Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Irgendwann saß Marina Abramovic also auf einem Berg Rinderknochen und schrubbte sie. Es war das Jahr 1997, es roch nach Blut. Abramovic sah aus, als würde sie sehr leiden. Jetzt wird sie 70 Jahre alt und hat ihre Autobiografie geschrieben. Man schaut sich noch einmal die alten Knochen-Fotos an und denkt: Ach, schöne Kunst sieht irgendwie anders aus. Die Sixtinische Kapelle zum Beispiel: Adam ist dort so schön gemalt. Gott auch. Sehr ästhetisch. Man könnte einen Rinderknochen sauber schrubben, aber niemals diese Zeigefinger malen. Die Fresken sind für immer konserviert, man muss nur nach Rom fahren und kann die ganze Schönheit umarmen. Die Kunst von Marina Abramovic ist dagegen hässlich und vergänglich, das gilt für die meiste Performance-Kunst. Einmal, 1974, wäre sie fast verblutet bei einer Performance. Die Zuschauer verletzten sie sechs Stunden lang mit Werkzeugen, ein Mann wollte sie angeblich erschießen. Ein anderes Mal zerkratzte sie sich mit einer Metallbürste und wiederholte den Satz "Art must be beautiful". Schließlich, 2010, verharrte sie auf einem Stuhl im Museum of Modern Art und schaute jeweils einem Besucher, der vor ihr saß, in die Augen. Tausende Menschen wollten ihren Blick erwidern, manche weinten dabei. Der Schmerz, hat Marina Abramovic einmal gesagt, sei für sie das Tor zu einer höheren Bewusstseinsebene. Habe man ihn einmal überwunden, erfahre man Erleuchtung. Das ist nicht schön, aber mystisch. Das ist Kunst, findet Abramovic. Sie ist ehrlich, bitter und flüchtig wie das Leben.