Durch das weite Fenster ihrer Werkstatt sieht Gabriele Gmeiner den Regen auf den Campiello del Sole fallen. Es ist ein kalter Novembertag, Lagunenwasser schwappt in die engen Gassen von Venedig. Gmeiner sitzt auf einem kleinen Holzschemel, um den Oberkörper trägt sie eine weiße Schürze, ihr Blick ist hoch konzentriert. Jeder Stich muss sitzen. Zwischen ihren Händen hält sie einen halbfertigen Schuh – der für Gmeiner aber viel mehr ist. Als sie ihn nach ein paar Minuten zur Seite legt und das erste Mal aufblickt, sagt sie: "Wenn ich einen Schuh fertige, dann versuche ich ein Porträt des Fußes zu erstellen – wie in der Bildhauerei."

Gabriele Gmeiner, 44 Jahre alt, sanfte Gesichtszüge und zierliche Statur, ist einer der letzten Maßschuhmacher Italiens. Seit 2002 führt die gebürtige Vorarlbergerin im Sestiere di San Polo unweit der Rialtobrücke ihre Schuhwerkstatt. Gmeiner gilt als eine der besten ihres Fachs, ihr Name ist eine Marke. Und die hat ihren Preis: Je nach Leder und Modell kostet ein Paar der "Ferraris für die Füße", wie die Tageszeitung Il sole 24 ore Gmeiners Schuhe nannte, zwischen 3.900 und 14.000 Euro. Die Schuhmacherin kennt die nackten Füße von Opernsängerin Anna Netrebko, zu ihr kommen prominente Schauspieler, Musiker, Politiker aus ganz Europa, Banker aus London und New York, Prinzen aus Bahrain.

Doch Gmeiner rühmt sich nicht mit ihren berühmten Kunden. An ihren Werkstattwänden hängen nichts als Feilen, Messer, Hämmer, Raspeln. Kein einziges bekanntes Gesicht stellt sie zur Schau. Bloß die Leisten ihrer Kundschaft hängen an Holzbalken von der Decke. Wer den Namen eines Klienten erfragen will, bekommt höchstens ein Lächeln zur Antwort.

Auf Schuhe aus Gmeiners Händen wartet man zehn, elf Monate. Und egal ob Prinz oder Diva: Jeder muss die Meisterin persönlich in ihrer Werkstatt besuchen. Nachdem sie Maß genommen hat, fertigt sie einen Probeschuh, den der Kunde zwei Wochen lang tragen muss. Dann folgt die nächste Anprobe. "Der Probeschuh gibt mir eine gewisse Sicherheit, dass der echte Schuh am Ende wirklich genau so sein wird, wie der Kunde ihn gern hätte." Das ist der Maßstab, nach dem sie ihren Erfolg definiert, der Vorsatz, mit dem sie jeden Morgen kurz vor neun Uhr die grünen Läden vor den Fenstern ihrer Werkstatt öffnet.

Dabei ist die in Bregenz geborene Tochter eines Logistikers und einer Hausfrau scheinbar zufällig zum Schuhemachen gekommen. Nach der Matura wollte sie etwas Künstlerisches machen, "aber keine abstrakte Kunst, sondern etwas vom Menschen Angewandtes", sagt sie. Es hätte damals auch Schmuck gewesen sein können – oder Hüte. "Irgendwie sind es dann Schuhe geworden." Mit 18 Jahren ging Gmeiner nach Wien, wurde auf der Suche nach einer Lehrstelle aber von allen Maßschuhmachern der Hauptstadt abgewiesen. Carl Scheer und Georg Materna, damals Geschäftsführer der renommiertesten Schuhmanufakturen Wiens, hätten ihr erklärt, dass dieser Beruf nichts für Frauen sei.

Prinzen und Opernstars lassen sich in Venedig von der Vorarlbergerin Gabriele Gmeiner Maßschuhe anfertigen.

