Matteo Renzi hat sich eine Angewohnheit von Barack Obama abgeschaut: Wann immer der italienische Ministerpräsident zu einem dienstlichen Besuch ins Ausland reist, steigt er dort aus seinem neuen, teuren Staatsflugzeug und joggt vor den Kamerateams zügig die Stufen hinunter – genau wie der scheidende US-Präsident.

Dahinter wird wohl wieder Jim Messina stecken, Obamas früherer Wahlkampfleiter, den Renzi für viel Geld auf Staatskosten engagiert hat. Messina hat Renzi auch geraten, sich bei Fernsehauftritten vor italienischen Flaggen zu zeigen und die übliche Europaflagge aus dem Blickfeld zu schaffen. All das soll Renzi vor dem großen Showdown am 4. Dezember helfen. Dann nämlich stimmt das italienische Volk über eine Verfassungsreform ab – und damit über Renzis Zukunft. Votieren die Italiener mit Nein, wird der 41-Jährige wohl kaum im Amt bleiben; er selbst hat sein Schicksal mit dem Referendum verknüpft, so sicher schien ihm der Erfolg.

Nun aber hat der relativ junge italienische Ministerpräsident das Joggen und Rennen ziemlich nötig. Es wird immer unklarer, wie das Referendum ausgehen wird, das über die Zukunft Italiens und vielleicht auch über die des Euro entscheiden könnte. Zur Abstimmung steht eine Reform, die Renzi mit auf den Weg gebracht hat: Sie soll Entscheidungsprozesse im Parlament straffen, dessen zweite Kammer verkleinern und die Vetorechte der 20 italienischen Regionen einschränken, die für ihr "Bei uns aber nicht!" bekannt sind. Die Regierung würde dadurch mehr Macht erhalten.

Lange schien die Zustimmung der Italiener sicher. Bis zum März dieses Jahres sahen 88 Prozent der Umfragen das Ja-Lager klar in Führung. Von April bis Ende September kamen nur noch 40 Prozent zu diesem Ergebnis, und bei den von Anfang Oktober bis vor Kurzem durchgeführten 45 Umfragen lag dann fast durchgehend das Nein-Lager vorne – wenn gleich der Vorsprung knapp und die Gruppe der Unentschlossenen groß ist.

Kurz erklärt - Darum geht es beim Referendum in Italien Am 4. Dezember stimmen die Italiener über die weitreichendste Verfassungsreform in der Geschichte ihrer Republik ab. Das Referendum könnte auch über die politische Zukunft von Ministerpräsident Renzi entscheiden. © Foto: AFP-TV

Nicht nur Renzi merkt plötzlich, dass es auch eine Niederlage geben könnte, sondern auch die Finanzmärkte registrieren die Gefahr. Das zeigt sich daran, wie sich die italienischen Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit entwickelt haben. Ihre Renditen sind in kurzer Zeit stark gestiegen – und damit die Risikoprämie, die der Staat Investoren bieten muss, damit sie dem Land Geld leihen. Auch wenn der Risikoaufschlag noch unter dem griechischer Staatsanleihen liegt, bedeutet das: Die Sorge wächst, dass die Anleihen ausfallen könnten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Die Gründe für diese Skepsis sind vielfältig. Der Aufschwung im Land ist erneut ins Stocken geraten. Die Preise fallen, das schadet der Wirtschaft, und die Staatsverschuldung soll 2017 im zehnten Jahr in Folge und damit auf ein Rekordniveau steigen. Die Europäische Kommission verzichtet dennoch darauf, den mit Wahlgeschenken gespickten Haushalt zu sanktionieren – aus Angst, sie könnte so antieuropäische Kräfte und damit das Nein-Lager beim Referendum anschwellen lassen.

Und dann sind da noch die Banken. Sie haben viel Geld verliehen, das sie womöglich nie wiedersehen: Fast ein Fünftel ihres Kreditvolumens gelten als notleidend oder sind bereits ausgefallen. Das entspricht 22 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts. Nach diesem Maßstab ist die Lage der italienische Banken schlechter als die der spanischen Banken 2013. Und dramatischer auch als die Lage der schwedischen, finnischen und norwegischen Banken zu Beginn der 1990er Jahre, als es die ersten Rettungsmaßnahmen im Finanzsektor gab.

Für Italien ist die Lage allerdings auswegloser als die Situation in Skandinavien vor zwei Jahrzehnten. Denn der Staat kann nicht einfach eine sogenannte Bad Bank gründen, die all die notleidenden Kredite aufkauft. Die europäischen Beihilferegeln untersagen das. Doch bevor der Staat die Banken mit seinem Geld retten kann, müssen erst die Kunden und Geldgeber einstehen. Das wiederum könnte einen Ansturm auf die Geldautomaten auslösen. Um einen solchen "Bank-Run" zu verhindern, bliebe der Regierung im Extremfall wenig übrig, als den freien Geldverkehr zu begrenzen – so wie es Griechenland 2015 getan hat. Für die drittgrößte Volkswirtschaft in Europa wäre das eine Katastrophe. Und der "gemeinsame Währungsraum" in der Euro-Zone, er wäre nur noch eine schöne, aber überholte Utopie.