. Ja, vielleicht naiv oder unbeholfen. Aber sie hat nicht nur von dieser unvergänglichen Last etwas mitgenommen, sondern auch etwas Leichtes, Vergängliches dort gelassen."