Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Die Wiener Linien, die in der Hauptstadt für den öffentlichen Nahverkehr verantwortlich sind, rühmen sich gerne ihrer originellen Werbebotschaften. In seiner jüngsten Kampagne befasste sich das Unternehmen mit dem interessanten Thema Alkohol in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das Besondere daran ist, dass überhaupt eine Kampagne in diesem Kontext für nötig erachtet wurde. Slogans wie "Sie kotzt es an" oder "Ihm stinkt’s" sollen dezent darauf hinweisen, dass es vermutlich bessere Plätze für einen Rausch gibt als die U-Bahn. Doch die Reaktion der meisten Fahrgäste war erwartbar negativ. Von Freiheitsberaubung und Bevormundung war die Rede. Klar, es gibt eigentlich nichts Freieres als in der U-Bahn neben Besoffenen zu sitzen oder durch Bierdosen zum Ausgang zu waten. Alkoholisierte werden in Wien gelegentlich auch Angeheiterte – die Bezeichnung inkludiert gute Stimmung. Deshalb kann es sich nur um eine spaßfreie Spießerseele handeln, die etwas daran auszusetzen findet, wenn jemand seinen Emotionen grölend freien Lauf lässt. Das Archaische dieses Verhaltens schreckt die verkrampften Zeitgenossen. Und bitte: was ist lustiger als nüchtern unter Alkoholisierten seinen Heimweg anzutreten. "Fahr fair – ohne Fahne!", das kann wohl nur ein Scherz sein. Besonders in Wien, wo Alkoholismus nicht als Krankheit sondern als Savoir vivre angesehen wird. Und warum sollten eine paar Philister das lokale Lebensgefühl versauen? Die Lösung sind künftig getrennte Wagons. So wie es früher Nichtraucher- und Raucherabteile gab. Strahlend blaue Wagons für die Blauen(nicht im Sinn des politischen Farbspektrums) und hässliche, graue für die lebensverneinenden Abstinenzler. Oder überhaupt gleich ganze U-Bahn-Züge nur für Trinker, mit kleinen Bars in jedem zweiten Wagon. Und ab und zu eine Nicht-Trinker-Garnitur. Das spart auch Geld, denn dafür reichen in Wien Kurzzüge.