1. Weil RB Leipzig Stolz stiftet

Ein Gespräch mit dem Schauspieler Charly Hübner

DIE ZEIT: Herr Hübner, zum ersten Mal seit 1991 steht ein Ostverein, RB Leipzig, auf Platz eins der Bundesligatabelle. Freut Sie das?

Charly Hübner: Ich finde das super, für die Liga und für die Region. In Zeiten wie diesen gibt das allen hier Selbstbewusstsein. Sachsen ist ja gerade wirklich ein bisschen unten durch, hat zuletzt nur braune Schlagzeilen gemacht, nun macht es auch ein paar RB-rote Schlagzeilen. Ich gönne es Leipzig und dem Osten. Erst kürzlich habe ich Leipzig besucht, diese Stadt hat solch eine gute Ost-West-Patina, ich finde es absolut angemessen, dass hier von jetzt an einer der großen deutschen Fußballvereine spielt.

ZEIT: Und jeder spricht jetzt über Leipzig.

Hübner: Ja! Und zwar in ganz Europa. Vor ein paar Wochen war ich in der Toskana, ich kaufte mir die Sportzeitung Corriere dello Sport und entdeckte dort Lipsia in der Bundesligatabelle ganz weit oben. Erst musste ich zweimal hinsehen, aber dann wurde mir klar: Leipzig spielt jetzt ganz oben mit. Ist plötzlich genauso wie Liverpool oder Turin ein großer Player im Fußball. Da kommt also ein neuer Verein, der in kein Schema passt und der nicht nur sehr viel Geld hat, sondern auch eine überzeugende Idee. Schön!

ZEIT: Passt denn so ein Milliardenimperium wie Red Bull in die neuen Bundesländer?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 49 vom 24.11.2016.

Hübner: Eigentlich hat ein durch und durch spätkapitalistischer Verein wie RB mit dem Osten nichts gemein. Und wenn deshalb manche mit diesem Club fremdeln, kann ich das verstehen. Aber ich selber fremdle nicht. Anderswo in Europa, in England oder Spanien, ist es längst normal, dass Superreiche Fußballvereine aufkaufen und dann richtig viel Geld reinbuttern. Nur so ist der professionelle Spitzenfußball dieser Zeit, den ich ja auch liebe, überhaupt finanzierbar. Mich beeindruckt auch die Spielidee, die RB verfolgt: Mit einer schnellen, kontrollierten Offensive überrumpelt diese Mannschaft ihre Gegner. Und sie gewinnt – weil alle anderen Leipzig gnadenlos und ziemlich arrogant unterschätzt haben. Nun, das ändert sich ja gerade!

2. Weil der Osten Helden braucht

Vielleicht hilft RB gegen die Wut.

Ich sitze auf dem Wiener Heldenplatz in der Sonne, die sich hier wie Frühling anfühlt, und schaue mir noch einmal die aktuelle Tabelle an. Ehrlich gesagt, ich habe am vergangenen Wochenende sogar ein Foto von der Tabelle gemacht, das ich seither immer wieder betrachtet habe, betrachten musste.

Ich musste nämlich nachsehen, ob es wirklich stimmte, dass Leipzig da vor München und Dortmund steht. Oder ob ich mir das nicht eingebildet oder alles nur geträumt habe. Denn natürlich kommen solche Geschichten nur in Träumen vor. In Tagträumen, versteht sich.

Wahr werden sie leider nie. Oder nein, fast nie. Ich sitze also hier in der Sonne und denke daran, wie ich gestern im Flugzeug hierher bereits mit einem mir unbekannten Mann, der neben mir saß und wie ich den Sportteil einer Zeitung las, über den RB gesprochen hatte.

Er sagte, wenn wir schon öfter so eine Tabelle gehabt hätten, wenn das schon öfter passiert wäre, dass ein Ostclub die anderen abhängt, also wenn das Normalität und nicht eine Ausnahme, ein Wunder gar, wäre, dann würde es doch Pegida wahrscheinlich nicht geben, oder?

Dann schaute er fragend mich an, und ich zuckte mit den Schultern. Der Wiener Heldenplatz erinnert mich übrigens ein wenig an den Platz vor der Dresdner Semperoper, und ich denke, natürlich brauchen wir Helden. Jeder braucht sie.

Von Jana Hensel

"Würde man sich ideale Fans kneten, dann kämen die Anhänger von RB Leipzig dabei raus."

