Ist Mathias Énards Roman Kompass das Buch der Stunde? Man könnte es so sehen, erzählt der Roman doch die unglückliche Liebesgeschichte des Österreichers Franz und der Französin Sarah, die beide Orientalisten sind und die Länder unter dem Halbmond wie ihre Westentasche kennen. Ihre Wege haben sich in den neunziger und nuller Jahren oft gekreuzt, in Damaskus, in Aleppo, in Palmyra, in Teheran, wo immer ihre Forschungsreisen sie hinführten. Nun liegen Aleppo und Palmyra in Schutt und Asche, und in Damaskus tobt der Krieg – der Roman erzählt aus der Perspektive der Gegenwart. Wer also etwas über die islamische Welt erfahren möchte, deren Zusammenbruch die Welt in Atem hält, der lese Kompass.

Vielleicht ist Kompass aber auch das Gegenteil eines Buchs der Stunde, nämlich ein Buch auf verlorenem Posten, das noch im alten liberal-elitären Stil auf eine Kultur des Dialogs und des Austauschs setzt, während ringsherum die Internationale des Protektionismus und der Renationalisierung triumphiert. Denn nichts hassen die Rechts-Identitären mehr, als wenn man beim Begriff Islam nicht ausschließlich an Selbstmordattentäter denkt. Mathias Énard, 1972 in Niort in Nordfrankreich geboren, hat mit Kompass ein literarisches Meisterwerk geschrieben (und dafür den Prix Goncourt bekommen), das noch ganz auf jenen humanistischen Kosmopolitismus setzt, der für all die Verfeindungssüchtigen zwischen Trump, Le Pen und dem IS des Teufels ist. Kosmopolitismus galt schon einmal als ein Manöver der jüdischen Weltverschwörung und ist gerade wieder dabei, in Verruf zu geraten: diesmal als Gutmenschentum der liberalen Eliten, die angeblich ein zu großes Herz für Minderheiten haben und für das Fremde das Eigene opfern.

Dabei ist Kompass kein politischer Roman im vordergründigen Sinne. Eher ist es ein fast schon eskapistischer Roman – nur dass seine Protagonisten eben gen Osten fliehen, weil sie mit Leib und Seele Orientalisten sind. Der Form nach ist Kompass der innere Monolog einer schlaflosen Nacht. Franz Ritter, der Ich-Erzähler, ist Musikologe, der sich vor allem für die Einflüsse der orientalischen Kultur auf die klassische Musik des 19. Jahrhunderts interessiert (beginnend mit Mozarts Rondo alla turca). Warum findet er keinen Schlaf? Aus zwei Gründen. Zum einen muss ihm sein Hausarzt eine vage ungünstige Einschätzung seines Gesundheitszustands gegeben haben, und weil Franz Hypochonder ist, sieht er sein letztes Stündlein gekommen. Zum anderen denkt er in dieser langen Nacht, in der sein Leben vor seinem inneren Auge Revue passiert, immer an Sarah, die schöne, exzentrische französische Orientalistin, die eine glänzende wissenschaftliche Karriere hingelegt hat. Wie er sie vergöttert! Aber Franz ist nicht nur Hypochonder, sondern auch ein Liebesfeigling. Nie hat er sich so richtig getraut, Sarah seine Liebe zu gestehen. Einmal, das war in Palmyra, übernachteten sie unter dem Sternenhimmel der Wüste im Freien, da hat Sarah ihn in ihren Schlafsack gelassen, aber es blieb bei keuscher Nähe. Jahre später übernachtet Sarah in Teheran bei ihm, und endlich schlafen sie miteinander. Doch am nächsten Tag erreicht Sarah die Nachricht vom Unfalltod ihres Bruders, und sofort fliegt sie nach Frankreich zurück. Seither nur noch: E-Mails, kluge, anspielungsreiche E-Mails, die aber doch um die Liebe herumreden wie um den heißen Brei.

Während Franz an Sarah denkt, entfaltet sich ein Erinnerungsstrom zu jenem Thema, für das beide brennen: die Spuren des Westens im Osten und die des Ostens im Westen zu entdecken. Kompass ist nämlich auch ein Wissenschaftsroman von stupender Gelehrsamkeit. Énard entfaltet regelrecht die Fachgeschichte der Orientalistik, aber weil diese Wissenschaftler für ihren Gegenstand brennen, geht es dabei immer auch – ja: um den Sinn des Lebens. Um eine Erweiterung des eigenen Ichs – so wie der 65-jährige Goethe sich neu erfand, ein anderer wurde, als er zusammen mit der damals 30-jährigen Marianne von Willemer den persischen Dichter Hafis für sich entdeckte und dieses größte Dokument kultureller Fremdbefruchtung, den West-östlichen Divan, schuf.

Die gelehrten Forscher bei Énard sind Melancholiker, die nach etwas suchen, was ihre eigene Sehnsucht stillen könnte: dem Anderen der eigenen Kultur. Wie raffiniert Énard Liebesgeschichte, Sinnsuche und Kulturwissenschaft miteinander verflicht, zeigt sich in einer Szene aus dem hinteren Teil des Romans. Da ist Sarah, diese von metaphysischer Sehnsucht Getriebene, mittlerweile in den Fernen Osten verschwunden, in ein Lamakloster, sie sagt, sie sei in den Buddhismus geflüchtet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Es ist 5.30 Uhr, in Wien graut der Morgen, und Franz hat noch immer keinen Schlaf gefunden. Voller Selbstmitleid denkt er daran, was ihn alles mit Sarah verbindet und dass er es im Grunde verbockt hat. Er macht seinen Computer an und liest alte E-Mails. Zum Beispiel jene, in der er ihr ein Geburtstagsgeschenk gemacht hat. Franz schenkt Sarah darin eine Sevdalinka, die er gerade entdeckt hat. Sevdalinke sind eine traditionelle Liedgattung der bosnischen Volksmusik. Der Name stammt von dem türkischen Wort "sevdah", das seinerseits aus dem Arabischen entlehnt ist, "sawda". So bezeichnete der persische Arzt, Philosoph und Dichter Avicenna die schwarze Galle, griechisch: die Melancholie. Auf dieses arabische Wort geht auch das portugiesische "saudade" zurück. Die Sevdalinke lassen sich vergleichen mit dem portugiesischen Fado und seiner "saudade", seiner Traurigkeit.

Und nun hat Franz also eine Sevdalinka des bosnischen Dichters Safvet-beg Bašagić entdeckt, die folgende Geschichte erzählt: Die Tochter des Sultans lauscht jeden Abend dem Plätschern des Brunnens im Palast. Ein junger arabischer Sklave beobachtet sie dabei, ergriffen von der Schönheit der Prinzessin. Von Abend zu Abend wird das Gesicht des liebeskranken Sklaven blasser. Schließlich fragt ihn die Prinzessin, wie er heiße und woher er komme. Er heiße, antwortet dieser, Mohammed und stamme aus dem Jemen, vom Stamm der Asra, jener Asra, die sterben, wenn sie lieben.