Die Provinz beherrscht seit Jahrhunderten den deutschen Geist; Orte wie Heidelberg oder Tübingen, Weimar und zuletzt Bielefeld haben intellektuell einen geradezu mythischen Klang. Urbanes Denken hingegen hat hierzulande Seltenheitswert, anders als in Frankreich, Italien oder Amerika. Unendlich kann man über die Vor- und Nachteile dieser provinziellen deutschen Tradition sinnieren.

Siegfried Kracauer aber liebte die Stadt: als Junge an der Hand seines Vaters in Frankfurt, später dort als Journalist, so wie auf dem Berliner Asphalt am Ende der Weimarer Republik, dann ab 1933 auf den Boulevards im Pariser Exil, nach abenteuerlicher Flucht mit seiner Frau Lili ab 1941 in Amerika, begeistert im Schatten der Hochhäuser Manhattans. "Ihr wißt ja, daß wir Stadtmenschen sind", schrieb ein befreiter Kracauer im Straßenrausch damals an seine Mutter und an seine Tante im heimatlichen Frankfurt.

Dieser urbane Blick ist der Schlüssel zu seinem Werk, dessen Reichtum und Vielseitigkeit einen immer wieder erstaunen. In diversen geistigen Rollen brillierte Kracauer: als bedeutendster deutscher Feuilletonist des 20. Jahrhunderts, in Essays und mehreren Büchern als Pionier der Filmtheorie, als Soziologe, der mit seiner Studie Die Angestellten 1930 Furore machte, als kulturkritischer Deuter des Nationalsozialismus und Propagandaforscher, als Romancier (Ginster und Georg) und schließlich, in den letzten Jahren vor seinem Tod 1966, als Geschichtsphilosoph. "Ich sitze dazwischen": Kracauers Bemerkung 1947 über seine zunächst schwierige berufliche Situation in Amerika könnte auch als Motto über Leben und Werk dieses faszinierenden Intellektuellen stehen. Jüngst tauchte er gar als literarische Figur wieder auf: in Christian Krachts Roman Die Toten, in dem sich die filmischen Visionen um 1930 widerspiegeln.

Nun endlich, pünktlich zu seinem 50. Todestag, hat Siegfried Kracauer seinen verdienten Biografen bekommen. Dem Historiker Jörg Später ist eine hervorragende, oft elegante Erzählung über das Phänomen Kracauer gelungen: gestützt auf die veröffentlichten Korrespondenzen, den umfangreichen Nachlass im Marbacher Literaturarchiv, den Später systematisch ausgewertet hat, sowie auf die wichtigen Werke Kracauers, die er mit sicherer Hand interpretiert und in die Kontexte platziert.

Tatsächlich erscheint vieles an dieser Figur ungewöhnlich. Der 1889 geborene Kracauer stammte aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie in Frankfurt, er studierte zunächst lustlos Architektur. Aber es zog den lebenslang unter seinem Stottern Leidenden woandershin: In Berlin besucht er nebenher die legendären Vorlesungen Georg Simmels, schickt seine philosophischen Versuche an Max Scheler; beide ermutigen ihn. Es ist die Latenzzeit eines Spätentwicklers. Und plötzlich, da ist er schon über 30, schreibt er Anfang der wilden zwanziger Jahre im Feuilleton der liberalen, damals führenden Frankfurter Zeitung, auf deren Seiten er bald zum einflussreichen Zeitdiagnostiker wird. Seine Beobachtungsposten sind zugleich seine bevorzugten Schreiborte: das Café und die Bahnhofshallen. Freunde werden ihn selbst einen "Bahnhof" nennen – als Theorien- und Ideenumschlagplatz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Apropos. Später präsentiert zusammen mit Kracauer drei weitere Denker als intellektuelles Freundesquartett: Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und Ernst Bloch. Die lebenslangen, öfter dramatischen Beziehungen untereinander ziehen sich leitmotivisch durch das Buch, Kontaktabbrüche und Wiederanknüpfungen inklusive. Zunächst war da der 14 Jahre jüngere, hochbegabte "Teddie", den "Friedel" wohl 1918 kennenlernte. Zwischen den beiden herrschte am Anfang eine intellektuell befeuerte, platonisch-homoerotische Nähe. Mit ihm sowie mit Bloch und Benjamin diskutierte Kracauer die großen Themen der Epoche, in gegenseitiger Inspiration: Messianismus, Marxismus und Moderne. Kracauer wurde als einflussreicher FZ-Redakteur für die drei Außenseiter zum Türöffner im Kampf um Diskursmacht; gern rezensierte man sich im Übrigen gegenseitig. Im Exil war umgekehrt Kracauer der Abhängige: Der einstige Redakteur wurde in Paris beim nach New York emigrierten Institut für Sozialforschung von Horkheimer und Adorno zum Bittsteller – um Geld und das ersehnte Visum für Amerika.