"Ich war enttäuscht", sagt Gmeiner. "Aber ich ließ mich nicht abbringen." Sie ging nach London und studierte zwei Jahre lang Maßschuhmacherei am renommierten Cordwainers College. Später arbeite sie im Atelier von John Lobb in London, danach bei Hermès in Paris. 1997 verschlug es sie zum ersten Mal nach Venedig in die Werkstatt des legendären Schuhmachermeisters Rolando Segalin. "Der aber auch rassistisch war und fürchterlich über die Japaner und ihr Handwerk gewettert hat", sagt Gmeiner. Nach eineinhalb Jahren reichte es ihr. "Ich dachte mir, jetzt schaue ich mir das selbst an."

Also ging sie für drei Monate nach Japan, realisierte dort gemeinsam mit Handwerkern ein Kunst- und Rechercheprojekt, veröffentlichte ein Buch und fertigte sechs Paar Schuhe, die später in Tokio, Wien und Venedig ausgestellt wurden. Immer wieder macht die Handwerkerin Ausflüge in den Kunstbereich, seit 2010 leitet sie auch die Schuhwerkstätte der Salzburger Festspiele. Jedes Jahr verbringt sie einen Monat in Salzburg und fertig Maßschuhe für die Solisten an.

Als Gmeiner nach ihrer Japanreise 2002 nach Venedig zurückkehrte, bot Segalin ihr und einer zweiten Schuhmacherin seine Werkstatt zum Verkauf an. Die beiden Frauen trennten sich aber bereits nach kurzer Zeit. "Wir hatten ganz andere Vorstellungen vom Handwerk", sagt Gmeiner, die dann die kleine Werkstatt am Campiello del Sole kaufte. Ihre Rückkehr an die Lagune bezeichnet sie als Vernunftehe. "Wenn du das erste Mal nach Venedig kommst, verliebst du dich in die Stadt, aber nach einem Jahr tritt Ernüchterung ein. Du siehst dann die vielen Touristen und die Venezianer, die verbittert sind, weil sie ihre Seele an den Tourismus verkauft haben." Trotzdem wollte Gabriele Gmeiner bleiben. "Die Stadt hat nicht den Charme, um dich einzunehmen. Dafür lässt sie dir die Chance, dich selbst zu entwickeln."

Während Gmeiner an den Schuhen arbeitet, klopfen immer wieder vorbeilaufende Menschen an das Fenster ihres Ateliers, lächeln, winken ihr kurz zu. Im Viertel ist sie beliebt und als Fädenzieherin bekannt, es heißt, sie könne die Leute zusammenbringen. Von der Hälfte der Wohnungen in der Nachbarschaft hat sie einen Schlüssel. Wenn die Besitzer nicht in Venedig sind, verwahren sie ihn in Gmeiners Werkstatt. "Es ist seltsam", sagt sie. "Ich mag an dem Leben in Venedig das, was ich als Jugendliche nicht mochte – diese enge Vernetzung, dass hier jeder jeden kennt."

"Maßschuhmacherei ist natürlich Luxus"

Auch nach fast zwanzig Jahren im Ausland hat sie das Vorarlberger Idiom in ihrer Sprache nicht verloren. Aber Bregenz war ihr schon früh zu eng, in der Stadt kamen ihr die katholische Kirche so übermächtig und die Meinungen der Nachbarn so überwichtig vor. "Ich wollte nur raus und mit alledem nichts mehr zu tun haben", sagt sie. In Venedig würden sie die fremde Sprache und die andere Herkunft in ihrer Privatsphäre schützen. "Ich nehme dadurch eine theatralische Rolle in der Gesellschaft ein." Ihre Werkstatt sei ihre Bühne, ihr weites Fenster auf die Gasse ihr Kontakt zur Außenwelt. "Ich spiele hier eine bestimmte Rolle."