3. Weil man diese Stadt erleben muss

Leipzig ist für Auswärtsfans ein Traum.

Für jeden Bundesligafan ist RB Leipzig schon deshalb ein Glücksfall, weil dieser Verein den Anlass bietet, mal eine wirklich schöne Stadt zu besuchen. Man muss ja, wenn man zu Auswärtsspielen fährt, viel Unangenehmes über sich ergehen lassen: westdeutschen Beton, westdeutsche Langeweile; Städte wie Leverkusen, Gelsenkirchen und Dortmund; Dörfer wie Hoffenheim und Wolfsburg. Viele würden, ohne den Fußball, vermutlich niemals dorthin reisen.

Und dann kommt man aber in Leipzig an, im schönsten Bahnhof Deutschlands. Hohe, helle Kuppel. Man geht zu Fuß zur Nikolaikirche, man legt den Kopf in den Nacken und staunt. Im Sommer läuft man zum Clara-Zetkin-Park, man grillt und spielt Fußball. Ein Spaziergang durch das Musikviertel, denkmalgeschützter Historismus, Villen und Trauerweiden. Man leiht ein Fahrrad und fährt an den Cospudener See, das Wasser ist klar und nicht zu kalt. Und dann geht man eben noch ins Stadion.

Als ich zum Studieren nach Leipzig kam, spielte RB in der dritten Liga. Ich hatte die handelsüblichen Vorurteile, weil ich der Anhänger eines sogenannten Traditionsvereins bin, Eintracht Frankfurt.

Dann besuchte ich das erste Mal das Stadion und war, vom ersten Moment an, positiv überrascht. Man kann es zu Fuß erreichen, vom Zentrum aus dauert das ungefähr eine Viertelstunde. Da steht keine anonyme Arena am Stadtrand wie in Augsburg oder Mainz. Die Stimmung ist euphorisch, aber niemals ekelhaft.

Würde man sich ideale Fans kneten, dann kämen die Anhänger von RB Leipzig dabei raus.

Für mich bot Leipzig die Chance, mir mal RB anzuschauen. Für viele andere wird RB die Chance bieten, sich mal Leipzig anzuschauen. Es warten: Wildheit, Anmut, Altbau und günstiges Bier.

Von Felix Dachsel

4. Weil die Bayern Gegner bekommen

Sogar wir Fans der Münchner freuen uns.

Ich bin Bayern-München-Fan, und RB Leipzig ist das Beste, was mir passieren konnte. Jetzt gibt’s endlich Entlastung. Jetzt gibt’s endlich einen anderen Club, den die Leute alle gemeinsam verachten können.

Es ist ja so: Es gibt niemanden, der zu Bayern keine Meinung hat. Es gibt Bayernfans und Bayerngegner, nichts dazwischen. Ich erlebe keine entspannten Reaktionen auf mein Fansein. Ich treffe nur Leute, die sagen: "Waaaas? Du bist Bayernfan?" Wer Bayernfan ist, wird direkt charakterlich infrage gestellt.

Schön, dass es jetzt RB Leipzig gibt. Die Spieler: alle nur zusammengekauft! Die Fans: erfolgsverwöhnt! Der Etat: komplett finanziert von einem Konzern, den ungesunde Getränke, die nicht einmal schmecken, groß gemacht haben! Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber man kann RB noch viel unverblümter ablehnen als Bayern München. Das ist eine sehr gute Nachricht für mich – und für uns Ossis ganz grundsätzlich übrigens auch. Denn alle anderen Clubs des Ostens kann man nicht guten Gewissens blöd finden. Die tun ja allen nur leid. RB Leipzig ist der erste Fußballclub, der wirklich ernst genommen wird. Auch eine Form von Ostemanzipation.

RB hat mit Bayern einen Wesenszug gemeinsam, den ich bei keinem anderen deutschen Club erkenne: Die unbedingte Fixierung aufs Gewinnen, auf Erfolg. Es zählt ihnen wirklich nur der Sieg. Mir imponiert das. Ich kann mit dem Verliererstolz der Traditionsclubs nichts anfangen. Ich gucke Fußball, weil ich will, dass das Leben – das kompliziert genug ist – in 90 Minuten mal einfach ist: Gewinnen wir, oder gewinnen wir nicht? Fußballkommentatoren nennen das Siegermentalität.

