An der Garderobe im Kindergarten baumelt eine Filzschnur. Das ist die Leine. Hector hat sie da angeknotet, für seinen Fuchs. Während der Dreijährige spielt, bastelt und turnt, sitzt der Fuchs in der Garderobe und wartet. Wenn Hector am Nachmittag von seiner Mutter abgeholt wird, zieht er sich Schuhe und Jacke an und nimmt die Filzleine in die Hand. Während er nach Hause stapft, zieht er sie hinter sich her. Außer ihm kann keiner den Fuchs sehen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Das Tier war der erste unsichtbare Gefährte, der Hectors Kindheit bevölkerte. "Er hat Hector überallhin begleitet", erzählt Katrin Graefe, seine Mutter. "In den Kindergarten, zum Spielplatz und zu Freunden." Auch bei den Mahlzeiten war der Fuchs oft dabei – unter dem Tisch, wo dann auch Hector seine Brote aß. "Später gab es so ein menschenartiges Ding", erinnert sich Graefe. "Das war der kleine Nick. Der konnte fliegen, bis unter die Zimmerdecke." Der imposanteste von Hectors imaginären Freunden war ein goldener Feuerdrache von der Größe eines mittelgroßen Flugzeugs, der über der Familie Graefe schwebte und sie bis in den Urlaub nach Mallorca begleitete.

Mittlerweile ist Hector acht Jahre alt und geht zur Schule. Die imaginären Freunde sind schon vor zwei Jahren verschwunden, am Ende der Kindergartenzeit. Er brauchte sie nicht mehr. "Fantasiegefährten helfen den Kindern, sich weniger alleine zu fühlen", sagt Michael Schulte-Markwort, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. "Sie tauchen auf, wenn ein Kind zum ersten Mal hinaus in die Welt gehen und sich von seiner Mama trennen muss." Fachleute sprechen auch von Übergangsobjekten – das sind oft Gegenstände wie eine Schmusedecke oder Kuscheltiere, die dem Kind ein Gefühl von Geborgenheit und Halt geben. "Alle Kinder brauchen solche Übergangsobjekte", sagt Schulte-Markwort. Während die einen sich mit einer Puppe oder einem Stofftier behelfen, erfinden andere Fantasiebegleiter. Die können eine menschliche Gestalt haben, oder es sind Tiere und Fabelwesen wie Hectors goldener Feuerdrache. Dem 60-jährigen Kinderpsychiater haben etliche Jungen und Mädchen von ihren unsichtbaren Begleitern berichtet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

"Etwa jedes dritte Kind hat zeitweise eine Freundschaft, die nur in seiner Fantasie existiert", sagt auch Inge Seiffge-Krenke von der Universität Mainz. Die emeritierte Psychologie-Professorin und Psychoanalytikerin hat sich intensiv mit der Fachliteratur befasst, die in den vergangenen Jahrzehnten zum Phänomen der imaginären Begleiter verfasst wurde. Seit etwa 1930 forschen Psychologen daran, wobei der Fokus auf menschenähnlichen Fantasiefreunden liegt. Bis in die 1970er Jahre befürchteten Wissenschaftler, dass die imaginären Gefährten Vorboten psychischer Störungen seien. Heute weiß man, dass das Phänomen nicht pathologisch ist. "Das sind ganz normale, gesunde Kinder", sagt Seiffge-Krenke. "Die unsichtbaren Freunde sind eine kreative Leistung, die dem Kind in schwierigen Situationen hilft und seine Entwicklung fördert."

Imaginäre Gefährten können etwa auftauchen, wenn die Eltern sich trennen – aber auch, wenn ein Geschwisterkind geboren wird. So geschah es bei Hector, der drei Jahre alt war, als sein kleiner Bruder Fritz zur Welt kam. Die US-amerikanische Forscherin Marjorie Taylor von der University of Oregon befragte für eine Studie 152 Vorschulkinder und stellte fest, dass Kinder, die Freunde erfinden, meist keine Geschwister haben oder Erstgeborene sind. Beide fühlen sich offenbar oft einsam: Einzelkinder, weil ein Spielgefährte fehlt, und Erstgeborene wie Hector, weil das neu angekommene Geschwisterkind die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zieht.

Kinder im Alter zwischen drei und sieben Jahren haben besonders oft unsichtbare Freunde, aber auch bei Jugendlichen kommen sie noch vor. Dass die imaginären Gefährten erst ab einem Alter von drei Jahren auftauchen, liegt in der Entwicklung der Kinder begründet. "Es ist eine Art kognitives Spiel", sagt die Psychologin Seiffge-Krenke, "und damit eine Frage der geistigen Reife." Dazu passt, dass Kinder mit imaginären Freunden besonders gute Kommunikationsfähigkeiten haben: Die britischen Psychologen Anna Roby und Evan Kidd von der University of Manchester untersuchten für eine Studie die sprachliche Kompetenz von Vier- bis Sechsjährigen und entdeckten, dass Kinder mit Fantasiefreunden sich besser ausdrücken und in andere einfühlen konnten als die anderen Probanden. "Kinder lernen auch viel für sich, indem sie mit diesen imaginären Freunden in Austausch treten", sagt Seiffge-Krenke. Das fördere die soziale Kompetenz.