Gelangweilt? Überfordert? Verhaltensökonom und Spieltheoretiker Matthias Sutter erklärt, wann es Zeit ist, den Job zu wechseln.

DIE ZEIT: Wie finde ich heraus, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, meinen Job zu wechseln?

Matthias Sutter: Die einfache Antwort: Wenn Sie eine bessere Alternative haben. Die kompliziertere: Ab wann fangen Sie an zu suchen?

ZEIT: Ab wann sollte man denn suchen?

Sutter: Wenn es Ihnen an Perspektiven oder Motivation mangelt, Sie nicht weiterkommen, Ihre Fähigkeiten nicht gefördert werden oder Sie sich den Aufgaben nicht gewachsen fühlen. Auch wenn Sie für Ihre Arbeit woanders deutlich mehr Geld bekommen, kann das ein Grund sein.

ZEIT: Ist mehr Geld Anreiz genug?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Sutter: Andere Dinge überwiegen, zum Beispiel ob Sie gern am Morgen zur Arbeit gehen, weil die Kollegen nett sind und die Aufgaben interessant. So etwas werden sie wegen 100 Euro mehr nicht aufs Spiel setzen wollen, bei 1.000 Euro würden Sie schon eher darüber nachdenken.

ZEIT: Laut Statistik sind eher ein schlechter Chef oder unangenehme Kollegen ausschlaggebend für einen Jobwechsel, nicht das Geld.

Sutter: Unzufriedenheit ist ein triftiger Grund. Aber gleich das Handtuch zu werfen, wenn ein Projekt nicht optimal läuft und es gerade mit den Kollegen schwierig ist, dazu rate ich nicht. Manchmal braucht es eine Weile, bis die eigenen Fortschritte sichtbar werden.

ZEIT: Trotzdem ist es schwer, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Kann ein Ultimatum helfen?

Sutter: Sie meinen, ein Ultimatum an die Vorgesetzten, dass man wechselt, wenn bestimmte Bedingungen nicht erfüllt sind? Das kann helfen, aber nur wenn Sie glaubwürdige und gute Alternativen haben.

ZEIT: Was heißt das?

Sutter: Ein Angebot von außen gibt Ihnen intern eine deutlich bessere Verhandlungsposition. Schauen Sie sich also ruhig auf dem Markt um!

ZEIT: Kann mir die Spieltheorie bei Karriereentscheidungen helfen?

Sutter: Die Spieltheorie basiert ja darauf, dass Sie Ihre Entscheidungen davon abhängig machen, was Sie erwarten, was andere tun, und für sich das Optimale dabei rausholen. Sie sollten schauen: Wer ist hausintern gerade im Rennen? Wie häufig wird die Position besetzt? Wenn es eine Leitungsfunktion gibt, die für die nächsten Jahre besetzt wird und Sie davon ausgehen, dass es da jemanden gibt, der auf jeden Fall stärker wertgeschätzt ist als Sie, sollten Sie zumindest einen Wechsel in Betracht ziehen. Sie sondieren das Feld, sammeln so viele Informationen wie möglich. Letztlich ist es eine Kosten-Nutzen-Rechnung, was verliere ich, oder was gewinne ich, wenn ich woanders hingehe.

ZEIT: Deutsche Arbeitnehmer wechseln durchschnittlich alle vier Jahre ihren Arbeitgeber. Der Wechsel kann durchaus ein Sprungbrett auf die nächste Stufe sein. Aber kann man den richtigen Moment dafür kalkulieren?

Sutter: Nur schwer, denn der Zufall spielt dabei eine große Rolle. Vielleicht geht die neue Firma nach einem Jahr in Konkurs. Oder die Kollegin, die bei ihrem aktuellen Arbeitgeber viel bessere Chancen hat als Sie, wird plötzlich abgeworben, und Ihnen steht der Weg frei. Aber als Angestellter mit unbefristetem Vertrag wird sich Ihre Position selten verschlechtern. Daher können Sie mit einem Wechsel durchaus in Führungspositionen aufsteigen und damit mehr Verantwortung und ein höheres Einkommen gewinnen.

ZEIT: Jede Branche hat ihren eigenen Rhythmus. Manche sind schnelllebiger als andere.

Sutter: Natürlich müssen Sie miteinberechnen, wie dynamisch ihr Berufsfeld ist. Im akademischen Bereich würde ich nicht empfehlen, jedes Jahr zu wechseln. Das ist im Investmentbanking oder in Hochtechnologiebranchen vielleicht anders. Man sollte schauen, dass man branchenspezifisch nicht zu oft wechselt. Ansonsten fallen Sie damit nicht unbedingt positiv auf.