Also: Man muss Rückgrat haben, um Fan von Bayern oder Leipzig zu sein. Man muss es aushalten können. Das ist viel schwerer als irgendwelche Traditionen zu besingen und sich ganz genau auf der richtigen Seite zu wissen. RB-Fan zu sein, das hat man sich ausgesucht. Da wurde man nicht reingeboren.

Übrigens gab es vor 50 Jahren schon mal eine Region in Deutschland, die als rückschrittlich und provinziell galt, ein bisschen so wie der Osten heute. Dann begann ein Verein aus dieser Region, die Bundesliga zu dominieren. Die rückständige Region war Bayern, der Verein Bayern München. Keine Ahnung, ob der Aufschwung des Landes etwas mit dem Erfolg des Vereins zu tun hatte. Ich will einfach daran glauben.

Von Anne Hähnig

"Im Fußball gibt es eine ausgeprägte Schwarz-Weiß-Denkkultur"

5. Weil das einfach großer Sport ist

Denn dieses Team opfert sich auf.

Im Fußball gibt es eine ausgeprägte Schwarz-Weiß-Denkkultur. Gut oder Böse, unten oder oben, dazwischen scheint nichts zu zählen. Das erkennt man deutlich an der Ignoranz all den Vereinen gegenüber, die sich im Tabellenmittelfeld aufhalten.

Bei RB Leipzig ist das spätestens seit dem Aufstieg in die erste Liga anders. Klar, die Millioneninvestitionen Red Bulls rücken den Verein in die Ecke des Bösen, der die Tradition frisst. Die Abwehrhaltung ist nachvollziehbar, aber, um ehrlich zu sein, nicht besonders tiefgründig. Diejenigen, die sich auf den jetzigen Tabellenführer einlassen, müssen feststellen: Der Verein macht es einem schwierig, ihn nicht faszinierend zu finden.

Das liegt natürlich an dem Wunder, die Bayern mit einem viel kleineren Etat überholt zu haben. Aber auch daran, dass sich Leipzig jeglicher Schablone entzieht und zwei Tugenden vereint. Die Lust am Kampf und gleichzeitig eine große Demut, die man an der totalen Aufopferung auf und neben dem Platz erkennt.

Man muss nur mal konzentriert diese junge Mannschaft beobachten, deren Tore meistens dadurch fallen, dass viele Mitspieler ganz schnell mitlaufen oder die Wege des Gegners kreuzen. Oder wie sie beim Verteidigen rennen, und das schon in der Hälfte des Gegners. Dabei dem Gegner pausenlos ihr extrem laufintensives Spiel aufzwingen, der aufgrund des ständigen Drucks auch mehr läuft als sonst und am Ende, wie Leverkusen am vergangenen Freitag, sich völlig erschöpft ergeben muss.

Leipzig wird das taktisch kluge Spiel noch mehr perfektionieren, weiter kämpfen, daran besteht kein Zweifel. Die Kunst wird sein, die Demut zu bewahren, auch dann, wenn die Spieler und die Verantwortlichen verinnerlichen, wie gut und gefragt sie sind.

Von Cathrin Gilbert

6. Weil es unserer Stadt Ruhm bringt

Auch Oberbürgermeister Burkhard Jung ist schon Fan.

Es ist ein tolles Gefühl, am Wochenende die Bundesligaergebnisse in den Nachrichten zu sehen – und Leipzig spielt plötzlich oben mit. Wie selbstverständlich taucht Leipzig jetzt neben München, Köln, Berlin, Bremen und Dortmund auf. Bei der demografischen Entwicklung spielt Leipzig mit seinem starken Wachstum seit Jahren ganz oben mit, ebenso in der Wirtschaft. In der Kultur ohnehin.

Und jetzt kommt der Fußball dazu. Leipzig ist eine boomende Stadt. Es läuft rund – und die Stadt genießt es.

Man neigt ja schnell dazu, zu sagen: Dass es so kommen würde, habe ich immer geahnt. In diesem Fall wäre das mehr als vermessen. Mit einer Tabellenführung habe ich nicht gerechnet. Das erschien mir zu Beginn der Saison Lichtjahre entfernt. Man darf ja nicht vergessen, dass der Aufstieg aus der Zweiten Bundesliga sehr knapp war. Dass RB jetzt vor Bayern München in der Tabelle steht, wäre für mich unvorstellbar gewesen.

Natürlich polarisiert RB, das wird auch noch eine Zeit lang so bleiben. Jetzt aber zu sagen: Die sind nur wegen ihrer Sponsorenmillionen auf Platz eins, das wäre unredlich und scheinheilig.

