DIE ZEIT: Sir John, haben Sie ...

John Eliot Gardiner: ... Entschuldigung, bevor Sie mich etwas fragen, möchte ich Sie etwas fragen. Hat Richard Barth das Buch gut aus dem Englischen übersetzt?

ZEIT: Sehr gut sogar. Fachlich präzise und doch unterhaltsam, gelegentlich sogar derb.

Gardiner: Aaah! Wunderbar. So sollte es sein.

ZEIT: Weil Bachs Musik für Sie zwar eine feste Burg ist, aber keine Bußübung?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Gardiner: Genau. Bachs Musik ist so lebensfroh. Dieser Mann war kein Griesgram und hat viel gelacht, wenn er sich auch oft geärgert hat. Und zugleich war er unglaublich fromm.

ZEIT: Bach, das sanguinische und doch gottesfürchtige Gemüt?

Gardiner: Diese beiden Pole sind ganz wichtig bei Bach.

ZEIT: Ihr Buch heißt im Untertitel: Musik für die Himmelsburg. Wann kam Ihnen die Idee, Bach in einem Buch als genialen Komponisten geistlicher Musik zu porträtieren?

Gardiner: Ich kreise ja schon mein ganzes Leben lang in der Umlaufbahn des Planeten Bach und habe viele, viele Eindrücke gesammelt, manche sehr scharf wie mit dem Fernrohr. Anderes erkennt man, wenn man sozusagen den großen Überblick hat. Im Jahr 2000 hat sich dann alles verdichtet.

ZEIT: Damals waren Sie mit Bachs Kantaten auf großer Wander- und Pilgerschaft.

Gardiner: Ja, ich habe in 60 europäischen Kirchen fast alle 200 Kirchenkantaten Bachs aufgeführt – in Leipzig und in London und Rom, sogar in Santiago de Compostela. Mit meinem Monteverdi Choir bin ich bis nach New York geflogen. Und irgendwann auf diesen Reisen reifte in mir die Idee, diese gewaltigen Erfahrungen mit meinem lebenslangen Hausheiligen in ein Buch zu gießen.

ZEIT: Musiker schreiben eher selten über Bach. Meistens sind es Musikwissenschaftler, für die auch Kleinigkeiten wichtig sind, wenn sie einen Klagebrief von Bachs Vater finden über die miserable Hygiene in Thüringen.

Gardiner: Vielleicht muss man für solch ein Buch tatsächlich Generalist sein. In jedem Fall sollte man viel Ahnung haben, wenn man Bachs Kirchenmusik aufführen will; ich habe mir etliches ja auch beibringen lassen. Der Thomaskantor braucht einen Allrounder, der viel von Darmsaiten und lutherischer Theologie, von ventillosen Trompeten und Wasserzeichen, von Orgelstimmungen und verminderten Septakkorden versteht.

ZEIT: Wissen Sie, wie oft Sie Bachs Werke schon aufgeführt haben, etwa die beiden Passionen, die h-Moll-Messe, die Motetten, das Weihnachtsoratorium?

Gardiner: Was ich wann wo dirigiert habe – ich weiß es nicht. Das liegt auch daran, dass es jedes Mal eine neue, fast jungfräuliche Aufführung ist, die mich begeistert. Ja, Bach enthusiasmiert mich in ungeheurem Maß. Dabei sind gerade auch die Kantaten wichtig. Sie ziehen sich ja wie ein Lebens- und vielleicht auch Schicksalsfaden durch Bachs musikalisches Schaffen. Und sie sind alle hinreißend.

ZEIT: Wie erklären Sie es sich, dass Bachs kompositorisches Niveau zu allen Zeiten – also von den frühen Kantaten in Mühlhausen um 1708 über die Weimarer Weihnachtskantaten von 1714 bis hin zu den späten Leipziger Werken in den 1740er Jahren – so unglaublich hoch war?

Gardiner: Es war sein Anspruch, er konnte nicht anders. Trotzdem merkt man, dass gute Texte – etwa als Libretti seiner Kantaten – Steilvorlagen für seine Inspiration waren.

ZEIT: War es da nicht bitter für Bach, dass die Zeitgenossen, vor allem in Leipzig, für seine Kunst keine Antennen hatten?