Dabei ist die Maßschuhmacherei ein hartes Geschäft, auch in Italien, dem Land der feinen Schuhtradition. Trotz der stolzen Preise: Gmeiner selbst wird von ihrer Arbeit nicht reich – ganz im Gegenteil. Aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes und der Materialkosten mache sie mit einem einzelnen Paar verkaufter Schuhe kaum Gewinn, erst wenn sie anhand der persönlichen Leiste mehrmals für einen Kunden produziere. Für ein Paar braucht sie mindestens achtzig Arbeitsstunden, im Monat schafft sie zwei, höchsten drei Paare. "Ich habe seit vierzehn Jahren immer wieder finanzielle Sorgen", sagt sie. Als sie das Geschäftslokal kaufte, griff ihr der Staat bei der Renovierung zwar unter die Arme, für die Lehrlingsausbildung im Handwerk gibt es aber keine Unterstützung. Sie hat oft Praktikanten aus Österreich oder Deutschland, aber sobald sie bei ihr gelernt haben und Gmeiners Namen im Lebenslauf verzeichnen können, gehen sie wieder. Während sie einen Schuh aus dem Holzschrank in der Ecke holt und über das Leder streift, sagt sie: "Es ist eine schöne Arbeit, aber du brauchst auch eine Härte, wenn du in Venedig Schuhmacherin sein willst."

Zurzeit ist Alessandro, ein junger Italiener, ihr einziger Mitarbeiter. Er sitzt stumm am Schreibtisch im Nebenzimmer und zeichnet Schuhmodelle auf ein Blatt Papier. "Aber ich fürchte, auch Alessandro wird mich bald verlassen", sagt Gmeiner. Dann blickt sie zu ihm hinüber und wiederholt den Satz etwas lauter auf Italienisch. Sie klingt dabei wie eine gekränkte Mutter – ein bisschen vorwurfsvoll und verständnisvoll zugleich. Alessandro hebt kurz den Kopf, lächelt sie an und zeichnet weiter.

Unter ihrer Schürze trägt Gmeiner, verheiratet mit einem italienischen Architekten und Mutter eines vierjährigen Sohnes, einen schlichten Pullover und Jeans. Die Lederschuhe an ihren Füßen hat sie selbst gemacht. In einem Männergefängnis hat sie Insassen im Schuhemachen unterrichtet und darum gekämpft, einem dieser Männer eine Zukunft in ihrer Werkstatt zu ermöglichen.

Statussymbole bedeuten ihr wenig, Reichtum auch nicht. An ihre Preisliste, die sie seit zwei Jahren nicht verändert hat, muss sie erst erinnert werden. Steht sie vor dem Gemüseregal im Supermarkt, dann greift sie nach den Biotomaten vom lokalen Bauern. Sie spricht oft von Konsumismus und der Konsumgesellschaft, zu der sie nicht gehören will – und ist dabei gefangen in einem Widerspruch, den sie mit vielen kleinen Handwerkern, die hochwertige Qualitätsware produzieren, teilt. Denn Gmeiners Schuhe sind teuer, ihre Kunden vorwiegend wohlhabend. Sie verkörpern, zumindest großteils, genau diese Gesellschaft, von der sich Gmeiner entfernen will.

Sie selbst will das so nicht gelten lassen. "Maßschuhmacherei ist natürlich Luxus, aber das hat nichts mit Konsumismus zu tun", sagt sie energisch. Weil es bei ihr eben keine schicken Verkaufsräume gebe, keine Schuhe im Regal zum Abholen, keinen Onlineshop. "Auch der Mittelstand könnte das Geld für meine Schuhe aufbringen", glaubt sie. Ein Maßschuh sei eine Investition und könne viele Jahre lang halten. "Der Mittelstand ist frei, seinen Konsum zu wählen." Und doch sagt sie an anderer Stelle über nachhaltigen Lebensstil: "Leider kann sich den nicht jeder leisten. Das ist ein Problem."