Es gibt nicht wenige Mannschaften in der Bundesliga mit einem größeren Budget, hauptsächlich gespeist aus Sponsorengeldern und Fernsehrechten. Ginge es dem Verein nur ums Geld, dann hätte er sich eine Startruppe auch schnell zusammenkaufen können.

Aber RB setzt auf Nachwuchsarbeit und Teamgeist – und hat in der Tat das nötige Geld, um sich das leisten zu können. Aber ich kann daran nichts Falsches erkennen.

Von Burkhard Jung

"Die Ossis wissen, wie es läuft"

7. Weil die Ossis nun wissen, wie es läuft

Und plötzlich richtige Kapitalisten sind.

Das hätte uns Ostdeutschen vor ein paar Jahren mal jemand sagen sollen: dass Leute aus München, Köln oder Bremen sich hinstellen und uns vorwerfen würden, dass wir sie mit unserem Geld, Entschuldigung, zukleistern. Und dass wir ihnen mit unserem Geld irgendetwas kaputt machen würden, ihnen die Romantik rauben, ihnen den ganzen schönen Traum von der Tradition und von einem Leben ohne Fixierung auf Zaster zerstören würden.

Hallo, Wessis, was ist mit euch kaputtgegangen? Ganz ehrlich! Ihr seid auch nicht mehr die Alten.

Was ist denn diesmal anders als sonst in den vergangenen 25 Jahren? Da kommt ein reicher Investor mit seinem Geld, und diesmal nimmt er das Geld nicht, um irgendwo zwischen Annaberg und Rostock eine Fabrikhalle zu bauen oder ein Sägewerk oder ein gigantisches Luftdrehkreuz für Paketlieferungen nach München, Köln oder Bremen.

Nein, er nimmt sein Geld, um aus einem unterklassigen Dorfverein einen attraktiv spielenden, sexy ausschauenden, klug organisierten Bundesligaverein zu machen, zu dem die Leute gerne hingehen. In dieser Branche hatte der Osten halt noch Nachholbedarf.

Und plötzlich ist da überall Geschrei: Das dürft ihr nicht! Das kann nicht sein! Auf Twitter fingen Leute tatsächlich an, den Erfolg von RB Leipzig in eine Reihe zu stellen mit Donald Trump und dem Brexit.

Bitte was?

Aber es gibt eben doch einen Unterschied zu dem, was in den vergangenen 25 Jahren auf dem Gebiet des Aufbaus Ost passiert ist, und dieser Unterschied erklärt zugleich die Wut des Westens. Dieser Unterschied ist: Erstmals nutzt der Osten das Geld, das ihm ein reicher Investor gegeben hat, um den Westen auf einem seiner Spezialgebiete zu schlagen. Der Osten ist nicht nur Empfänger von Almosen, er nimmt die Kohle und macht was draus, und zwar mit aller Wucht.

Man könnte sagen: Plötzlich hat der Osten auf einem sehr entscheidenden Gebiet den Kapitalismus besser verstanden als der Westen. Er legt ihn konsequenter aus. Das ist der Aspekt der Zeitenwende am Phänomen Rasenballsport Leipzig.

Dass sich die Argumente der RB-Gegner jetzt im Kreis drehen, liegt letztlich genau daran: Wer dem Osten immer vorwarf, die Regeln noch nicht verstanden zu haben, kann ihm jetzt nicht vorwerfen, ein Streber zu sein.

Von Martin Machowecz

8. Weil RB dieser Gesellschaft nützt

Der Forscher Timo Meynhardt über einen Club für alle Schichten.

DIE ZEIT: Herr Meynhardt, Sie sind Professor an der Handelshochschule Leipzig und untersuchen, welche gesellschaftlichen Werte der Club RB für Stadt und Region schafft. Was haben Sie herausgefunden?

Timo Meynhardt: Wir stecken noch mitten in den Untersuchungen, aber wir sind auf eine ganz interessante Erkenntnis gestoßen: Hier hat sich nicht irgendeine Region mit irgendeinem Getränkehersteller getroffen. Ob bewusst oder nicht, RB hat sich eine Gegend ausgesucht, in der die größte Offenheit für so ein Projekt herrscht. Gesellschaftlich, historisch, auch von der Mentalität her.

ZEIT: Was hat das mit Mentalität zu tun?

