Hamburger Mediziner sollen Patientendaten verfälscht haben, um schneller Spenderorgane zu bekommen. Betroffen sind laut einem Prüfbericht das Transplantationszentrum am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und die angeschlossene Lungenklinik in Großhansdorf. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt. Wegen der Unregelmäßigkeiten ist die Leitung des Universitätsklinikums in der Hamburger Bürgerschaft in die Kritik geraten. Am Donnerstag war die verantwortliche UKE-Leitung zur Stellungnahme im Gesundheitsausschuss der Bürgerschaft, wo UKE-Chef Burkhard Göke die Vorwürfe der Manipulation erneut zurückwies. Er räumte aber ein, dass Akten von sieben Patienten fehlten. In der ZEIT äußert sich auch erstmals der Direktor des Transplantationszentrums, Hermann Reichenspurner, zu den Vorwürfen.

1. Was ist passiert?

Eine Kommission aus Vertretern der Bundesärztekammer, der gesetzlichen Krankenkassen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft hat 25 Hamburger Lungentransplantationen aus den Jahren 2010 bis 2012 untersucht und dabei in 14 Fällen massive Mängel festgestellt. Die Kommission schreibt in ihrem Bericht von "erheblichen Dokumentationslücken und klinisch ungeklärten Fragestellungen". Einerseits soll der Krankheitszustand einiger Patienten schlechter dargestellt worden sein, als er tatsächlich war – wohl um einen höheren Dringlichkeitsplatz auf der Transplantationsliste der europäischen Organvermittlungsstelle Eurotransplant zu bekommen. Die dokumentierten Sauerstoffsättigungswerte seien zum Teil " grotesk niedrig " gewesen, schreibt die Kommission – sie seien "über Wochen und Monate selbst bei Gesunden nicht mit dem Leben vereinbar". Anderseits standen der Kommission einige Akten gar nicht erst zur Verfügung, sodass sie in ihrem Bericht den Verdacht äußert, "dass auf diese Weise systematisches Fehlverhalten der beteiligten Ärzte vor Entdeckung bewahrt werden sollte". Dieser Verdacht jedoch konnte abschließend mit den "zu Gebote stehenden Mitteln" letztlich "weder bestätigt noch ausgeräumt" werden, wie die Kommission am Ende ihres Berichts einräumt.

2. Wie reagiert das UKE?

In einer ersten offiziellen Stellungnahme des Klinikums heißt es, man erkenne berechtigte Kritikpunkte aus dem Prüfbericht an, sehe jedoch "keinerlei Anhaltspunkte für Eingriffe in die Rangfolge von Patienten auf der Transplantationsliste". Das heißt: Die Patientendaten sind aus Sicht des UKE nicht bewusst verändert worden. Vielmehr seien unterschiedliche Dokumentationsmethoden in Hamburg und der kooperierenden Klinik in Großhansdorf dafür verantwortlich, dass den Prüfern Akten fehlten, heißt es in der Stellungnahme. Diese hatten in ihrem Bericht kritisiert, "dass es dem UKE für einen Zeitraum von drei Jahren nicht möglich war, Patientenakten auszudrucken, und bis jetzt nicht einmal Bildschirmausdrucke (sog. Screenshots) (...) gemacht werden konnten", dies sei "unergiebig". Das UKE versichert, dass die kritisierten Mängel in Dokumentation und Aktenführung seit 2013 behoben seien. "Wichtig ist, dass wir unser System regelmäßig auf den Prüfstand stellen", sagt der Direktor des UKE-Transplantationszentrums, Hermann Reichenspurner. "Nach eigener zehnjähriger Tätigkeit in der Prüfungskommission bin ich nach wie vor sehr betroffen von der Tonalität und Einseitigkeit des Prüfberichts."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

3. Welches Ausmaß haben die Vorwürfe?

Deutschlandweit existieren etwa 50 Transplantationszentren, in denen im vergangenen Jahr mehr als 3.700 Organe transplantiert wurden. Nachdem schon 2012 bekannt geworden war, dass in Kliniken in Göttingen, München und Leipzig Krankheitswerte von Transplantationspatienten manipuliert worden waren, dürfen die aufwendigen Operationen nur noch in ausgewiesenen Zentren durchgeführt werden. Diese werden inzwischen mindestens einmal in drei Jahren unangekündigt überprüft. Bei diesen Kontrollen stellte die Prüfkommission nun Unregelmäßigkeiten vor Lungentransplantationen am UKE und in Großhansdorf fest. Doch auch in anderen Zentren dokumentierte die Kommission "systematische Richtlinienverstöße und Manipulationen", wie es im aktuellen Tätigkeitsbericht heißt. So vermuten die Prüfer Falschangaben bei mehr als 100 Lungen- und Herztransplantationen, unter anderem in München, Jena und am Deutschen Herzzentrum in Berlin. Die Vorwürfe gegen das UKE wiegen dennoch besonders schwer, schreibt die Kommission. Denn, so heißt es: Die Prüfer konnten ihrer gesetzlichen Aufgabe "nur in sehr eingeschränktem Maße" nachkommen, die Richtigkeit der an Eurotransplant gemeldeten Patientendaten zu überprüfen, "weil die dazu notwendigen Originalunterlagen (...) weder in Papierform noch in elektronischer Fassung vollständig vorgelegt werden konnten". Dies habe es "in diesem Ausmaß bei keiner anderen Zentrumsprüfung" gegeben. Zudem habe das UKE gegenüber den Patienten seine "Aufsichtspflichten in erheblichem Maße verletzt", weil es über deren Daten offenbar nur eine unzureichende Dokumentation vorlegen konnte.

4. Wer trägt die Verantwortung?

Nachdem das UKE intern per Mail über die Vorkommnisse informiert hatte, haben in der Klinik viele Mitarbeiter über "den Skandal" gesprochen. Aus UKE-Kreisen hört man, dass die meisten der Meinung seien, dass hier Dokumentationsfehler aufgebauscht würden.

In einem Interview mit Bild spricht UKE-Chef Burkhard Göde gar davon, dass seine Klinik für konkurrierende Transplantationszentren womöglich "als Bedrohung empfunden" wurde. Auch UKE-intern ist zu hören, dass es sich um "eine Anschwärzung auf Chefarztebene" handeln könnte. Der Verdacht: Eine andere Klinik könnte dafür gesorgt haben, dass über das vermeintliche Fehlverhalten berichtet wurde. Möglicherweise handele es sich sogar um eine Retourkutsche gegen Hermann Reichenspurner, der sich im Organspende-Skandal 2012 sehr kritisch zu den Vorgängen in anderen Kliniken äußerte. Grundsätzlich gilt es als eher unwahrscheinlich, dass Reichenspurner direkt in mögliche Manipulationen verwickelt gewesen ist. Er hatte im fraglichen Zeitraum keine Zuständigkeitsverantwortung. Außerdem werden die Anträge, die an den Organvermittlungsdienst Eurotransplant gestellt werden, meist von den zuständigen Ober- und Fachärzten koordiniert. Sollte es tatsächlich zu Versäumnissen gekommen sein, schätzen Insider, dann wohl deswegen, weil die Patientenakten möglicherweise schlicht unsauber geführt wurden. Hermann Reichenspurner räumt ein, dass sieben Papierakten tatsächlich nicht mehr auffindbar seien. "Dies bedauern wir zutiefst."