Er zog die Türe einfach zu. Erst den rechten Flügel, dann ganz langsam auch den linken. Sein Zeremonienmeister geleitete den Papst anschließend die drei Treppenstufen vor der Heiligen Pforte nach unten. Franziskus wird in ein paar Tagen 80 Jahre alt und ist nicht mehr richtig gut zu Fuß. Er drehte sich um, hielt noch einmal vor der bronzenen Türe am Petersdom inne. Die Pforte war verschlossen, das Jahr der Barmherzigkeit zu Ende. War es das auch für die Reformen in der katholischen Kirche?

Franziskus sah aus, als sei er gerade einer schweren Pflicht nachgekommen. Mit dem außerordentlichen Heiligen Jahr wollte der Papst seiner Kirche eine neue Sicht verpassen wie ein Optiker, der seinem Patienten mit frischen Brillengläsern die Augen öffnet. Ob der gewünschte Effekt eines milderen Blicks auf das Leben der Gläubigen eingetreten ist, ist schwer zu sagen. Viel deutet darauf hin, dass nun die schwierigste Phase im Pontifikat Jorge Bergoglios anbricht.

Dreieinhalb Jahre sind seit seiner Wahl am 13. März 2013 vergangen. Bei vielen Gläubigen und bei Menschen, die der katholischen Kirche fernstehen, genießt Franziskus immer noch Sympathien. Aber unter Seinesgleichen, bei Bischöfen und Kardinälen, die den Ball aufnehmen und den von ihrem Chef vorgegebenen Wandel umsetzen könnten, wirkt Franziskus immer einsamer.

In der jüngeren Kirchengeschichte beispiellos ist der am 14. November veröffentlichte Brief von vier Kardinälen, in dem Franziskus von seinen Untergebenen ungewöhnlich hart angegangen wird. Von der "Verunsicherung vieler Gläubiger" und einer "großen Verwirrung" ist in dem Schreiben die Rede, das dem Papst schon im September persönlich zugestellt worden sein soll. Weil Franziskus nicht antwortete, gingen seine Kritiker an die Öffentlichkeit. Fünf Dubia, also Zweifel, im Hinblick auf die Auslegung des päpstlichen Schreibens "Amoris laetitia" legten die vier Kardinäle Franziskus vor.

Bei den Unterzeichnern handelt es sich um ein Grüppchen renitenter Monsignori, deren Zeit unweigerlich abgelaufen scheint. Weil sie wenig zu verlieren haben, konnten die unter Benedikt XVI. einflussreichen Prälaten dafür umso deutlicher werden. Der 82 Jahre alte emeritierte Kölner Erzbischof Joachim Meisner ist unter ihnen, außerdem unterschrieben der von Franziskus aus mehreren wichtigen Kongregationen und als Präfekt des obersten Vatikangerichts abberufene US-Kardinal Raymond Leo Burke (68), der ehemalige Erzbischof von Bologna, Carlo Caffarra (78), sowie der 87-jährige deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller. Mit ihren fünf, mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantwortenden Fragen setzten die Inquisitoren Franziskus die Pistole auf die Brust.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die vier wollen wissen, ob wiederverheiratete Geschiedene künftig zur Kommunion zugelassen sind, auch wenn sie Geschlechtsverkehr haben. Sex oder kein Sex war bislang das Ausschlusskriterium. Sie interessiert außerdem, ob Franziskus bisher unverrückbare Blöcke wie "schwere Sünden" oder "absolute moralische Normen" aufgegeben hat und ob er Gewissensfreiheit will. Ihre Zweifel sind eigentlich gar keine Zweifel, sondern die schlimmsten Befürchtungen der Ultrakonservativen, die sich längst bewahrheitet haben. Für den Fall, dass Franziskus weiterhin schweige und nicht einlenke, kündigte Burke an, Kardinäle und Bischöfe müssten die Korrektur der Häresien des Papstes verlangen. Das Besondere an diesen Worten ist weniger ihr Inhalt, sondern die Tatsache, dass ein Kardinal heute auf diese Art öffentlich über den Papst sprechen kann.

Franziskus schweigt weiter, aber antwortete indirekt mit einem Blitzbesuch beim römischen Ehegericht, der Rota, deren Richter er zur Milde aufrief. In einem Interview warf er seinen Kritikern Schwarz-Weiß-Denken und "Rigorismus" vor. Der Papst spottete gar, dass einige ihre "traurige Unzufriedenheit hinter einer Rüstung verstecken" wollten. Mit anderen Worten, er hält seine Kritiker nicht nur für frustriert, sondern auch für verklemmt.

Dabei steckt Franziskus selbst in der Bredouille. Die üblichen zweitägigen Diskussionen des Kardinalskollegiums vor der Ernennung neuer Kardinäle am vergangenen Wochenende setzte der Papst vorsorglich nicht an und sparte sich so eine unangenehme Debatte um sein Lehramt. Die vier Alt-Inquisitoren sind nicht allein. 13 andere Kardinäle, alle noch aktiv und mit wichtigen Ämtern in der Weltkirche, unterschrieben während der Familiensynode 2015 einen Protestbrief, weil sie eine Manipulation der Synode befürchteten. In ihrem Windschatten stehen andere, die vielleicht keinen Brief an den Papst unterschreiben würden. Aber die Zweifel hegen am Magisterium Bergoglios und dessen sich widersprechenden Interpretationen.