Meynhardt: Ich würde sagen, dass es in Ostdeutschland eher die Bereitschaft gibt, einen Club zu akzeptieren, der strengen Regeln folgt, der alles der Sache unterordnet, jedenfalls scheinen das unsere Befragungen zu ergeben. Und die Menschen wissen, was sie dafür bekommen: RB stiftet Identität, RB gibt Regionalstolz, wertet die Stadt auf, hilft für das Leipzig-Marketing ebenso wie für die Infrastruktur. Der Verein ist schon wirklich Gold wert für die Region.

ZEIT: Wie erforschen Sie so etwas?

Meynhardt: Wenn wir Studien zum Public Value durchführen, also zur Wirkung von Organisationen auf das Gemeinwohl, befragen wir Dutzende Experten in aufwendigen Verfahren, nach Methoden der Psychologie und der Sozialwissenschaften. Das können im Fall eines Fußballvereins Fans sein, Funktionäre, Journalisten, Sponsoren und viele andere. Wir wollen wissen, welche Ausstrahlung ein Konzern, ein Verein in die Gesellschaft hat. Wir haben unsere Untersuchung schon mit Bayern München gemacht. Die stehen für ein Lebensgefühl: extrem modern, aber traditionsverhaftet. Eben "Mia san mia".

ZEIT: Und RB?

Meynhardt: In aller Vorsicht, weil unsere Untersuchungen noch laufen: Wenn Bayern ein moderner Club ist – der Vergangenheit verpflichtet, den Blick nach vorne –, ist RB fast postmodern. Dieser Verein ist an keine Historie gekettet, sondern macht viele kleine Identifikationsangebote: Er ist offen für alle Klassen und Schichten, für Neureiche wie für Arme, Studenten wie Arbeitslose. Jeder kann etwas hineinprojizieren, jeder ist ansprechbar. Das ist capitalism at its best. Wie alles hier die konsequenteste Form von Kapitalismus ist.

ZEIT: Inwiefern?

Meynhardt: Es ist eine Plattitüde, aber: Geld schießt keine Tore. In Leipzig trifft Geld auf fähige Menschen. Die machen Tore draus.

"Wir, in Leipzig, können noch alles beeinflussen"

9. Weil die Arena nicht den Krawallos gehört

Hier ist Fußball friedlich, sagt die Linke Luise Neuhaus-Wartenberg.

Mein Sohn war zwei Jahre alt, als wir erstmals gemeinsam zu einem Spiel von RB gegangen sind. Inzwischen ist der Kleine sechs, wir haben Dauerkarten – und ich kenne kein zweites Stadion, in dem man sich als Familie so sicher fühlen kann. Ich war vor geraumer Zeit im Stadion von Hansa Rostock. Irgendwer zündete von der gegnerischen Mannschaft Pyrotechnik an, da saß ich plötzlich im Nebel. Ein komisches Gefühl.

Vor Jahren war es in Leipzig ja genauso, da gab es Fußball oft nicht ohne Ärger. Wenn die beiden Traditionsclubs Chemie und Lok gegeneinander spielten, konnte man davon ausgehen, dass es Krawalle gab. Vielleicht war die Sehnsucht nach friedlichem Fußball deshalb in unserer Stadt besonders groß. Ich bin Landtagsabgeordnete und engagiere mich inzwischen als ehrenamtliche Fanvertreterin. Manchmal werde ich gefragt, ob das eigentlich irgendetwas mit meinem Beruf zu tun hat. Ich antworte dann: Nein, im Gegenteil. Politik hat im Stadion von RB nichts zu suchen. Hier wird wirklich darauf geachtet, dass keiner seine Parolen brüllt. Rassistischen Unsinn habe ich im Stadion noch nie gehört. Die Leute sind aufmerksam. Einmal saß einer mit Klamotten von Thor Steinar im Stadion. Der wurde sofort in eine Diskussion verwickelt.

Wir, in Leipzig, können noch alles beeinflussen. Es stimmt: Wir sind keinen Traditionen verpflichtet. Aber wir sind dabei, unsere eigenen Traditionen zu schaffen. Wir Fanvertreter machen uns Gedanken darüber, wie wir eigentlich mit dem Hass umgehen, der uns manchmal entgegenschlägt. Vorige Woche schmissen gegnerische Fans einen Farbbeutel auf den Mannschaftsbus. Mein großer Wunsch ist es, dass wir in solchen Situationen immer lässig bleiben. Denn diese Art, wie wir von anderen verachtet werden, bindet uns sowieso noch viel enger an diesen Club. Das werden unsere Gegner jetzt nicht so gern hören, aber gerade die Wut auf RB schweißt uns vielleicht mehr zusammen.

