David Zuberbühler ist kein großer Denker. Daraus macht er kein Geheimnis. Sein Wahlkampfslogan lautet: "Gradlinig, mutig, menschlich." Damit wird er im Oktober 2015 für die SVP in den Nationalrat gewählt. Zum ersten Mal vertritt kein Freisinniger den Kanton Appenzell Ausserrhoden in Bundesbern.

David Zuberbühler, damals 36, KV-Absolvent und Mitinhaber eines Schuhgeschäftes in Herisau, ist Teil eines beispiellosen Erfolgs der Schweizerischen Volkspartei. Die SVP erreicht bei den nationalen Wahlen im vergangenen Jahr einen Wähleranteil von fast dreißig Prozent und gewinnt elf Sitze im Nationalrat. Ein Rekord.

Ein Jahr lang begleite ich David Zuberbühler bei seiner neuen Aufgabe. Ich möchte wissen: Wie ergeht es ihm in Bern? Und vor allem: Was kann er bewirken?

Einer, der sich seinen Wählern so vorstellt: "Ich bi dä Zubi, das ist mein Wahlkampfname. Der ist volksnah. Jeder kann mir so sagen."

Montag, 30. November 2015, Bern, Hauptbahnhof, Gleis 5, 13.28 Uhr

David Zuberbühler trägt Anzug und Krawatte, als er aus dem Erste-Klasse-Abteil des Zuges steigt. Am Blazer angesteckt glitzert ein Appenzell-Pin.

Zuberbühler fährt selten Zug. "Ich bin vor lauter Langeweile fast eingeschlafen", sagt er. In Bern war er zuletzt vor 15 Jahren, im Militär. Heute ist er, der als Teenager Anfang neunziger Jahre während der EWR-Abstimmung politisiert wurde, zurück. Als Nationalrat.

Eine Stunde später betritt Zuberbühler das Bundeshaus, sucht sich seinen Platz, ganze vorne, dort, wo die Neuen und die Außenseiter sitzen, ganz rechts, neben Lukas Reimann. Zuberbühler blickt gespannt nach vorne. Auf Reden, Musik und Vereidigung folgt ein Apéro im Erdgeschoss des Bundeshauses. Der Neonationalrat greift zu, legt Fleisch und Käse auf den Teller. SP-Nationalrätin Jacqueline Badran steht hinter ihm in der Schlange. Sie ruft: "David wie? FDP? SVP? Oje!"

Zuberbühler steht alleine in der Ecke. Er sagt, er würde gerne Mitglied der Staatspolitischen oder der Sicherheitspolitischen Kommission werden. Außerdem wolle er sich in Bern für einen Vollkanton Appenzell Ausserrhoden einsetzen. Also für zwei Ständeräte und eine volle Standesstimme. Und Zuberbühler will auch, dass sein Kanton mehr Nationalratssitze erhält. Seine Idee: Künftig sollen nur noch Schweizer Stimmbürger in die Berechnungen für die Vergabe der Sitze einbezogen werden. Während er sein politisches Programm erklärt, doziert die Sozialdemokratin Badran über ausländische Großgrundbesitzer im Land. Am Buffet prallen Welten aufeinander.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der erste Nationalratstag im Leben von David Zuberbühler endet kurz nach 19 Uhr. Dann zieht er weiter ins Haus der Kantone, die Ostschweizer Regierungskonferenz hat zur nächsten Sitzung geladen.

DIE ZEIT: Und, haben Sie noch Energie?

David Zuberbühler: Ich habe Kopfschmerzen.

ZEIT: Was ist Ihr Eindruck vom ersten Tag?

Zuberbühler: Stickig und chaotisch. Ich war unsicher, wie ich bei den Geschäften abstimmen soll, und habe bei den Fraktionskollegen nachgefragt.

ZEIT: Und sonst?

Zuberbühler: Ich habe die ganze Aktentasche voller Papier. Ich weiß gar nicht, wohin damit. Es wird wohl eine Weile dauern, bis ich den Durchblick habe.