Wenn ein Konflikt unter Sozialdemokraten am Ende nur dem politischen Gegner nützt, dann muss jemand in der SPD etwas falsch gemacht haben. Am vergangenen Samstag hat die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Dorothee Martin den Kampf um die Kandidatur für den Bundestag im Hamburger Wahlkreis Nord gewonnen. Es war ein bemerkenswerter Konflikt, nicht nur weil die Siegerin selbst es so sieht. "Wir sind hier alle echt nicht zimperlich", sagt Dorothee Martin, "aber diese Qualität der Auseinandersetzung habe ich in 18 Jahren in der SPD noch nicht erlebt."

Anonyme Briefe an den Arbeitgeber, eidesstattliche Erklärungen in der Lokalpresse über Details der privaten Lebensführung, Recherchen über Briefkästen und Türschilder – das war nichts für schwache Nerven.

Zu den Kuriositäten dieses Konflikts gehört, dass der wesentliche Inhalt der Vorwürfe sich wohl nur Sozialdemokraten erschließt. Dorothee Martin hat eine Wohnung in Fuhlsbüttel, ihre Kritiker aber werfen ihr vor, sie lebe in Wahrheit am Hofweg. Außerhalb der SPD gilt ein Wohnsitz auf der Uhlenhorst gewöhnlich nicht als ehrenrührig. Unter linken Sozialdemokraten aber wird diese Nachricht so verstanden: Die Immobilienmanagerin Martin, die neben ihrem Bürgerschaftsmandat für den Wohnungskonzern Vonovia arbeitet, habe sich die Zweitwohnung in Fuhlsbüttel zugelegt, um billig an ein proletarisches Image zu kommen.

Wer verbreitet so etwas? Ihr unterlegener Mitbewerber um die SPD-Kandidatur, der Immobilienunternehmer Maximilian Schommartz, versichert, er habe mit der Kampagne nichts zu tun. Allerdings hat Schommartz sich während des öffentlichen Streits um einen Immobiliendeal im Schanzenviertel einen Medienberater zugelegt, der nicht nur Sozialdemokrat ist, sondern in zwei früheren Leben Redakteur bei der Hamburger Morgenpost und der Bild war, die in dieser Kampagne eine Rolle spielten.

Frage an den Medienberater Matthias Onken: Hatten Sie etwas mit dem Zustandekommen der Berichterstattung über mögliche Wohnsitze von Frau Martin zu tun?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Antwort: "Meine Mandatierung fokussierte darauf, mit offensiver Kommunikation und Transparenz einer Diffamierungskampagne entgegenzutreten, die eine beispiellose Allianz aus militanten und politischen Gegnern gegen den Unternehmer Max Schommartz bis zum Tag der Kandidatenwahl betrieben hat."

Man tut Onken kaum unrecht, wenn man feststellt: Ein klares Nein ist das nicht.

"Jeder andere hätte gewonnen", sagen Kritiker der Siegerin über den Verlierer

Früher mussten hartgesottene Sozialdemokraten ihre Konkurrenten noch selbst mobben, heute beschäftigen sie Profis für "offensive Kommunikation".

Auch wenn am Image der SPD nun Dreck kleben bleibt, dies war keine "Schlammschlacht", wie etliche Hamburger Medien immer wieder behaupteten – denn wenig spricht dafür, dass die Siegerin Dorothee Martin sich schmutziger Tricks bedient hat. Im Gegenteil, mit professioneller Demut hat sie gegenüber Partei und Öffentlichkeit Details ihres Privatlebens offengelegt, von denen die meisten sagen würden, sie gingen niemanden etwas an.

Dies war auch kein politischer Flügelkampf, denn beide Kandidaten gehören dem rechten Lager innerhalb der SPD an.