Wer den Gedanken an Siechtum, Sterben und Tod verdrängt, war vor einer Woche an dieser Stelle zu lesen, ist glücklich und um sein Nichtwissen zu beneiden. Beides stimmt nicht. Man kann den Tod nicht aus dem Leben lügen. Er schaut einen an, wenn man im Spiegel das erste graue Haar entdeckt. Wenn die feinen Augenlinien zu Faltenfurchen werden, die sich irgendwann nicht mehr zuspachteln oder wegspritzen lassen. Wenn man merkt: Man hat nicht die Ewigkeit, um Kinder und Karriere zu machen. Unsere schwer, müde, kahl und unfruchtbar werdenden Körper sind der unübersehbare Beweis: Wir sind Sterbende allesamt.

Zugegeben, das ist kein schöner Gedanke. Warum ihn heute denken und nicht auf morgen verschieben? Michel de Montaigne würde jetzt wohl sagen: Weil "die Selbstblendung" der "Notbehelf des gemeinen Volkes" ist und von "tierischer Dummheit" zeugt. "Berauben wir den Tod seiner Unheimlichkeit", fordert er deshalb in "Philosophieren heißt sterben lernen", "pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn!" Denn das Leben, so Montaigne, habe kein Übel mehr für den, der verstanden hat, dass der Verlust des Lebens gar kein Übel ist.

Das ist schön gesagt (wenn man die snobistische Verachtung des Pöbels mal ignoriert). Aber, erstens, sind auch französische Philosophen gut darin, sich und andere zu blenden – warum sonst etwa darf Bernard-Henri Lévy immer noch im französischen Fernsehen mit entblößter Altmännerbrust unterm Goldkettchen das Weltgeschehen deuten? Und zweitens ist der Gedanke, dem Tod die Unheimlichkeit zu nehmen, indem man als Beobachter neben ihm steht und sich seinen Teil denkt, eine Anmaßung, die sich vom staunenden Glotzen des Autobahngaffers nur durch die pseudointellektuelle Rechtfertigung unterscheidet.

Wer glaubt, des Todes denkend Herr werden zu können, verharmlost ihn und macht die Todesverachtung zur bloßen Pose, zum hehren wie leeren Ideal, das sich angesichts des eigenen Tods oder des geliebter Menschen noch bewähren muss. Da ist die Verdrängung schon sympathischer. Denn sie ist menschlicher in ihrer unterdrückten Angst. In ihr ist die Ehrfurcht vor der Tragödie des Verschwindens unter der Oberfläche zumindest ansatzweise noch erhalten.

Dazu muss man nur in ein deutsches Hallenbad an einem normalen Montag um halb zwölf gehen, wenn Deutschland arbeitet oder in Rente ist. Da zieht mittlerweile eine Generation Senioren Bahnen, die von Ärzten darauf konditioniert wurde, der Vergänglichkeit durch Bewegung, gesunde Ernährung und medizinische Rundumbetreuung ein Schnippchen schlagen zu können. Vergeblich natürlich. Doch schon der Gedenke, Macht zu haben über den eigenen Körper, ist verführerisch und lässt Krankheit als persönliche Verfehlung erscheinen: "Was, Onkel Theo ist am Herzkasper gestorben? – Selbst schuld. Der hat doch mal geraucht. Und dick war er auch."

Der falsche Glaube an die Machbarkeit von Gesundheit bewirkt, dass man weniger Mitgefühl mit denen empfindet, die ihren Tod vermeintlich verdient haben. Kurzfristig gewährt die Verdrängung so ein Glück, um das man die Glücklichen schwerlich beneiden kann: Der Tod der anderen wird zum Beweis, dass man selbst lebt. Im "survival of the fittest" ist schließlich jeder, der montags schwimmt, konkurrenzfähiger als Onkel Theo, der nicht mehr schwimmen kann.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Lediglich wenn der Tod scheinbar unerwartet und unverschuldet über den Schwimmer kommt, etwa wenn er – keiner weiß, warum – an ALS erkrankt und bei vollem Bewusstsein jede Kontrolle über seinen Körper verliert, ist er des ungeteilten Mitleids wert. Dann erklärt man sich solidarisch mit dem Toten, übergießt sich ihm zu Ehren im Internet eimerweise mit Eiswasser, nimmt der Tragödie des Todes den Schrecken, indem man sie zur Gaudi macht, googelt Amyotrophe Lateralsklerose und fragt sich ängstlich, ob die eingeschlafenen Füße im Kino schon die ersten Symptome eines Siechtums sind, das einem den Tod vermasselt, den man meinte verdient zu haben.

Denn natürlich macht man sich Gedanken über den Tod. Wer ihm davonzuschwimmen versucht, denkt insgeheim ständig an ihn. Der ist darauf aus, den Tod, wie der Historiker Philippe Ariès in seiner Geschichte des Todes schreibt, endgültig mit dem Glück zu versöhnen, indem man ihn "zum diskreten, aber würdigen Ende eines befriedigten Lebens" degradiert, "zum Abschied von einer hilfreichen Gesellschaft, die nicht mehr zerrissen noch allzu tief erschüttert wird von der Vorstellung eines biologischen Übergangs ohne Bedeutung".