Wenige Tage nach Trumps Wahlsieg wurde eine Pressemitteilung der Kulturstiftung des Bundes veröffentlicht. Die Bundesstiftung, die Projekte der Gegenwartskultur fördert, annoncierte ein "Diversity-Programm". Ihr war aufgefallen, dass "sich in den Kultureinrichtungen die kulturelle Diversität der Städte" noch nicht widerspiegele. Um diesen Missstand zu beheben, soll die "diversitätsorientierte Öffnung von Kultureinrichtungen in den Bereichen Programmangebot, Publikum und Personal" gefördert werden. Es wurde aus der Mitteilung nicht ganz klar, wie die identitätspolitischen Ziele in den Kultureinrichtungen erreicht werden sollen. Durch Quotierungen von Jobs nach ethnischer Zugehörigkeit? Durch Theaterstücke, die vorwiegend Migrationsprobleme behandeln? Und: Nach welchen Kriterien an der Kasse soll eine adäquate Durchmischung des Museumspublikums durchgesetzt werden?

Das sind, um nicht missverstanden zu werden, keine polemischen Fragen. Sie stellen sich notgedrungen, wenn die aus Amerika importierte Identitätspolitik der Anti-Diskriminierungs-Bewegungen, eine postmoderne Kultur- und Geisteswissenschaft sowie die ethnische Vielschichtigkeit der Gesellschaft unmittelbar in die politische Praxis überführt werden sollen.

Der Schriftsteller und Reporter George Packer hat wenige Wochen vor der Trump-Wahl in der abgründigen New Yorker-Reportage Hillary Clinton and the Populist Revolt ein grundlegendes Problem der Identitätspolitik entfaltet, die Clinton zeitweise in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfs rückte: Wenn Rasse zu einer irreduziblen Kategorie von Politik werde, anstatt in universellen Menschenrechten aufzugehen, könne sie von jedem gebraucht (und missbraucht) werden – eben auch von weißen Arbeiterfamilien und abstiegsbedrohten Angestellten der weißen Mittelschicht, generell von Weißen, die in Amerika in absehbarer Zeit in der Minderheit sein dürften und sich bereits jetzt als vernachlässigte und diskriminierte Gruppe empfinden, ob nun zu Recht oder zu Unrecht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Folgt man Packer, dann spielte Trump mit seinen rassistischen Ausfällen und seiner Anti-Globalisierungs-Rhetorik ebenso auf der Klaviatur der identity politics wie die Linken, nur erfolgreicher – folgerichtig schart er als gewählter Präsident zunächst alte, weiße Männer um sich. Packer beklagt, dass die amerikanische Gesellschaft sich seit einigen Jahren wieder in Stämmen und Sippen (tribes) organisiert, sich nach voraufklärerischen Kategorien wie Rasse und Geschlecht ausrichtet und damit die Idee vom modernen, universellen Subjekt, das sich von seiner sozialen und ethnischen Herkunft sowie einer kulturellen Determiniertheit zu emanzipieren vermag, ad acta legt. Mit Missvergnügen registriert der New Yorker-Autor, dass der aufklärerische Universalismus von Aktivisten als Machtgeste der weißen Mehrheitsgesellschaft aufgefasst werde – dann aber erübrige sich jeder auf Konsens zielende Diskurs.

Wenige Tage nach der Wahl knüpfte der Politikwissenschaftler Mark Lilla in einem lebhaft diskutierten Beitrag in der New York Times unmittelbar an die Überlegungen Packers an: "Wenn man in Amerika Gruppen anspricht, sollte man alle ansprechen. Wenn man nicht alle anspricht, werden die Nichtangesprochenen es merken und sich ausgegrenzt fühlen." Die Fokussierung der demokratischen Kampagne auf Schwule, Schwarze, Trans-Personen und andere Minderheiten habe letztlich zur Folge gehabt, dass zwei Drittel aller weißen Amerikaner ohne Collegeabschluss für Trump gestimmt hätten. Man dürfe nicht vergessen, dass die erste identitätspolitische Bewegung in Amerika der Ku-Klux-Klan gewesen sei. Lillas Essay gipfelt in einem Plädoyer für einen postidentitären Liberalismus, der sich nicht in Fragen der Gruppenzugehörigkeit erschöpfen dürfe. Das amerikanische Freiheitspathos müsse wieder umfassend und unspezifisch adressiert werden.

Es ist nicht frei von Ironie, dass ausgerechnet die Identitätspolitik und Diversitätsfixiertheit, die in Amerika derzeit auf dem Prüfstand steht, hierzulande als neuer und aufregender Theorieimport der Kulturpolitik reüssiert. Wer ergründen will, warum Zuwanderer hierzulande nicht sogleich in Massen in die Theater strömen, stößt aber vielleicht zunächst eher auf Bildungsfragen, Sprachbarrieren oder eine soziale Schichtenzugehörigkeit – und nicht auf fehlende Toleranz oder einen Mangel an Diversitätsorientiertheit in den Kulturinstitutionen, die man meint, auf Trab bringen zu müssen.

Der Mechanismus, der hierzulande mit Diversity-Programmen in Gang gesetzt wird, war während des amerikanischen Wahlkampfs bereits gut zu besichtigen: Wer vornehmlich auf die Identitätskarte setzt, liefert fatalerweise auch gute Argumente für jene, die identitätspolitisch eine Leitkultur einfordern und damit gerade auf die Ablehnung von Vielfalt abzielen.