Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Die Invasion der Meinungsroboter steht nicht mehr bevor. Sie hat schon stattgefunden. Das zeigen die Wahlen in den USA. Aber auch bei uns gibt es Computer, die ihre Sicht der Dinge in die sozialen Netze einspeisen. Maschinen haben eine Meinung zu Putin und zu zuckerfreier Cola, sie empfehlen Yogabücher und die neuesten Verschwörungstheorien, sie werben und pöbeln und lügen wie gedruckt. Social Bots nennt man diese Roboter fast liebevoll, weil sie nicht Autoteile befestigen und Darm-OPs begleiten, sondern das tun, was die Menschen mal zu Menschen gemacht hat: Sie kommunizieren. Das machen sie im Grunde besser als Menschen, weil sie, geschickt von menschlicher Intelligenz programmiert, zielsicher in aufgeheizte Debatten gehen und dort Stimmung machen. Diese Roboter haben eigene Profile, sie haben wunderbare oder gebrochene Lebensläufe, sie posten Katzenbilder und warnen vor Freihandelsabkommen – oder sind dafür. Im Grunde vervollständigen diese Roboter die Medienrevolution so, wie Flugschriften die Gutenberg-Revolution begleitet haben. Sie sind schneller als die Aufklärung, lauter als jede echte Empörung und vor allem unermüdlich.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Auf Dauer zu schimpfen und Dagegensein macht auch den größten Krawallbruder müde. Roboter können immer. Was dagegen hilft? Wissen, dass in digitalen Welten viel gelogen wird. Erst mal gar nichts glauben, schon gar nicht, wenn auffällig viele begeistert sind. Es braucht dringend eine Glaubensresistenz im Netz. Zweifelt, Leute. Seid störrisch, fragt nach, verlasst euch auf niemanden. Das ist besser als Empörung. Die Einsicht, dass die größten Fans vielleicht nur Maschinen sind, zeigt, dass auch die Anerkennung im Netz ein großer Selbstbetrug sein kann. Und wenn Meinungen in der analogen Welt zum Besten gegeben werden, mal fragen: Woher weißt du das? Was wäre eigentlich, wenn mal ein paar Computer mit Menschenfreundlichkeit und Differenzierungslust programmiert würden – rastlose Unterstützer für mehr Differenzierung, fürs Genaue, fürs Detail und fürs Sowohl-als-auch"?