"Herr, das bin ich, mehr kann ich nicht"

Gardiner: Wenn man sich anschaut, wer vor und wer nach Bach Thomaskantor in Leipzig war, kann man kaum glauben, dass der dortige Rat als Dienstvorgesetzter Ahnung von Kunst hatte. Bach war ja, als er 1723 in Leipzig anfing, auch gar nicht erste Wahl gewesen, sondern die vierte. Das haben sie ihn immer spüren lassen, man hat ihn getriezt, seine Arbeitsbedingungen fortwährend verschlechtert. Leipzig hat ihm das Blaue vom Himmel versprochen und nur wenig gehalten.

ZEIT: Glaubte Bach anfangs, in Leipzig seinen Traumjob gefunden zu haben?

Gardiner: Könnte sein. Gewiss waren andere Stellen in anderen Städten lukrativer, prominenter, leuchtender. Aber ihm ging es um die Kirchenmusik, er wollte sich und der Welt beweisen, wie man das herrlichste Gotteslob mit allen Mitteln der Kunst gestalten kann.

ZEIT: Deshalb dieses von niemandem bestellte Engagement für die Kantaten?

Gardiner: Unbedingt. In seinen ersten Leipziger Jahren hat Bach Woche für Woche eine Kantate komponiert, ohne Pause, bei Fieber und Nackenschmerzen, mit plärrenden Kindern im Rücken. Seine Wohnung grenzte mit ihren dünnen Wänden ja direkt an den großen Schlafsaal der Thomasschule mit Horden von Halbwüchsigen.

ZEIT: Waren diese 55 Thomaner-Jungs mit manchen Werken Bachs wegen deren unerhörtem Komplexitätsgrad nicht überfordert?

Gardiner: Weiß ich nicht. Bach hat sie allerdings darauf vorbereitet, worum es ging. Viel stärker dürften sie unter den vokaltechnischen Anforderungen gelitten haben. Es gab in der Thomasschule ja weitaus weniger musikalische Kinder, als man Bach bei seiner Anstellung zugesichert hatte. Die nackte Wahrheit ist: Zum Zeitpunkt von Bachs Amtsantritt hatte die Thomasschule – einst bei den Chorschulen in deutschen Landen das Maß aller Dinge – ihre besten Tage hinter sich.

ZEIT: Hat Bach auch als frommer Musikermensch in Leipzig gelitten?

Gardiner: Jedenfalls gab es erhebliche Konflikte zwischen Orthodoxen und Pietisten, die Bach zu schaffen machten. Für die öffentliche Debatte, was Kirchenmusik durfte und was nicht, war der ziemlich apodiktisch veranlagte Bach nicht der richtige Gesprächspartner. In solchen Dingen hatte er eine ziemlich widerspenstige Art und war alles andere als ein geschmeidiger Mitarbeiter. Er empfand sich als Künstler, wollte akzeptable Bedingungen und ansonsten in Ruhe gelassen werden.

ZEIT: Um dann so abgehobene Stücke wie den Eingangschor der Johannes-Passion zu schreiben, den die Leipziger Kirchgänger am Karfreitag 1724 erstmals hörten?

Gardiner: Wie kommen Sie gerade auf diesen Satz?

ZEIT: Ich höre da immer glühende Lava in g-Moll unter bergsteigerischen, sehr kniffligen Koloraturen.

Gardiner: Schöner Vergleich. Noch dazu geht dieser Eingangschor direkt in die theologische Richtung des in Leipzig nicht sonderlich geschätzten Johannes-Evangeliums. Dieses an den Pforten des Himmels rüttelnde "Herr, unser Herrscher" – das ist ein Beginn, wie es bei Bach keinen zweiten gibt.

ZEIT: Hören wir hier Bach, der seine Musik gleichsam hoch frankiert und direkt an ihren eigentlichen Adressaten schickt, an Gott?

Gardiner: Ja. Er hatte ja nun auch genug von der öffentlichen Meinung über ihn, ihn fuchsten Meckerheinis wie Johann Mattheson oder Johann Adolf Scheibe, sogenannte Musiktheoretiker, die selbst keine einzige originelle Melodie zustande brachten und Bach in seiner Totale kaum begriffen.

ZEIT: Ist Bachs Musik selbstreferenziell?

Gardiner: Meinen Sie das in einem biografischen Sinne?

ZEIT: Vielleicht hatte Bach selbst die größte Freude daran, was ihm in manchem Werk schon wieder an kombinatorischer Kunstfertigkeit und auch an theologischem Anspielungsreichtum gelungen war.

