Mitte Oktober wagt Matthias Glaubrecht etwas Zuversicht. Glaubrecht, der früher über Schnecken forschte, leitet das Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg. Zurzeit feilt er an einem Plan, der ähnlich langsam vorankommt wie sein ehemaliges Forschungsobjekt. Kürzlich durfte er sein Vorhaben einmal mehr vorstellen – und nun klingt der 54-jährige Professor sogar etwas optimistisch. "Eins steht fest", sagt er über das Gespräch, über das er keine Details verraten darf, und holt Luft. "Wir waren noch nie so weit wie jetzt."

Wir, das sind der gebürtige Hamburger Glaubrecht, Universitätspräsident Dieter Lenzen und einflussreiche Unternehmer. Wir, das sind auch die Experten des Wissenschaftsrates, die Professoren des Naturkundezentrums, die Doktoranden, Studenten und Besucher. Sie träumen von einem Naturkundemuseum, wie es in Deutschland einmalig wäre und in dem die bundesweit viertgrößte Sammlung an naturhistorischen Objekten sicher aufbewahrt und erforscht werden könnte.

Zu diesem Wir gehört allerdings nicht: die Hamburger Wissenschaftsbehörde. Und ohne sie geht nichts.

In Alkohol eingelegte Rattenkadaver, nach Fett riechende Blauwalknochen, gestapelte Wildtierfelle. Was bringt das schon außer Kosten?, dachte man in der Behörde lange. Im Zweiten Weltkrieg war das Naturkundemuseum am Hauptbahnhof zerstört worden. Der Bestand wurde in den sechziger Jahren der Universität zugeteilt und in einen Waschbetonbau zwischen Bundesstraße und Grindelallee gebracht. Dort lagern die Stücke bis heute im Kellergeschoss. Das Licht flackert, Kartons stapeln sich in den schmalen Gängen. In Schränken liegen Gorillaschädel, in Klarsichttüten verpackt, sortiert wie Sockenpaare. In Stahlregalen stehen Tierkonserven. Gläser mit Fledermäusen, Minischweinen und Tigerbabys, die aussehen, als seien sie gerade friedlich eingeschlafen.

Viele dieser Arten sind längst ausgestorben, und ginge es nach der Stadt, würden heute andere an diesen Schätzen forschen. Als der Senat Anfang der 2000er begann, den Etat der Hochschulen sukzessiv zu kürzen, kam die Idee auf, die Sammlung mit ihren rund zehn Millionen Objekten einfach zu verkaufen. Doch die Forscher wehrten sich. 2008 beauftragte die Wissenschaftsbehörde den Wissenschaftsrat mit der Begutachtung der "objektiven Wichtigkeit" der Sammlung.

Die Sammlung sei "erheblich unterfinanziert" und "langfristig gefährdet"

Das Ergebnis: Die Sammlung sei in ihrer Art einmalig und besitze internationales Renommee, heißt es in dem Gutachten aus dem Jahr 2009. In dem Papier wird die Wissenschaftsbehörde für ihr mangelndes Interesse gerügt. "Die Ausgestaltung der Schausammlung weist erhebliche Defizite auf", steht dort etwa. Das Zentrum sei "erheblich unterfinanziert", "personell zu gering ausgestattet" und aufgrund der Ausstattung "langfristig gefährdet". Drei Jahre gab der Wissenschaftsrat Hamburg Zeit, um etwas an der Situation zu ändern. Es passierte nichts.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Das war eine umfangreiche Prüfung", erinnert sich Bernhard Schink, der damals die Gutachtergruppe leitete. "Was zunächst passierte, war rundherum unbefriedigend." Die Wissenschaftsbehörde habe zögerlich reagiert. Doch heute ist er zuversichtlicher: "Seit der Berufung von Herrn Glaubrecht hat sich einiges getan", sagt er.

Das Büro von Matthias Glaubrecht liegt am Ende eines dunklen, verwinkelten Flurs. Die Decken sind niedrig, die Fenster undicht. An einem Reißbrett hängen Artikel von Glaubrecht und über Glaubrecht. Er hat sich unter Biologen einen Namen erarbeitet, hat als Leiter der Forschungsabteilung geholfen, aus dem heruntergekommenen Naturkundemuseum in Berlin den "Jurassic Park in Mitte" zu machen. 500.000 Besucher kommen jedes Jahr, das Berliner Naturkundemuseum gilt als eines der besten Museen seiner Art. Besonders dankbar sind Familien, die an verregneten Herbsttagen Dinosaurierskelette bestaunen.

Eine Hoffnung für Hamburg. Deswegen holte Uni-Präsident Dieter Lenzen Glaubrecht vor zwei Jahren. Doch bisher hat die provisorische Ausstellung, das Minimuseum des Hamburger Naturkundezentrums, nichts von der Berliner Atmosphäre. Es gibt ein paar ausgestopfte Wildtiere, alte Knochen, mehr nicht. Und trotzdem kommen jedes Wochenende Kinder, um ihren Geburtstag im Naturkundezentrum zu feiern, in einem Siebziger-Jahre-Bau, in dem es nach Mensa-Essen riecht.

Wer hier einige Stunden verbringt, versteht schnell das Potenzial eines solchen Museums. Zurzeit gibt es zwei Führungen: Wale und Wildtiere. Der sechsjährige Mika aus Eimsbüttel hat sich für Wale entschieden. "Habt ihr ein Problem damit, wenn es ein bisschen blutig wird?", fragt die Museumsmitarbeiterin ihre acht Gäste. Kopfschütteln. Mika ruft: "Ich liebe es, wenn es blutig wird!" Die Kinder durften bereits die Kieferknochen eines Blauwals anfassen und an einem Glas mit eingelegten Kalmaren schnuppern. Jetzt läuft ein Video, in dem ein gestrandeter Pottwalkadaver explodiert. "Ihhh!", kreischen die Kleinen.

Naturkunde fasziniert, Glaubrecht weiß das. "Aber wir wollen natürlich mehr sein als ein Kindermuseum", sagt er. "Wir wollen hier exzellente Forschung betreiben." Kaum war er in Hamburg angekommen, entwickelte er den Plan, wie es mit der Sammlung weitergehen sollte: "Evolutioneum" soll das Haus künftig heißen. Glaubrecht will einen Neubau, mehr Platz für Forschung und Lehre, endlich raus aus dem Provisorium.

Bis zu 120 Millionen Euro würde so ein Neubau kosten. Hinzu kämen Betriebskosten von rund acht Millionen Euro, heißt es in einer Machbarkeitsstudie. Zum Vergleich: Momentan zahlt die Universität jährlich knapp drei Millionen an das Museum. Den Rest müsste das Evolutioneum durch die Einnahmen von Besuchern generieren. Mindestens 300.000, am besten 500.000 Besucher sollten pro Jahr kommen und zwischen fünf und acht Euro bezahlen.

Das Risiko allerdings müsste die Stadt als Eigentümerin der Sammlung tragen – und das ist das Problem. Wenn die kalkulierten Besucherzahlen nicht erreicht werden, könnten jährlich leicht Millionenkosten zusammenkommen. Viel Geld für eine Stadt, die traditionell wenig für Wissenschaft übrig hat und gerade in diesem Bereich um jeden Euro feilscht.