Geschichte der Debatte

Im Christ&Welt-Interview skizzierte der bayerische Finanzminister und Protestant Markus Söder vor zwei Wochen sein Verständnis von Kirche und Staat – und löste damit eine Debatte zwischen hochrangigen Vertretern beider Seiten aus. Söder sagte: "Die Kirchen sind nicht die Gewerkschaften des Himmels", und fügte hinzu: "Es wäre für die Kirchen besser, sie würden sich stärker auf den Glauben konzentrieren und weniger Politik machen." Der Staat solle sich um seine Angelegenheiten kümmern, die Kirche um ihre: "Kirchen sollten keine Ersatzparteien sein." Söder begründete seine strenge Aufgabenteilung mit der Pflicht des Staates, Gerechtigkeit gegen jedermann üben zu müssen – was bedeute, nicht immer auch barmherzig sein zu können.

In dieselbe Kerbe schlug Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble auf der Synode der evangelischen Kirchen in Magdeburg Anfang November. In seinem Grußwort legte der Minister Wert auf die gleiche Unterscheidung: Der Staat sei nicht für Barmherzigkeit zuständig, er müsse nur die Grundlage dafür schaffen, dass der Einzelne barmherzig handeln könne. Laut Schäuble muss der Staat daher demütig zu der Erkenntnis kommen, dass sich moralische Eindeutigkeit nicht umstandslos in Politik übersetzen lässt.

Mit ihren Thesen setzten die beiden Politiker eine Debatte in Gang, in der sich zunächst der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, zu Wort meldete. Als Reaktion auf Söders Aussagen im Christ&Welt-Interview erklärte er: Zwar seien Bischöfe keine Politiker, doch viele Christen engagierten sich politisch: "Denn die Gestaltung der Welt gehört zum christlichen Auftrag." Nicht zum christlichen Auftrag beziehungsweise zur christlichen Soziallehre gehört laut Marx die Unterscheidung zwischen einer nur barmherzigen Kirche und einem nur gerechten Staat.

Während der Flüchtlingskrise war es besonders der Münchner Erzbischof gewesen, der sich vehement gegen eine Obergrenze, wie sie die CSU verlangte, aussprach. Damit zog er sich seinerzeit bereits den Unmut der CSU zu, die in Fragen des Asyls und der Integration eine weniger barmherzige Position als der Kardinal pflegt.

Aus dem Südwesten Deutschlands kam später Schützenhilfe für Kardinal Marx von einem Kollegen: Der Trierer Bischof Stephan Ackermann kritisierte die von Schäuble und Söder herausgestellte Aufgabenteilung in Sachen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zwischen Kirche und Staat ebenfalls: "Sie würde einen großen Verlust an Humanität bedeuten", sagte Ackermann. Kirche und Staat seien jeweils für beides, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, "in die Pflicht genommen".

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Einige Tage nach Erscheinen des Interviews mit Markus Söder in Christ&Welt widersprach auch der CSU-Vorsitzende selbst, der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer: "Ich will, dass sich die Kirchen und Religionsgemeinschaften einmischen in die tägliche, praktische Politik", sagte der CSU-Vorsitzende. Wenn Kirchen sich zu aktuellen Fragen äußerten, könne dies zwar zu Diskussionen führen. Doch das sei nicht schädlich, sondern belebend und befruchtend. Niemand aus den Kirchen müsse sich daher für Einmischung entschuldigen, sagte Seehofer.

Ein sich politisch durchaus einmischender und bekennender Christ ist Seehofers CSU-Stellvertreter, der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber. Vor Kurzem ist er erstmals ins Zentralkomitee der deutschen Katholiken gewählt worden. Weber ermunterte Katholiken, sich in politischen Debatten zu Wort zu melden: "Engagierte Katholiken müssen sich gerade in Zeiten der Unsicherheit und des gesellschaftlichen Umbruchs einmischen", sagte Weber letzten Sonntag im bayerischen Wildenberg – wie er das genau gemeint hat, lesen Sie in seinem Statement auf Seite 9.

Christina Rietz