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Als der Löwe endlich Damaskus sieht, mit dem einen Auge, das der Krieg ihm gelassen hat, liegt er im Schatten grüner Bäume. Starr blickt der Löwe nach oben. Pärchen spazieren durch einen Garten, der Wind weht sanft, und der Krieg ist nur ein Grummeln in der Ferne, so unwirklich wie ein böser Traum. Ein Bild von Ruhe und Sicherheit. So gehen Geschichten zu Ende. Diese fängt hier an. Sie wird dort aufhören, wo der Löwe herkam, im Krieg.

Es geht dem Löwen nicht gut. Er ist so groß wie ein Auto und wiegt mehr als ein Dutzend Tonnen, ein massiges Wesen aus Kalkstein – aber der Krieg lässt ja nichts unberührt, er zieht Fronten durch alle Leben und jede Familie und macht die seltsamsten Dinge zu Gegenständen des Kampfes. Sogar alte Steine.

Nach seiner Rettung lag der Löwe bedeckt von einer Plastikplane. Bis zu diesem Morgen im Oktober, an dem ein Mann mit langen Locken und Händen, so ebenmäßig wie die eines Bildhauers, die Plane herunterzieht. Zuerst taucht das rechte Auge auf. Dann die Mähne, durch sie geht ein Riss. Der Mann, er ist aus Polen angereist und heißt Bartosz Markowski, springt auf den Löwen. Wo einmal die Nase hervorstach, der Bart, das mächtige Maul mit Zunge und Zähnen, klafft im Stein ein Loch, groß wie ein Mülleimer. Ein Kätzchen springt heraus und saust davon. Bartosz Markowskis Unterarm verschwindet in der Tiefe. Er klaubt eine Plastikflasche hervor, das Projektil einer Kalaschnikow.

"Bartosz! Sag doch! Was meinst du?"

Neben dem Löwen ein Syrer, klein und rundlich, Ende vierzig, Polohemd, das über dem Bauch spannt, die Augen verschattet. Maamoun Abdulkarim, Chef der Antikenbehörde der Syrischen Arabischen Republik, Herr über Hunderttausende Säulen und Statuen.

"Ich meine: Man sollte ihn restaurieren, aber so, dass die Spuren des Krieges sichtbar bleiben, die Einschusslöcher und Kratzer."

Bartosz Markowski spricht so ruhig und bestimmt, wie ein Mann spricht, der viele Tage allein verbringt, nur er mit einem hilfsbedürftigen Kunstwerk. In einer versunkenen Zeit, im Jahr 2005, hat er den Löwen schon einmal erneuert. Ein Werk für Jahrhunderte, dachte er damals. Konnte man ja alles nicht ahnen, sagt er heute.

"Gut!", ruft Abdulkarim. "Ich erkläre hiermit den Beginn der Arbeiten! Bartosz, du bist unser Projektleiter. Wir haben so viel zu restaurieren. Aber mit dem Löwen fangen wir an. Wegen des symbolischen Werts. Wir wollen ihn wieder aufrichten, hier bei uns in Damaskus."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

"Soll mir recht sein", murmelt Bartosz Markowski. "Es gibt nur ein Problem" – er mustert die Steinmasse unter ihm –, "dem Löwen fehlen noch ein paar Teile. Die sind noch dort. Die müssen wir holen."

"Aus Palmyra?"

"Aus Palmyra."

Es ist Herbst 2016, der Krieg geht in sein sechstes Jahr, und nicht nur der Löwe, ganz Syrien ist in seine Einzelteile zerfallen. Wer eine Karte dieses Landes studiert, das längst kein Land mehr ist, sollte nicht farbenblind sein. Gelb, Grün, Rot, Grau markieren die Territorien von Feinden und Feinden von Feinden. Ein breiter Streifen zieht sich von Süden hoch, umfasst Damaskus und andere bedeutende Städte und endet an der Front des Nordens, in Aleppo. In diesem Gebiet herrscht die Regierung von Baschar al-Assad. Die Wüstenweiten des Ostens hält der "Islamische Staat".

Nur ein schmaler Finger sticht aus dem Regierungsgebiet in die Wüste hinein. Kaum mehr als eine Straße, die zu einer Stadt führt; dort endet der Finger. Die Stadt ist auf drei Seiten vom IS umstellt. Das ist Palmyra.

Früher rollten Busse über die Straße, darin saßen Schüler aus dem ganzen Land, Touristen aus der ganzen Welt. Palmyra, das war eine der großen Sehenswürdigkeiten aus der Römerzeit: in den Sand gesetzte Tempel und Kolonnaden, Gräber und Grabfiguren, leuchtend unter der Wüstensonne. Antike in Cinemascope, kilometerweit. Und an auffälliger Stelle, vor dem Eingang zur antiken Stätte, grüßte der Löwe die Besucher. Auf seiner Pfote steht in alter Schrift dieser Satz, der heute, im schlimmsten Krieg der Gegenwart, so sinnlos wirkt wie eine Botschaft an Außerirdische: "Gott segne den, der in diesem Heiligtum kein Blut vergießt."

Der Krieg war in seinem fünften Jahr, als der IS in Palmyra einfiel. Bilder von Tempelsprengungen, Massenerschießungen, geköpften Statuen gingen um die Welt, und es schien, als sei das Ende von Palmyra im Drehbuch der Islamisten festgeschrieben.

Dann kam Putin. Vor einem Jahr griff er an der Seite Assads in den Krieg ein. Zu Ostern 2016 eroberte die russisch-syrische Koalition Palmyra zurück. Ihr erster großer Sieg, der erste große militärische Sieg über den IS überhaupt. Es war der Moment, als Baschar al-Assad für viele Leute im Westen vom bösen Diktator zum kleineren Übel wurde.