Eines Morgens im Herbst erwacht die österreichische Stadt Klagenfurt, um festzustellen, dass all ihre weißen Marmorstatuen im Laufe der Nacht unter einem schwarzen Ganzkörperschleier, einem Nikab, verschwunden sind. Um den Hals tragen sie ein Holzschild, wie die Sünder im Mittelalter. "Integration ist eine Lüge" steht darauf. In Berlin klettern junge Männer das Brandenburger Tor hinauf und entrollen dort ein Transparent mit der Aufschrift "Sichere Grenzen, sichere Zukunft". Am vergangenen Wochenende kapert ein kleiner Trupp die Parteizentrale der Grünen. Im niederländischen Leiden und im französischen Poitiers werden Moscheen besetzt, in Parchim wird eine Moschee zugemauert. "Unterwerft euch!", ruft ein in Nikabs gehüllter Trupp im Ostseebad von Warnemünde. Anderswo trägt man Särge oder Schweinsköpfe durch die Straßen.

So sehen Aktionen der Identitären Bewegung (IB) aus. 2012 in Frankreich gegründet, versteht sich die IB als Bündnis für "Heimat, Freiheit, Tradition", die sie bedroht sieht vom "Multi-Kulti-Wahn", vom "Großen Austausch" der Bevölkerung, der durch die Massenmigration, speziell aus muslimischen Ländern, erfolge. Es gibt Vereinigungen in Frankreich, Italien, Österreich, den Niederlanden und Tschechien. Mit ihrer Unterstützung für AfD, FPÖ oder Front National sind die Identitären so etwas wie das Bindeglied zwischen parlamentarischer Rechter und den Rechtsextremen. Noch sind es nicht viele Aktivisten, in Deutschland gerade einmal 400. Immerhin aber "gefällt" 43.000 Menschen deren Facebook-Seite. Fast täglich entstehen neue Ortsgruppen.

Die Identitären sind keine Partei. Eher etwas wie eine rechte Spaßguerilla, die sich ihre Protestformen erklärtermaßen bei Greenpeace oder dem Zentrum für Politische Schönheit abgeschaut hat. "Du erkennst dein Viertel nicht wieder?", fragen sie auf ihrer Facebook-Seite. "Du hast am eigenen Leib erlebt, was der Multi-Kulti-Wahn für uns Deutsche bedeutet? Wir tragen den Protest dahin, wo man uns zuhören muss." Straßentheater, Kunstblut und hippe Undercuts statt Springerstiefel und Glatzen – die Identitären wollen nicht mit den Neonazis verwechselt werden, obwohl etliche aus ihren Reihen stammen. Offiziell distanzieren sie sich von Gewalt. Sind sie gefährlich?

Robert Timm ist einer von ihnen. Der 25-jährige Architekturstudent trägt Bart und Flanellhemd, im Studentencafé nahe der Berliner Humboldt-Uni fällt er nicht auf. Timm war beim Sturm auf das Brandenburger Tor dabei und auch in der Gruppe, die eine Diskussion des Journalisten Jakob Augstein mit der Theologin Margot Käßmann im Berliner Gorki-Theater stürmte. "Wenn wir uns nur in dem Rahmen bewegen würden, den das Versammlungsrecht uns lässt – würden Sie dann hier mit mir sitzen?", fragt Timm. Er ist im eher dörflichen Berlin-Kaulsberg in einem Plattenbau aus DDR-Zeiten aufgewachsen, als Jugendlicher war er eher links. Sein "Konversionserlebnis" hatte Timm, als er auf ein Oberstufenzentrum in Kreuzberg wechselte und zum ersten Mal mit arabisch- und türkischstämmigen Jungs in Berührung kam. Eines Tages kam der deutschjüdische Holocaust-Überlebende Sally Perel in die Klasse. Einige der muslimischen Jugendlichen, so Timm, hätten den alten Mann beleidigt. Die Lehrer hätten sie nicht zur Rechenschaft gezogen, sondern gefordert, die Anliegen der Palästinenser sollten mehr Raum im Schulalltag bekommen. Der Schulleiter kann sich an den Vorgang nicht erinnern, Sally Perel schon – auch wenn er das Ganze nicht dramatisch fand.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

"Wenn ich mich so verhalten hätte, wäre ich als Antisemit verteufelt worden", sagt Timm. Damals hatte er eine Freundin, die ein Kind von einem anderen Mann hatte. Sie wurde von den arabischen Jugendlichen als "Schlampe" beschimpft. Timm bemerkte, dass sich die wenigen deutschstämmigen Jugendlichen an der Schule einen arabischen Akzent zulegten. Und wie jeder in seiner Umgebung davon ausging, "dass man links ist". Ihm fiel das auf, was die Identitären "Schuldstolz" nennen: Viele linke Deutsche, so die Annahme, überböten sich in Selbsthass. "Ich habe bis zu meinem Gelöbnis als freiwilliger Rekrut bei der Bundeswehr nicht ein positives Wort über Deutschland gehört."

Er habe es genossen, in der Bundeswehr auf vietnamesische und arabische Jugendliche getroffen zu sein, die "voll assimiliert" waren. "Ich bin kein Nazi. Sähe ich in der U-Bahn, dass ein Afrikaner angegriffen wird, würde ich mich vor ihn stellen", behauptet er.

Die Identitären nennen diese Haltung "Ethnopluralismus". Man achte jede Ethnie und Kultur – auf ihrem "geschichtlich gewachsenen Gebiet". "Wir lehnen den westlich-liberalen Universalismus mit seiner Globalisierung genauso ab wie andere Utopien, die dem Rest der Welt ihr Lebenskonzept aufzwingen und Traditionslinien zerstören", heißt es in einem Manifest.

Nur: Warum feiern die Identitären dann nicht einfach euphorisch das Eigene? Und hantieren stattdessen mit antimuslischen Ressentiments?