Neulich fand ich mich in einer für mich eigentlich alltäglichen Situation wieder, die mich dennoch jedes Mal, wenn sie mir widerfährt, unvorbereitet trifft. Die Kassiererin im Asia-Markt beim Naschmarkt zögerte, ehe sie – auf Deutsch – die Summe nannte, die ich ihr für die Waren schuldete. Ich hatte ihren forschenden Blick bereits beim Eintreten bemerkt, dieser Blick ist ausschließlich für asiatische Kunden reserviert, die Anwesenheit von europäischeren Europäern wird geflissentlich ignoriert; ich wusste, dass sie sich fragte, ob ich eine Chinesin war oder nicht. In ihrem Zögern flackerte für einen Augenblick so etwas wie solidarische Freundlichkeit auf, bevor es sich in steife Höflichkeit verwandelte, auf die ich insgeheim gehofft hatte – die steife Höflichkeit signalisiert für mich Erfolg. Oder anders ausgedrückt: Dadurch, dass sie mich nicht als ein ihrer Gruppe zugehöriges Mitglied behandelte, meinte ich, dem, was beziehungsweise wer ich bin, nähergekommen zu sein, somit dem Schicksal, als unechte Österreicherin herumlaufen zu müssen, ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Dieses Zögern taucht überall und regelmäßig auf. Das letzte Mal begegnete ich ihm gehäuft auf einer Lesereise durch Polen, als mich die Veranstalter als österreichische Autorin vorstellten und nach dieser Feststellung eine Pause machten – eine kleine Pause, die jedes Mal von einem Lächeln begleitet und von kurzen Lachern aus dem Publikum untermalt wurden. Das Lachen ist eine typische Reaktion auf die Erklärung (gleichgültig, ob sie von mir kommt oder von einer anderen Person), ich sei eine Österreicherin. Quittiert wird es üblicherweise mit einem verständnisvollen Nicken und der eilig ausgestoßenen Ergänzung, ich sei in Südkorea geboren und als Kleinkind mit meinen koreanischen Eltern ausgewandert. Der fremde Körper muss erläutert werden, er darf nicht existieren, ohne einer Auseinandersetzung ausgesetzt worden zu sein – heute mehr denn je zuvor. Wahlkämpfer wie Norbert Hofer unterscheiden nur zu gern zwischen den "Eingebürgerten" und den "wahren Österreichern", so wahr ihnen Gott helfe. In den Diskussionen nach den Lesungen geht es dementsprechend immer um meine Biografie (eigentlich die Biografie meiner Eltern) und mein vermeintliches Heimatland Südkorea; dass ich Bücher schreibe, ist bloß der Anlass, um mich auf der Bühne auszustellen und zu meiner "heimatlosen" Existenz als ein "zwischen den Kulturen gefangenes", hybrides Wesen zu befragen. Es scheint, als müsse meine Falschheit um jeden Preis ans Licht gebracht und die Echtheit um jeden Preis wiederhergestellt werden. Echt und unecht richten sich hier nach dem Grad an Realismus. Eine offensichtlich unechte Österreicherin, also eine Österreicherin, die wie ich ihre Falschheit auf der Haut trägt, kann niemals eine Österreicherin sein – nur im Scherz.

Ein Bild, das hat schon der amerikanische Philosoph Nelson Goodman in Sprachen der Kunst postuliert, sei realistisch, wenn es das betrachtende Publikum täuschen könne, also eine gelungene Illusion darstelle. Wichtig sei dabei nicht, wie genau die Wirklichkeit dupliziert werde, sondern ob und inwieweit Bild und Gegenstand zu den gleichen Reaktionen und Erwartungen führen. Münze ich diese Theorie auf mich um, komme ich zu dem Schluss, dass ich als Person nicht realistisch bin, da ich nicht die Erwartungen erfülle, die eine echte Koreanerin (oder echte Österreicherin) erfüllt, deshalb löse ich auch diesen Korrigierdrang aus.

Eine unverfälschte Koreanerin muss, von Biologie, Mimik und Gestik abgesehen, auch mit einem asiatischen Akzent aufwarten, sie wäre in diesem Fall der Gegenstand, ich das Bild. Unter "angemessenen Beobachtungsbedingungen" stellt man keinen Unterschied zwischen uns fest, doch nur solange ich schweige. Spreche ich, entlarve ich mich als Fälschung. Dass meine Herkunft der einer echten Koreanerin entspricht, ich somit die äußeren Bedingungen erfülle, nützt nichts, denn ich wäre, wäre ich ein Bild, lediglich getreu gegenüber dem, was sie repräsentiert, aber nicht ebenso gleich realistisch. Für mich wäre ein eigener Schlüssel nötig, nicht aber für sie. Ihr Schlüssel existiert, er wurde bereits etabliert. Die echte Koreanerin lässt sich so nahezu automatisch und gewohnheitsmäßig lesen, und Realismus ist laut Goodman relativ – eine Frage der Gewohnheit. Ich folgere also: Ich bin unrealistisch, da man es nicht gewohnt ist, dass ich mich in meinem Verhalten von echten Österreichern nicht unterscheide. Realistisch wäre ich, würde ich mich unterscheiden. Natur und Kultur (Erziehung) müssen eine Einheit bilden, um einen "echten Staatsbürger" zu machen. Schon lange lautet die Devise wieder: Nature versus nurture.

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals echt gewesen zu sein. Die meiste Zeit werde ich für eine Japanerin oder Chinesin gehalten, einmal war ich Vietnamesin, einmal Thailänderin, einmal Spanierin (die Person war stark alkoholisiert). In Südkorea meint man, ich sei Nordkoreanerin, und in Dänemark und Grönland hält man mich für einen Inuk. Nun stellt sich die Frage, wie es sich auf die persönliche Entwicklung eines Menschen auswirkt, immerzu für jemand gehalten zu werden, der man nicht ist. Fühle ich mich unecht, weil man mich für unecht hält, oder fühle ich mich echt, obwohl man der Ansicht ist, ich sei unecht?