Beim Internet der Dinge hätten die Deutschen mit ihrer Expertise "einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil" gegenüber branchenfremden IT-Riesen, glaubt Stührenberg. Schon ein kleiner Softwarefehler oder eine geringe Verzögerung bei der Datenübertragung, bei der es auf Millisekunden ankomme, könne zu Produktionsausfällen oder folgenschweren Unfällen führen. "Das ist in der Industriewelt völlig anders als in der Konsumentenwelt der Googles oder Amazons", sagt er. Hier komme es auf "absolute Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit" an. Und wer kann das besser sicherstellen als die Deutschen.

Bernhard Langefeld, Partner bei Roland Berger, sagt: "Die meisten sprechen von der digitalen Revolution. Aber im Bereich der Fabriken und der Produktion ist es eine Evolution, eine Entwicklung." Die Umwälzungen, die sich im Handel, in den Medien oder der Finanzwirtschaft in kürzester Zeit vollziehen, brauchen in der Industrie mehr Zeit – weil man dort nicht einfach ein analoges Produkt durch eine digitale Variante ersetzen kann. Wer eine Fabrik digitalisieren will, muss die 30 Jahre alte Maschine genauso vernetzen wie das Hightechgerät daneben.

Das ist eine Chance für Softwarespezialisten wie Freudenberg IT (FIT). Ursprünglich kümmerten sich deren Leiter Horst Reichardt und seine mittlerweile 850 Kollegen um die IT des weitverzweigten Familienimperiums. Ein Imperium, das von Dichtungen über Medizintechnik bis zu Haushaltstüchern (Vileda) reicht, mit mehr als 7,5 Milliarden Umsatz in 60 Ländern. Doch längst beraten Reichardts Leute weltweit Mittelständler beim Einstieg in die digitale Welt. 80 Prozent des Umsatzes machen sie mittlerweile außerhalb der Freudenberg Gruppe. Dazu hat FIT eine Art Fabriken-Check entwickelt, den "Industrie-4.0-Scan", der die Datenschätze eines Unternehmens auf ihre digitale Verwertbarkeit testet.

Wer dagegen den Wandel von der analogen zur digitalen Welt verschläft, läuft Gefahr, völlig aus dem Geschäft gedrängt zu werden. Dem traditionsreichen Hersteller von Kinokameras, Arri (Arnold & Richter) aus München, wäre dieser Bruch fast zum Verhängnis geworden, erzählt Mittelstandsexperte Simon. Der langjährige Weltmarktführer stand mit dem Ende des Zelluloidfilms kurz vor dem Aus, doch mit neuartigen Digitalkameras hat er sich in dieser engen Nische wieder die Spitzenposition gesichert. Hollywoodfilme wie das Trapper-Epos The Revenant wurden mit der digitalen Arri aufgenommen.

Und neuerdings wagen sich auch immer mehr klassische Mittelständler in die Welt der Start-ups vor. Phoenix Contact zum Beispiel. Das Unternehmen hat gerade einen Internetableger ausgegründet. Der soll im Dezember mit einer Website namens Protiq online gehen. Ohne große Anmeldungsformalitäten oder Vertragsverhandlungen könnten dort Industrieunternehmen die Zeichnungen neuer Produkte hochladen, erklärt Phoenix-Contact-Chef Stührenberg. "Wir suchen dann in unserem eigenen Netzwerk oder bei Partnern einen geeigneten 3-D-Drucker, auf dem sich ein Muster oder Prototyp fertigen lässt." Der Kunde hätte das Produkt in wenigen Tagen auf dem Tisch, ohne einen Cent in einen eigenen 3-D-Drucker investieren zu müssen. Bezahlt wird einfach mit Kreditkarte.

Man sieht, auch 93-jährige Unternehmen können noch hellwach sein.