Solltest du zu jenen gehören, die sich über Trump freuen: Dieser Text ist nicht für dich. Solltest du zu jenen gehören, die mit der AfD sympathisieren: Dieser Text ist nicht für dich. Sei nicht beleidigt. Es gab in dieser Zeitung über Jahre und Monate Texte, die sich an dich richteten. In denen dir erklärt wurde, warum du falsche Überzeugungen hast und woher diese falschen Überzeugungen stammen könnten.

Du hast diese Texte nicht gelesen.

Wir dagegen haben sie gelesen. Wir sind all die anderen, die, die nicht für Trump und die AfD stimmen. Wir sind die, die sich seit Trumps Sieg nicht mehr beruhigen können. Die vom Weltuntergang sprechen und Herzflattern kriegen. Wir haben uns in all unseren Texten gegenseitig bestärkt in der Überzeugung, dass es falsch ist, auf der anderen Seite zu stehen. Handreichung und Schulterschluss. Vielleicht oft auch Eulen nach Athen. So oder so. Die Texte haben uns nicht geholfen. Die anderen haben gewonnen.

Dieser Text richtet sich daher an uns. Er ist für uns. Es soll darin nicht mehr um die anderen gehen. Wir müssen über uns reden.

Ich bin es leid, zu verlieren. Wir verlieren gefühlt überall und die ganze Zeit. Wir verlieren bei jeder Landtagswahl. Wir verlieren beim Brexit. Nächstes Jahr, das ahnen wir jetzt schon, werden wir in Frankreich verlieren. Wir ahnen, dass die Bundestagswahl für uns ein Desaster werden kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Wir verlieren, obwohl wir schon lange kultureller Hegemon sind. Obwohl sich also alle, die wir persönlich kennen, fast alle Politiker, die wir als halbwegs normal bezeichnen, fast alle Stars auf unserer Seite befinden. Fast alle Fernsehsender und fast alle Zeitungen. Wir sind das Establishment, und wir haben verloren.

Noch sind wir eine große Gruppe, nicht homogen. Aber was uns eint, ist das Gefühl, dass wir eine humane, eine aufgeklärte Welt möchten. Wir wollen, was Merkel Trump angeboten hat: Freundschaft unter der Voraussetzung einer Anerkennung der westlichen Werte, der Toleranz. Aber wir verlieren die Macht und die Möglichkeit, so eine Welt durchzusetzen. Die Frage ist: Warum? Sind die anderen, die, die wir für dumm halten, zu stark? Oder sind wir zu schwach? Könnte dieses ständige beschissene Verlieren am Ende unsere eigene Schuld sein? Könnte es sein, dass wir gar nicht mehr das Licht der Aufklärung in uns tragen, dass wir im Finstern wandeln und uns deshalb viele nicht mehr folgen wollen? Dass wir den Weg zu unseren eigenen Zielen gar nicht mehr kennen?

In einem fort betreiben wir Autosuggestion. Wir sagen: Die anderen sind die Verlierer der Globalisierung. Die anderen sind die Landbevölkerung. Sie sind die Vernachlässigten, sagen wir und fühlen eine seltsame Lust dabei. Wir sagen: Die anderen sind die Rassisten. Die anderen sind die pussy grabbers. Die anderen sind die anderen.

Time Magazine - Trump ist "Person des Jahres" 2016 Das Magazin kürt seit 1927 vorrangig Personen, die im vergangenen Jahr besonders viel Aufmerksamkeit erhalten haben. © Foto: Time / Handout/dpa

Und wir mussten spätestens bei der Wahl in Amerika feststellen: Die anderen sind zum Teil wir. Die anderen sind unter uns. Wir mussten lernen, dass sehr viele von denen, die wir sicher auf unserer Seite wähnten – Frauen, Minderheiten, Studierte, Städter –, für den Feind gestimmt haben. Wie kann das sein?

Ich habe mich darüber neulich mit einem Psychoanalytiker unterhalten, er heißt Thomas Auchter. Der Psychoanalytiker glaubt an die Macht des Unbewussten. Wir kennen nicht alle Gründe unseres Handelns und Fühlens. Die Psychoanalyse kann dabei helfen, diese unbewussten Gründe besser zu verstehen.

Der Analytiker hat mir von etwas erzählt, das Spaltung heißt. Spaltung ist der erste seelische Mechanismus, den wir Menschen in unserem Leben lernen. Jeder Mensch lernt ihn in seinen ersten drei Monaten.

Für den winzigen Säugling ist die ganze Außenwelt zunächst fremd, unheimlich, bedrohlich. Er kennt nur seine Bedürfnisse: trinken, schlafen, Wärme, Nähe. Der Säugling kennt nicht die Zeit. Alles ist absolut. Wenn Wärme und Sattheit und Nähe gegeben sind, wenn alle Bedürfnisse erfüllt sind, dann ist das Glück des Säuglings absolut und ewig. Fehlt ihm etwas, so ist der Mangel absolut und ewig.

Der Säugling spaltet: Alles, was er will, ist gut. Wenn seine Wünsche erfüllt sind, ist die Welt absolut gut. Geht die Welt damit nicht konform, sind seine Wünsche nicht erfüllt, ist die Welt absolut schlecht.

Der Säugling spaltet: Er externalisiert das Böse. Ich gut, du böse.