Von Luise Neuhaus-Wartenberg

10. Weil Retorte jetzt was Normales ist

Leverkusenfans sind nicht mehr allein.

Als Leverkusenfan bin ich es gewohnt, dass Fußballdeutschland auf mich herabsieht. Manchmal werde ich auch als Kuriosum angestaunt: "Leverkusenfans? Ich dachte, die gibt’s gar nicht." Viel Unschönes habe ich zu hören bekommen mit den Jahren: Pillendreher, Vizekusen, Verlierer der Herzen. Anscheinend wird uns, dem echten Bayer, immer noch übel genommen, dass wir vor mehr als hundert Jahren als Turn- und Spielverein 1904 der Farbenfabrik vormals Friedrich Bayer Co. Leverkusen an den Start gegangen sind.

Deshalb, liebe Anhänger von RB Leipzig, grämt euch nicht über die Häme der anderen. Die Häme bleibt, gewöhnt euch lieber daran. Wie? Am besten wie der Eremit von Mascha Kaléko: "Sie warfen nach ihm mit Steinen / Er baute aus ihnen sein Haus."

Ehrlich, ich bin wirklich sehr froh, dass es euch gibt. Endlich gibt es einen Verein, der noch leidenschaftlicher gehasst und verspottet wird als meiner. Endlich können auch wir Leverkusener mal herabschauen auf andere.

Deshalb: Bleibt der Bundesliga möglichst lange erhalten! Und noch ein Tipp: Lernt verlieren, das schult den Charakter. Deutscher Meister werden ist leicht, die deutsche Meisterschaft in letzter Minute vergeigen, braucht aber Größe. Doch ihr schafft das. Da habe ich volles Vertrauen. Danke übrigens, dass ihr uns gerade mit 3:2 besiegt habt. Das hat uns Demut gelehrt. Ihr lernt das auch noch.

Von Raoul Löbbert

11. Weil das Schöne nun so nah ist

Denn Sachsen verdient Spitzenfußball, findet Eckhard Jesse.

Sie müssen wissen, ich bin Sportfan, großer Sportfan. Ich versuche, alles zu sehen. Weltmeisterschaft, Europameisterschaft, Bundesliga. Ich verfolge das begeistert, auch die Spiele von RB Leipzig. Das meiste erlebe ich daheim vor dem Fernseher, in unserem Haus nahe Freiberg. Aber ich liebe es auch, im Stadion zu sein. 1995 war ich beim letzten Bundesligaheimspiel von Dynamo Dresden vor deren Abstieg, gegen Bayern München verloren sie mit 0:1. Danach konnte man in Sachsen nur noch Spiele der zweiten oder dritten Liga erleben.

Aber jetzt muss ich endlich nicht mehr nach München fahren, um Bundesligafußball zu sehen! Ich war letzte Woche im Stadion in Leipzig, das Publikum war wunderbar. Nichts ist so anziehend wie der Erfolg. Im Stadion habe ich mal wieder gesehen, welche überragenden Leute da spielen, ein Forsberg, ein Keïta – ich bin wirklich begeistert von ihnen. Im Stadion sieht man ja auch, wie viel die Spieler laufen, die gerade nicht den Ball haben. Ist der Gegner im Ballbesitz, preschen drei, vier Leipziger nach vorn. Auch die Professionalität des Klubs ist beachtlich. In meinen Sportzeitschriften habe ich gelesen, dass RB den Spielern schon in der Halbzeitpause erste Videoanalysen der wichtigsten Szenen zusammengeschnitten hat. Ich kann mir mittlerweile vorstellen, dass die Mannschaft wirklich unter die ersten drei gelangt.

Es ist nur gerecht, dass die Sachsen jetzt nicht mehr durch halb Deutschland fahren müssen, um das zu erleben. Dass sie es jetzt wieder hier haben, vor der Haustür. Das ist wichtig für das Selbstvertrauen dieser Region, und es ist wichtig, weil Sachsen so einmal anders ins Gespräch kommt als durch tatsächliche oder vermeintliche Skandale. Sachsen hat es nicht verdient, dass über dieses Bundesland immer nur verächtlich gesprochen wird. RB Leipzig sorgt dafür, dass es eine sächsische Erfolgsgeschichte gibt, dass das Sachsen-Bild differenzierter wird, dessen bin ich mir sicher.

Von Eckhard Jesse