1. Weil RB Leipzig Stolz stiftet

Ein Gespräch mit dem Schauspieler Charly Hübner

DIE ZEIT: Herr Hübner, zum ersten Mal seit 1991 steht ein Ostverein, RB Leipzig, auf Platz eins der Bundesligatabelle. Freut Sie das?

Charly Hübner: Ich finde das super, für die Liga und für die Region. In Zeiten wie diesen gibt das allen hier Selbstbewusstsein. Sachsen ist ja gerade wirklich ein bisschen unten durch, hat zuletzt nur braune Schlagzeilen gemacht, nun macht es auch ein paar RB-rote Schlagzeilen. Ich gönne es Leipzig und dem Osten. Erst kürzlich habe ich Leipzig besucht, diese Stadt hat solch eine gute Ost-West-Patina, ich finde es absolut angemessen, dass hier von jetzt an einer der großen deutschen Fußballvereine spielt.

ZEIT: Und jeder spricht jetzt über Leipzig.

Hübner: Ja! Und zwar in ganz Europa. Vor ein paar Wochen war ich in der Toskana, ich kaufte mir die Sportzeitung Corriere dello Sport und entdeckte dort Lipsia in der Bundesligatabelle ganz weit oben. Erst musste ich zweimal hinsehen, aber dann wurde mir klar: Leipzig spielt jetzt ganz oben mit. Ist plötzlich genauso wie Liverpool oder Turin ein großer Player im Fußball. Da kommt also ein neuer Verein, der in kein Schema passt und der nicht nur sehr viel Geld hat, sondern auch eine überzeugende Idee. Schön!

ZEIT: Passt denn so ein Milliardenimperium wie Red Bull in die neuen Bundesländer?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 49 vom 24.11.2016.

Hübner: Eigentlich hat ein durch und durch spätkapitalistischer Verein wie RB mit dem Osten nichts gemein. Und wenn deshalb manche mit diesem Club fremdeln, kann ich das verstehen. Aber ich selber fremdle nicht. Anderswo in Europa, in England oder Spanien, ist es längst normal, dass Superreiche Fußballvereine aufkaufen und dann richtig viel Geld reinbuttern. Nur so ist der professionelle Spitzenfußball dieser Zeit, den ich ja auch liebe, überhaupt finanzierbar. Mich beeindruckt auch die Spielidee, die RB verfolgt: Mit einer schnellen, kontrollierten Offensive überrumpelt diese Mannschaft ihre Gegner. Und sie gewinnt – weil alle anderen Leipzig gnadenlos und ziemlich arrogant unterschätzt haben. Nun, das ändert sich ja gerade!

2. Weil der Osten Helden braucht

Vielleicht hilft RB gegen die Wut.

Ich sitze auf dem Wiener Heldenplatz in der Sonne, die sich hier wie Frühling anfühlt, und schaue mir noch einmal die aktuelle Tabelle an. Ehrlich gesagt, ich habe am vergangenen Wochenende sogar ein Foto von der Tabelle gemacht, das ich seither immer wieder betrachtet habe, betrachten musste.

Ich musste nämlich nachsehen, ob es wirklich stimmte, dass Leipzig da vor München und Dortmund steht. Oder ob ich mir das nicht eingebildet oder alles nur geträumt habe. Denn natürlich kommen solche Geschichten nur in Träumen vor. In Tagträumen, versteht sich.

Wahr werden sie leider nie. Oder nein, fast nie. Ich sitze also hier in der Sonne und denke daran, wie ich gestern im Flugzeug hierher bereits mit einem mir unbekannten Mann, der neben mir saß und wie ich den Sportteil einer Zeitung las, über den RB gesprochen hatte.

Er sagte, wenn wir schon öfter so eine Tabelle gehabt hätten, wenn das schon öfter passiert wäre, dass ein Ostclub die anderen abhängt, also wenn das Normalität und nicht eine Ausnahme, ein Wunder gar, wäre, dann würde es doch Pegida wahrscheinlich nicht geben, oder?

Dann schaute er fragend mich an, und ich zuckte mit den Schultern. Der Wiener Heldenplatz erinnert mich übrigens ein wenig an den Platz vor der Dresdner Semperoper, und ich denke, natürlich brauchen wir Helden. Jeder braucht sie.

Von Jana Hensel