Gardiner: Mag sein. Jedenfalls war etwa die fast utopische h-Moll-Messe ein Werk, in dem er seinem Gott sagen wollte: "Herr, das bin ich, mehr kann ich nicht." Wer weiß, vielleicht hätte sich sein Lebensrad anders gedreht, wenn seine Sehnsucht nach dem Dresdner Hof erhört worden wäre.

ZEIT: Sie schreiben, dass seine Musik etwas Zyklisches besaß. Auch in der Kirchenmusik?

"Ohne ihn wäre es entsetzlich öde"

Gardiner: Gerade dort. Die kompletten Kantaten-Jahrgänge weisen in diese Richtung. Schon früh dachte er systematisch. Jahreszeiten waren für ihn Wegmarken in einem ansonsten vollkommen unübersichtlichen Leben. Einer, der mit zehn Jahren beide Eltern verlor, brauchte solche Orientierungspunkte. Und da kein Bedeutenderer in der Nähe war, der ihm als Vorbild hätte dienen können, musste Bach sich diese Orientierung selbst spenden.

ZEIT: Wurde er dadurch als Mensch so eigen und unzugänglich?

Gardiner: Vermutlich. Die Gabe der Diplomatie besaß er nicht, und so manche Degradierung durch seine Dienstherren hätte er vermeiden können. Um wie viel wohler fühlte er sich später in Leipzig, als er Musik im Kaffeehaus machen konnte.

ZEIT: Zählt menschliche Unvollkommenheit nicht zum Leben dazu, wenn man auf der anderen Seite ein Genie ist?

Gardiner: Kann gut sein. Bach hat ja alle Zeiten und Stile der Musikgeschichte in sich aufgefangen und verarbeitet. Zugleich weist er weit in die Zukunft. Welcher Komponist von Rang hat sich nicht auf Bach bezogen? Denken Sie nur an Igor Strawinsky!

ZEIT: In dessen Psalmensinfonie wird Bach fast wörtlich zitiert.

Gardiner: Sie meinen den zweiten Satz? Genau, da schreibt Strawinsky eine Fuge wie jemand, der seinen Bach genau studiert hat.

ZEIT: Sie weisen in Ihrem Buch einleuchtend nach, dass Bach in der Musik gleichzeitig horizontal und vertikal dachte. War Bach ein geometrischer Komponist?

Gardiner: Er schuf weit schmeichelnde oder verschlungene Melodien, zugleich kleidete er sie in bitterzarte Harmonien. Im Unterholz der Akkordverbindungen fühlte er sich wohl. In diesem Feld der Kombinatorik von quer und hoch zeigt sich immer auch ein Zeichen, das alle Musik Bachs überstrahlt: das Kreuz.

ZEIT: Denken Sie daran, wenn Sie dirigieren?

Gardiner: Ja. Ich kann gar nicht anders. Allerdings drückt mich diese Musik nicht nieder, sie erhebt mich, durchglüht mich und steckt mich in ihrem optimistischen Tiefsinn an. Mir ist über die Jahre aufgegangen, dass Bachs Musik immer auch etwas Tänzerisches hat.

ZEIT: Musik als Erfrischung für alle, also für Hörer und Musiker?

Gardiner: So empfinde ich es. Zugleich begeistere ich mich immer wieder daran, wie Bach theologische Texte ausdeutet. Es gibt da Momente, in denen er eindringliche Bilder beschwört, deren raffinierte Düsternis mich an Filme von Alfred Hitchcock erinnert.

ZEIT: Meinen Sie die Vögel in der Kantate Leichtgesinnte Flattergeister, die Bach im Frühjahr 1724 komponierte und die auch Albert Schweitzer in seinem Bach-Buch an prominenter Stelle erwähnt?

Gardiner: Genau die. Sie verschlingen die Saat, die an den Weg fiel, und werden so zur Beute des Teufels. Ich meine, dass Bach das Bild flügelschlagender Raubvögel sehr drastisch schildert, wild genug, um ängstlichen Bauern schlaflose Nächte zu bereiten. Das finde ich faszinierend, es kann mich zum stundenlangen Nachdenken reizen. Ein Nachdenken, aus dem ich bereichert wieder aufsteige.

ZEIT: Welche Musik erfrischt Sie als Dirigenten nicht?

Gardiner: Die von Richard Wagner. Die saugt einen leer. Bach belebt mich. Ohne ihn wäre es entsetzlich öde.

John Eliot Gardiner: Bach. Musik für die Himmelsburg; aus dem Englischen von Richard Barth; Hanser Verlag; 735 S., 34,– €