Drehte man einen Moment lang den Ton ab und betrachtete einfach den Mann, der da auf der Bühne der Redoutensäle steht, man könnte meinen, es handele sich um einen Literatur- oder Philosophieprofessor. Jemand Ausgeruhtes. Das Gesicht fein geschnitten, schmale Brille, Dreitagebart.

Und dann dreht man den Ton wieder an. Herbert Kickl, 48, Generalsekretär der FPÖ, spricht vom "mieselsüchtigen linken Flügel im Parlament", von "der linken Gesinnungsstasi", "der medialen Stalinorgel". Man müsse, sagt er, den Feind im Eigenen suchen. Den Freudomarxismus, der sich unter dem Deckmantel der Wissenschaft überall eingenistet habe, Familie, Heimat, Wurzeln zerstöre. Europa habe "sich zu verteidigen gegen eine unter dem Deckmantel des Fortschritts daherkommende Geistesschwäche". Es ist eine Rede von rhetorischer Perfektion, scharf, ironisch, voller Wortneuschöpfungen. Er verurteilt die Frankfurter Schule und spricht doch so, dass ihn auch jene begreifen dürften, die noch nie davon gehört haben. Hier steht ganz offensichtlich einer, der sein Handwerk versteht.

Anhänger wie Gegner attestieren Kickl, "das Mastermind der FPÖ" zu sein. Und hier im Saal, in dem sie sich an diesem Oktobersamstag zum Kongress der "Verteidiger Europas" versammelt haben, hoffen sie auf einen Erfolg. Die Männer mit Schmiss. Der serbische Professor, der darüber sinniert, ob es sich bei den Flüchtlingen nicht um "eine biologische Waffe" handele, gesandt von unseren Feinden, "um Europa zu zerstören". Der österreichische Finanzexperte, der darüber klagt, dass die Abkehr vom Goldstandard den Mann "vom Wolf zum Chihuahua" mutieren ließ. Und Jürgen Elsässer, Chefredakteur der deutschen Zeitschrift Compact, der sich darüber freut, in Österreich "Asyl gefunden zu haben für Positionen, die in Deutschland nicht möglich sind", im "Herzen der Finsternis" des "Merkel-Regimes": "Ihr in Österreich habt die Chance, nicht nur Protest auszudrücken, sondern zur Macht zu gelangen! Ihr in Österreich müsst vorangehen!"

Die Chance, von der Elsässer spricht, das ist die Wahl an diesem Sonntag, wenn die Österreicher in einem dritten Anlauf über ihren Bundespräsidenten abstimmen werden. Die beiden Männer, die bei dieser Stichwahl gegeneinander antreten, könnten unterschiedlicher nicht sein. Norbert Hofer, 45, von der FPÖ und Alexander Van der Bellen, 72, ehemals Chef der Grünen, der sich offiziell als unabhängiger Kandidat zur Wahl stellt. Seit einem Jahr befindet sich das Land im Dauerwahlkampf, spielt sich hier ein Politdrama ab, das sich so kein Drehbuchautor hätte ausdenken können. Im Mai schlug Van der Bellen seinen Herausforderer mit hauchdünner Mehrheit, die FPÖ klagte dagegen. Der Verfassungsgerichtshof verfügte in einem mittlerweile umstrittenen Urteil, die Wahl wiederholen zu lassen, weil es bei der Auszählung zu Unregelmäßigkeiten gekommen war. Jetzt stehen die beiden Männer in Umfragen wieder Kopf an Kopf, doch wer gibt noch etwas auf Umfragen seit dem Brexit, seit dem Wahlsieg Donald Trumps.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

In vielen Ländern sind Bewegungen auf dem Vormarsch, die sich wie die FPÖ gegen "das System" richten und eine Nation feiern, die sie vor Flüchtlingen und Einwanderern, vor allem aber vor dem Islam beschützen wollen. Nirgends sonst in Westeuropa aber haben sie so viel Einfluss wie hier, wo knapp die Hälfte der Wähler Hofer ihre Stimme gegeben hat. Deshalb schauen jetzt viele nach Österreich. Leute wie Elsässer, weil sie lernen möchten, wie sie einen solchen Erfolg in ihren Heimatländern kopieren könnten. Andere, weil sie genau das vermeiden möchten.

Wer verstehen will, wie die FPÖ so groß werden konnte, der sollte sich mit dem Mann treffen, der sie so groß gemacht hat. Herbert Kickl ist außerhalb Österreichs wenig bekannt, weil er eher im Hintergrund agiert als auf offener Bühne. "Wenn eine Partei ein Schiff ist, dann bin ich lieber im Maschinenraum als beim Kapitänsdinner", sagt er über sich selbst. "Dort ist auch der Torpedoraum." Er hält Distanz, bei Parteitagen stand er früher draußen in der Halle und schaute sich die Reden auf dem Bildschirm an, vielen in der Partei war er anfangs suspekt, sie hielten ihn für einen "Linksliberalen", und doch stellen sie sich hinter ihn – weil er den Erfolg bringt.

Wer diesen Wahlkampf beobachtet hat, dem musste auffallen, wie meisterhaft die FPÖ das Handwerk der politischen Kommunikation beherrscht – in all ihren Facetten. Der Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer war einst Trainer für psychologische Redeschulung – was er selbst vehement bestreitet – und vermag es, jede Sachdiskussion freundlich lächelnd in Sekunden zu zerstören. Er lächelt selbst dann lausbubenhaft weiter, wenn er öffentlich der Lüge überführt wird. "Kennen wir einen Moslem, der im Pflegebereich tätig ist, der bereit ist, unseren Senioren die Windeln zu wechseln?", hat Hofer in einer Rede behauptet. Von einem Fernsehmoderator darauf hingewiesen, dass die Caritas allein in Wien 130 Muslime beschäftige, erwidert er: Es müsse sich dabei um die moderaten Muslime aus Bosnien handeln, "ich habe jedenfalls noch nie eine Pflegekraft in Burka gesehen". Punkt gemacht. Das Ressentiment wird stetig genährt, egal, ob die FPÖ nun in einem Festakt des 333. Jahrestags der Befreiung Wiens von den Türken gedenkt ("Abendland beschützen – damals wie heute") oder bewusst Islam und Islamismus gleichsetzt.